Ein Trainer im Fokus

Trotz der Schalke-Klatsche besteht HSV-Coach van Marwijk, der ähnlich wie Vorgänger Fink meist in die Heimat fährt, auf seinen freien Tag. Ein Fehler?

Hamburg. In Meerssen, so behaupten es zumindest die etwa 15.000 Einwohner, lässt es sich ganz vorzüglich leben. Die Gemeinde in der niederländischen Provinz Limburg besteht aus der Ortschaft Meerssen, dem Dorf Bunde und einigen kleineren Ansiedlungen. Bekannt ist Meerssen aber vor allem für seine St.-Bartholomäus-Basilika – und seinen Ehrenbürger Bert van Marwijk, der an seinem Heimatort vor allem eines schätzt: Unweit der Einmündung der Geul in die Maas könne man ganz vorzüglich abschalten und seine Probleme zumindest kurzfristig vergessen.

Und Probleme hat HSV-Trainer van Marwijk derzeit mehr als genug.

Nach nur 16 Punkten aus der Hinrunde hatte der Niederländer bereits in der Winterpause Alarm geschlagen. Der HSV stecke mitten im Abstiegskampf, sagte der 61 Jahre alte Fußballlehrer, wer das nicht begreife, der habe in der Bundesliga nichts verloren. Seine Konsequenz: Alles, aber wirklich alles müsse einzig und allein auf das erste Rückrundenspiel gegen Schalke 04 ausgerichtet werden. Doch 90 ernüchternde Minuten später war klar: Alles war bei Weitem noch nicht genug.

0:3 ging der HSV im eigenen Stadion unter, stürzte auf Relegationsplatz 16 ab und hat nur noch zwei Punkte Vorsprung auf einen direkten Abstiegsrang. Und van Marwijk? Fuhr wie jede Woche ins schöne Meerssen. Den trainingsfreien Dienstag wollte der einstige Nationalcoach nicht opfern – und auch am Mittwoch belässt es van Marwijk im Gegensatz zur Annahme von Sportchef Oliver Kreuzer bei nur einer Einheit.

„Kein verantwortungsvoll handelnder Trainer würde in der jetzigen Situation freigeben und nach Hause fahren“, kritisiert Olaf Kortmann, der als Management- und Mentaltrainer arbeitet, „als Trainer sollte man Führungskraft und auch Vorbild sein, sonst macht man sich unglaubwürdig.“

Van Marwijk könne und sollte seine Spieler gerade in dieser Situation auch ohne zusätzliche Belastung fordern, sagt der frühere Volleyball-Nationaltrainer, der in der Vergangenheit mehrere HSV-Profis im Personalcoaching betreut und sich – erfolglos – als HSV-Aufsichtsrat beworben hatte: „Allein über Blutuntersuchungen lässt sich ein Übertraining vermeiden. Aber ich behaupte mal, dass van Marwijk keine Ahnung von Trainingswissenschaft hat.“

Harte – und beim HSV vor allem altbekannte – Vorwürfe. So wurde auch van Marwijks Vorgänger Thorsten Fink – intern und extern – stark für seine wöchentlichen Ausflüge kritisiert. Einziger Unterschied: Während Fink den Montag für einen Abstecher nach München bevorzugte, gibt van Marwijk lieber am Dienstag frei und fährt zur Familie. „Man kann nicht öffentlich fordern, die Zügel anzuziehen, dann aber doch wie immer trainingsfrei geben und die Mannschaft sich selbst überlassen“, kritisiert Kortmann, der großen Wert darauf legt, nicht grundsätzlich gegen Heimatbesuche zu sein. Nur eben alles zu seiner Zeit.

So nehmen sich auch Werder Bremens Robin Dutt und Frankfurts Armin Veh die Freiheit, regelmäßig einen Tag in der Woche in die Heimat zu fahren. Aber anders als van Marwijk, der noch immer im Hotel wohnt und dies auch nicht ändern will, haben sowohl Dutt als auch Veh einen festen Wohnsitz in Bremen beziehungsweise Frankfurt. Er brauche die regelmäßigen Besuche in der Heimat, um Kraft für die Bundesliga zu tanken, konterte Dutt mal den Vorwurf, er wäre als leitender Angestellter zu oft in der Ferne statt bei den Profis.

Tatsächlich dürfte weniger die Abwesenheit als vielmehr die Anwesenheit entscheidend für die Beurteilung eines Trainers sein. Doch auch hier gibt es laut Kortmann, am Sonnabend zu Gast bei „Matz ab live“, bei van Marwijk Optimierungsbedarf. So könne er kaum nachvollziehen, dass bei insgesamt gerade mal fünf Trainingseinheiten in dieser Woche der Umfang vom gemeinschaftlichen Mannschaftstraining bei rund sechseinhalb Stunden liegen soll. Zum Vergleich: die HSV-Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, die von Kortmann als Teammanager mitbetreut werden, trainierten mehr als 25 Stunden in der Woche: „Natürlich müssen Fußballer anders trainieren als Beachvolleyballer, aber mit leistungsdiagnostischer Begleitung würde auch den Fußballern ein höherer Umfang guttun. Es gibt 1000 Möglichkeiten, die Mannschaft auch ohne zusätzliche Belastung zu fordern.“ Man könne an so einem Dienstag zum Beispiel zum Videostudium bitten, Einzelgespräche führen oder in Kleingruppen defensive und offensive Laufwege einstudieren, sagt Kortmann: „Es ist doch kein Geheimnis, dass man nur durch viele, viele Wiederholungen einen Lerneffekt herstellt.“

Dieser Grundgedanke scheint sich – auch ohne Aufforderung vom Trainer – immerhin bei einem Großteil der Profis herumgesprochen zu haben. So kamen gleich mehrere Spieler am trainingsfreien Dienstag zur Arena, ließen sich von der medizinischen Abteilung pflegen oder nutzten das Angebot von Athletikcoach Nikola Vidovic zu einer Sondereinheit. Mannschaftstraining ist dagegen erst wieder an diesem Mittwoch um 15.30 Uhr angesetzt – nach van Marwijks Rückkehr aus Meerssen.