Der Anti-Mourinho

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Kai Schiller

Nach der Dringlichkeitssitzung der HSV-Kontrolleure wird Bert van Marwijk am Mittwoch vorgestellt. Ein Porträt

Hamburg. Die Frau hatte Schuld, natürlich. Das behauptete zumindest Lambertus „Bert“ van Marwijk, als er vor einigen Jahren gefragt wurde, warum er eigentlich Fußballlehrer geworden ist. Ehefrau Marian, die van Marwijk bereits seit Schulzeiten kennt und liebt, soll ihn also in den Neunzigerjahren animiert haben, seine Trainerlizenz zu machen. Und was die Ehefrau sagt, das ist überall auf der Welt so, das wird selbstverständlich auch gemacht.

So gesehen dürften sich HSV-Chef Carl Jarchow und Sportchef Oliver Kreuzer glücklich schätzen, dass auch van Marwijks bessere Hälfte ihr Einverständnis gegeben hat, nachdem sich die beiden Hamburger am vergangenen Mittwoch mit Marians Mann in der Nähe von Düsseldorf zu einem ersten Gedankenaustausch getroffen hatten.

Kreuzer und Jarchow waren sich schnell einig, dass der erfahrene Trainer, der die niederländische Nationalmannschaft 2010 in Südafrika überraschend zur Vizeweltmeisterschaft geführt hatte, genau der richtige Nachfolger des vergleichsweise unerfahrenen Thorsten Fink ist. Auch van Marwijk, 61, der zuletzt lukrativere Anfragen aus der Türkei, Griechenland und sogar aus England ablehnt hatte, spürte noch einmal das Feuer in sich. Fehlte also nur noch die Zustimmung des Aufsichtsrats und vor allem Marians Jawort. Die HSV-Kontrolleure trafen sich am Montagabend zur Dringlichkeitssitzung – nur Marian van Marwijk war schneller.

Am Mittwoch wird der frühere Trainer von Borussia Dortmund also beim HSV vorgestellt. Doch was macht den „Anti-Mourinho“, wie die FAZ ihn nannte, eigentlich aus, was kann der Dressman, dessen feiner Zwirn während der WM 2010 in den Niederlanden ein echter Verkaufshit war, wirklich?

Die Antwort fällt schwerer, als man vielleicht denkt. Van Marwijk wurde nach dem Uefa-Cup-Sieg mit Feyenoord Rotterdam 2002 gefeiert, er wurde 2006 nach zweieinhalb durchwachsenen Jahren in Dortmund gefeuert. Mit der Nationalmannschaft wurde er als Vizeweltmeister 2010 zum Helden und zwei Jahre später nach dem punktlosen EM-Aus zum Sündenbock. Mal setzt der Disziplinfanatiker auf begeisternden Offensivfußball mit dem so typisch niederländischen 4-3-3-Angriffssystem, dann eilt ihm der Ruf voraus, dass er mit einer für sein Land eher untypischen 4-2-3-1-Taktik auf eine starke Defensive setzt. Van Marwijk gilt als Talentförderer, der auch den späteren HSV-Profi Erik Meijer und in Dortmund Nuri Sahin entdeckte. Dann wiederum soll er bei der EM 2012 zu sehr auf die alte Garde gesetzt haben, weswegen er nach dem Turnier seinen Hut nehmen musste.

„Ich arbeite gerne mit schwierigen Spielern zusammen“, sagte er mal, eckte aber gleichzeitig immer wieder mit ebendiesen Profis an. Einzige Konstante in van Marwijks Leben, so scheint es, ist sein Privatleben, über das der ohnehin schon introvertierte Fußballlehrer öffentlich schon gar nicht sprechen will.

In Hamburg ist man sich trotzdem einig, dass der Schwiegervater des früheren Bayern-Stars Mark van Bommel – heute Jugendtrainer beim PSV Eindhoven – genau der Richtige ist. Der Vater zweier Töchter – Andra und Karin – hat bereits in Dortmund bewiesen, dass ihn Vereine in finanzieller Notlage nicht abschrecken. „Als ich hierher kam, wusste ich, dass es einen Motorschaden gibt. Dass er aber so groß ist, wusste ich nicht“, sagte er damals über die Fast-Pleite des BVB, die ihn zu einem rigorosen Sparkurs zwang. „Bert van Marwijk hat die Sanierung authentisch mitgetragen“, lobte seinerzeit BVB-Geschäftsführer Joachim Watzke.

Der „coolste Trainer der Liga“ („Süddeutsche Zeitung“) ist stoisch und gleichzeitig kompromissbereit. Das bewies er auch in den Verhandlungen mit dem HSV. Neben Roel Coumans, den van Marwijk von seinem Ex-Club Fortuna Sittard mitbringt, wollte er bis zuletzt auch 1990-Weltmeister Andreas Möller als Spielbeobachter beim wenig überzeugten HSV-Vorstand durchdrücken. Laut Jarchow wird Möller aber „auf keinen Fall“ kommen, was van Marwijk akzeptieren musste.

Der Mann mit den silbrigen Haaren, den Weggefährten von früher auch als dickköpfig beschreiben, ist entspannter geworden. Van Marwijk muss nicht mehr jedem und allen etwas beweisen. Er ist Europapokalsieger, Vizeweltmeister, Ritter und, was kaum einer weiß, sogar Weltmeister. Es war 1975, also ein Jahr nachdem das deutsche Nationalteam die Niederländer im WM-Finale mit 2:1 besiegte, als dem damals 23-Jährigen der ganz große Wurf gelang. Gemeinsam mit seinem Vater wurde er Weltmeister im Klaverjassen, einem in Holland beliebten Kartenspiel. Und in die Karten, das schätzt man auch beim HSV, lässt sich van Marwijk bis heute nicht gern schauen.

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