Relegation

Beinahe-Katastrophe – dann kam Ilicevic

Im Relegationshinspiel gegen den Karlsruher SC trifft der HSV-Kroate zum 1:1-Ausgleich. Der Zweitligist scheitert noch zweimal an der Latte.

Hamburg.  Was man vom ersten Relegationsspiel zwischen dem HSV und dem KSC wissen muss, lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: Die Hamburger haben nur 1:1 gespielt und werden, wenn sie sich nicht deutlich steigern, am Montag gegen 20.50 Uhr den Status Bundesliga-Dino verlieren.

Was war das wieder für eine erste Hälfte? Es grenzt schon an Masochismus, sich immer wieder diese armen Darbietungen anschauen zu müssen. 56.615 Zuschauer, davon rund 3000 aus Baden, bekamen womöglich ein letztes Mal anschaulich demonstriert, warum es zu dieser fußballerischen Katastrophe kommen und die ewige Bundesliga-Uhr des HSV nach etwa 51 Jahren, 281 Tagen, vier Stunden und 54 Minuten gestoppt werden könnte. Wer Zeuge dieses Relegationsspiels wurde, muss sich bei vielen Szenen ernsthaft fragen, was diese Profifußballer eigentlich unter der Woche üben. Handwerkliche Fehler am Fließband ließen die HSV-Anhänger verzweifeln: Pässe ins Nichts, schlechte Ballannahmen, Rückpassorgie statt Vorwärtsdrang.

+++ Einzelkritik: Holtby war kaum zu ertragen +++

KSC zeigte modernen Fußball

Wie heute moderner Fußball aussieht, zeigten die Gäste das erste Mal in der vierten Minute, als Rouwen Hennings, bedient von Dimitrij Nazarov bei einem schnellen (!) Konter, einfach mal aus 20 Metern den Abschluss wagte und der Ball zum Entsetzen des Publikums vom rechten Innenpfosten ins Tor prallte. Ausgerechnet Hennings! Schließlich war der 27-Jährige einst als HSV-Internatsschüler in Hamburg ausgebildet worden, konnte sich aber während der Amtszeit von Thomas Doll nicht bei den Profis etablieren.

Logisch, die frühe Führung spielte dem KSC voll in die Karten. Sehr selbstbewusst bildete der Zweitliga-Dritte eine dichte Defensive und sorgte mit einigen schnellen Vorstößen immer wieder für Gefahr. Wer sich jetzt fragt, wo die Auflistung der HSV-Chancen bleibt, muss enttäuscht werden: Es gab in der ersten Hälfte nach dem 0:1 keine. Einzig Ivica Olic, der trotz seiner Rückenprobleme auflaufen konnte, hatte in der Anfangsphase mit einem Kopfball nach einer Ostrzolek-Ecke knapp den KSC-Kasten verpasst (3.).

Ja, die HSV-Spieler kämpften, berannten das KSC-Bollwerk, aber ohne Sinn und Verstand. Es dauerte sage und schreibe bis zur 42. Minute, ehe Gojko Kacar einen Verzweiflungsschuss aus 25 Metern abgab und Olic den Ball abfälschte. Eine Minute später zielte Pierre-Michel Lasogga aus der Distanz vorbei. Dass der HSV am Ende das Opfer seiner chronischen Harmlosigkeit vor dem Tor sein könnte, ist kein Zufall, sondern nur konsequent. Eine Zumutung, was Lewis Holtby bot. Grausam, wie viele Abspielfehler Kacar und Díaz produzierten. Und vorn waren Lasogga und Olic ein wirkungsloses Sturmduo. Einzig Ivo Ilicevic fiel noch positiv auf.

+++ Das Minutenprotokoll zum Spiel +++

„Es ist bekannt, dass der HSV Probleme hat, das Spiel zu machen“, sagte der 2014 entlassene Manager Oliver Kreuzer in seiner Halbzeitanalyse bei der ARD, „sie leisten sich viel zu viele Ballverluste, der KSC ist die klar bessere Mannschaft.“ Nach einem Rückstand konnte der HSV, der erstmals in 2015 zweimal mit der gleichen Startformation begann, nur zwei Punkte in der Bundesliga ergattern, in einen Sieg umwandeln konnten die HSV-Profis ein 0:1 nicht ein einziges Mal.

Hamburger SV im Glück

Lange unansehnlich blieb das Hamburger Spiel auch nach der Pause. Beinahe wäre in der 53. Minute schon alles vorbei gewesen für die Mannschaft von Trainer Bruno Labbadia, als erst Torres Jiminez aus elf Metern und dann Nazarov aus gut 30 Metern die Latte trafen. Glück auch für den HSV, als Johan Djourou Reinhold Yabo an der Strafraumgrenze foulte, der Karlsruher sich aber nicht fallen ließ (69.). Schiedsrichter Deniz Aytekin hätte Elfmeter pfeifen müssen. Unermüdlich machten die HSV-Fans in der Nordtribüne Alarm, aber es dauerte bis zur 63. Minute, ehe Díaz mit seinem – was sonst – Fernschuss für Torgefahr sorgte. Die Initialzündung für die Schlussoffensive?

Na ja, der Kampfgeist und die Moral stimmten. Die Hausherren berannten aber eher uninspiriert das KSC-Tor, fanden die Lücke nicht. Bis zur 73. Minute, als Ivo Ilicevic nach Vorlage des eingewechselten Dennis Diekmeier aus elf Metern abzog – und traf! 1:1, plötzlich gab es wieder etwas Hoffnung.

„Auswärtssieg“, sangen die HSV-Fans nach dem Abpfiff, doch wirklich Mut macht nur, dass die Spieler trotz noch so schlechter Leistungen nicht aufgeben und es immer wieder versuchen. 90 Minuten plus Nachspielzeit bleiben dem HSV jetzt noch am Montag, für den Klassenerhalt alles zu geben. Heiko Westermann und Gojko Kacar werden dann gelbgesperrt nur Zuschauer sein. Die Konstellation ist klar: Bei einem Sieg des KSC und einem 0:0 ist der HSV abgestiegen, bei einem Hamburger Sieg oder einem Remis ab 2:2 aufwärts lebt der Dino weiter. Zittern bis zum bitteren Ende.