HSV im Abstiegskampf

Jarchow stellt van Marwijk Freifahrtschein gegen Hertha aus

Die HSV-Verantwortlichen wollen Druck von der Mannschaft nehmen und geben den Spielern gleichzeitig ein Alibi bei einer möglichen Niederlage gegen Hertha. Van Marwijk erhält weiterhin Rückendeckung.

Hamburg. Geben die Verantwortlichen des HSV inzwischen bereits vor den Spielen auf? Nach Sportdirektor Oliver Kreuzer spricht nun auch HSV-Boss Carl-Edgar Jarchow von einer Niederlage gegen Hertha BSC am Sonnabend (18.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei abendblatt.de).

„Wenn wir gegen Hertha verlieren, dann gewinnen wir eben gegen Braunschweig“, sagte Kreuzer am Sonntag dem Abendblatt und gab Trainer Bert van Marwijk trotz der längsten Niederlagenserie seit 44 Jahren eine Job-Garantie über das nächste Spiel hinaus: „Er ist der Richtige, weil er genug Erfahrung hat und die Dinge auch richtig anpackt.“

Nach dem 0:3 in Hoffenheim, der fünften Niederlage in Serie, ist der HSV auf Platz 17 abgestürzt und neben Eintracht Braunschweig derzeit Abstiegsfavorit, wie Kreuzer gestand. „Keiner setzt mehr einen Pfifferling auf den HSV“, so der Sportchef.

Van Marwijk erhält indes auch von Club-Präsident Carl-Edgar Jarchow Rückendeckung. „Egal was passiert, am Vertrauen in unseren Trainer wird sich nichts ändern“, betonte der Vereinschef und ergänze im kicker: „Auch eine Niederlage gegen Berlin würde nichts an unserem Vertrauen in van Marwijk ändern.“

Fährt ein Coach in der Bundesliga Niederlagen nonstop ein, wird er normalerweise vom Hof gejagt. Das ist wie ein Pawlow'scher Reflex. Beim HSV scheint man von dem brutalen Mechanismus nicht mehr überzeugt zu sein. Sechs Chef- und vier Interimstrainer hat der Verein in den vergangenen fünf Jahren verschlissen, geändert hat sich am Kriechgang der Hamburger durch die Eliteliga jedoch nichts. Außerdem würde den klammen Bundesligisten ein erneuter Trainerwechsel wohl teuer zu stehen kommen.

Seit Jahren wird über die Ursachen gerätselt. Eine befriedigende Antwort konnten selbst gestandene Fußball-Experten nicht liefern. Wird die Mannschaft seit Jahren falsch zusammengesetzt? Ist sie untrainierbar oder zu genügsam? Oder sind Profis und Trainer gar zu faul, wie die Bild-Zeitung in den vergangenen Tagen mutmaßte.

Der unglückliche van Marwijk ist ein Beleg für die Richtigkeit wissenschaftlicher Studien, wonach sich Trainerwechsel meistens nur kurzfristig positiv auswirken. Nach acht Punkten aus den ersten vier Spielen gewann der HSV unter dem früheren Bondscoach nur eine der letzten neun Begegnungen. Ist der Motivationseffekt des Neuen verpufft, geht es weiter wie gehabt. Beim HSV ist das schon ein ehernes Gesetz. „Der Trainer kann machen, was er will. Das ist unsere Schuld“, gestand Kapitän Rafael van der Vaart.

Jansen, Lasogga und Adler vor Rückkehr

Genauso sieht es Jarchow. „Immer wieder wurde hier der Trainer gewechselt. Jetzt ist schon wieder die Position im Gerede. Mich ärgert daran, dass so immer wieder die hoch bezahlten Spieler aus dem Fokus genommen werden. Ihnen wird ein Alibi geliefert, aber sie stehen in der Pflicht“, sagte der Präsident dem kicker. Der begnadete Fußballer Van der Vaart, der zuletzt häufig blass blieb, leistete einen Offenbarungseid: „Am Ende fehlt es an Qualität.“ Ex-Torhüter Frank Rost schrieb hingegen in einer „Bild“-Kolumne: „Der HSV hat genug Qualität, aber zu wenig Mentalität.“

Kreuzer klagt das Team an, da es selbst aus der x-ten Wiederholung eklatanter Fehler nicht lernt. „Ich glaube kaum, dass die Spieler die Fehler nicht mehr begehen, wenn ein anderer Trainer an der Linie steht“, meinte der Sportchef verzweifelt. Die Profis müssten endlich umsetzen, was der Coach ihnen Tag für Tag vorgibt. Dagegen glaubt er nicht, dass das verunsicherte Team psychologische Hilfe braucht.

Hoffnung auf Besserung versprechen sich die Hanseaten durch die Rückkehr mehrerer Leistungsträger. Nationalspieler Marcell Jansen soll nach einer Knieprellung bald wieder spielen wie Torjäger Pierre-Michel Lasogga nach einem Muskelfaserriss und Nationaltorwart René Adler nach auskuriertem Bänderriss. Und wenn der HSV weiter verliert? Ex-HSV-Profi Franz Beckenbauer will sich das gar nicht erst ausmalen: „Ich kann mir den HSV nicht in der 2. Liga vorstellen. Beim besten Willen nicht. Die sind von der ersten Stunde an dabei.“