Beiersdorfer legt nach

„Die Spieler entscheiden, ob sie sich vorführen lassen“

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Kai Schiller

Nach dem 0:4 in Leverkusen üben sich die HSV-Verantwortlichen erneut in Krisenrhetorik. Hoffnung machen nur noch Lasogga und Díaz.

Leverkusen/Hamburg. Das gemütliche Familienfrühstück am Ostersonntag fiel aus. Am Morgen nach dem desaströsen 0:4 in Leverkusen stand Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer in der Garage des Volksparkstadions und suchte nach Antworten statt nach Eiern. Der HSV-Chef, dem Feiertag entsprechend hanseatisch in einer schwarzen Anzughose, einem hellblauen Hemd, und mit einer dunkelblauen Strickjacke gekleidet, wählte seine Worte sehr sorgfältig.

Zwischen Frage und Antwort vergingen immer ein paar Sekunden, jeder Satz sollte seinen Sinn und Zweck erfüllen. „Wenn wir uns so präsentieren wie in Leverkusen“, sagte Beiersdorfer, und machte eine kurze Pause, um dem folgenden Halbsatz entsprechendes Gewicht zu verleihen, „dann werden wir keine Chance haben, die Klasse zu halten.“

Knapp 18 Stunden waren zwischen dem Abpfiff in der BayArena und der Krisenaufarbeitung im Bauch des Volksparkstadions verstrichen, doch die Wunden des Vortags waren noch lange nicht verheilt. „Das war kein Überlebenskampf“, kritisierte Beiersdorfer am Sonntag. „Und ohne Überlebenskampf können wir in dieser Saison in der Bundesliga nicht überstehen.“

„Für unsere Fans ist es eine schwere Zeit“

1:13 Chancen hatten die Statistiker gezählt, 4:25 Torschüsse, 45:55 Prozent gewonnene Zweikämpfe – und 0:4 Tore. Der Vorstandsvorsitzende sprach von „mentaler Schwäche“, von „fehlender Haltung und Präsenz“. Auf dem Rasen müsse es die Mannschaft richten. „Da entscheiden die Spieler, ob sie sich vorführen lassen, ob sie Grenzen setzen oder nicht.“ Und dann sagte Beiersdorfer nach einer weiteren Gedankenpause diese zwei Sätze, die verdeutlichen, wie sehr diese 90 Minuten des Vortags an ihm genagt hatten: „Für unsere Fans ist es sicherlich eine schwere Zeit. Aber auch für uns.“, sagte er. „Nur so wird das nichts.“

Es war nicht das erste Mal in dieser Saison, dass die Scherben des Spiels im Anschluss verbal aufgefegt werden mussten. Doch anders als in der Vergangenheit schien den HSV-Verantwortlichen nach dem Totalschaden in Leverkusen die in so einer Situation dringend benötigten Werkzeuge abhanden gekommen zu sein. Ein erneuter Trainerwechsel? Schon zweimal versucht. Ein neuer Sportchef?? Schon probiert. Die Androhung einer Strafversetzung in die U23??? Längt ausgesprochen. Alles schon gemacht, alles schon versucht, alles schon getan.

+++ Einzelkritik: HSV-Profis maximal zweitligareif +++

„Ich habe gesehen, auf wen ich mich verlassen kann und auf wen nicht“, hatte Trainer-Manager Peter Knäbel durchgreiferisch am Vortag gesagt. Doch wen genau er damit meinte, hatte der Interimsnachfolger des beurlaubten Joe Zinnbauer genauso offengelassen wie die Konsequenzen („Man spricht es an, und dann gibt es wieder eine Aufstellung gegen Wolfsburg.“) und vor allem die kaum zu beantwortende Frage, auf wen er sich nach diesen 90 Minuten denn bitteschön noch ernsthaft verlassen könnte.

Nur Djourou und Adler standen Rede und Antwort

Sieben Spiele vor dem Saisonende scheint sich in Hamburg immer mehr die Gewissheit breitzumachen, dass es nach der Pleiten-Pech-und-Pannensaison im Vorjahr diesmal möglicherweise kein zweites Happy End geben könnte. Ob sich wie in der vergangenen Spielzeit tatsächlich ein zweites Mal in Folge zwei Mannschaften finden, die noch mehr um den Abstieg in die Zweite Liga betteln? Kaum denkbar. „Nach dem frühen 0:1 waren wir tot“, hatte Kapitän Johan Djourou direkt nach dem Spiel, das vorbei war, ehe es angefangen hatte, erkannt.

Dabei ehrte es den Schweizer, dass er sich neben René Adler als einer von zwei Spielern den fragenden Medienvertretern gestellt hatte, zumal es sein Fehler vor dem ersten Tor war, der das Debakel eingeleitet hatte. „Wir wissen, was Abstiegskampf ist – und jetzt müssen wir damit anfangen“, sagte also Djourou, wusste aber auch nicht so recht, ob er den eigenen kämpferischen Worten auch wirklich noch selbst glauben sollte.

„Wir brauchen Männer. Heute habe ich keine elf Männer auf dem Platz gesehen“, hatte Knäbel nach dem erlösenden Schlusspfiff gesagt, dabei aber offengelassen, woher plötzlich die schon von Herbert Grönemeyer besungenen „Männer“ kommen sollten. Kapitän Djourou? Ex-Kapitän Heiko Westermann? Aggressiv Leader Valon Behrami? Rückkehrer Ivica Olic? Allesamt Führungsspieler, die in Leverkusen vorneweg in den Abgrund marschierten. Und Rafael van der Vaart? Pierre-Michel Lasogga? Lewis Holtby? Allesamt nur noch Bankdrücker.

Viel ist es nicht mehr, was Hoffnung auf Besserung macht. Doch so einfach die weiße Fahne vor dem Saisonendspurt hissen, das wollen Beiersdorfer und Knäbel dann doch nicht. Marcelo Díaz sei ja wieder fit, fand Knäbel nach ein wenig Nachdenken dann doch noch einen Strohhalm, an dem man sich festhalten konnte. Der Chilene würde der Mannschaft Ballsicherheit und Präsenz geben. Und auch Lasogga hätte endlich mal zwei Wochen am Stück trainiert. „Mir ist klar, dass wir irgendwann die Variante mit zwei Spitzen spielen müssen“, sagte der Trainer-Manager, der als Interimscoach den Negativstartrekord von Holger Hieronymus mit 0:4 eingestellt hatte. „Ich kann Ivi ja nicht die ganze Zeit da vorne alleine lassen.“

Doch kann das wirklich reichen? Am Sonnabend kommt der VfL Wolfsburg, das mit 23 Punkten bislang beste Team dieser Rückrunde. „Die Mannschaft muss lernen, Erfolgserlebnisse zu fühlen“, forderte Beiersdorfer den Griff in die Psychologiekiste ein. Klappt auch das nicht, wird der Vorstandsvorsitzende wohl am kommenden Sonntag erneut nach Antworten suchen müssen. Doch irgendwann gehen sogar die Fragen aus. „Ich wünsche ein frohes Osterfest“, sagte Beiersdorfer schließlich, als alles und nichts gleichermaßen besprochen war, „auf Wiedersehen.“

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