Fußball-Bundesliga

Der Kampf des HSV gegen das Millionenminus

Weil die Finanzlage schlimmer als gedacht ist, empfiehlt der HSV-Vorstand dem Aufsichtsrat einen neuen Vermarkterdeal. Drohen etwa DFL-Auflagen?

Hamburg. Der HSV-Aufsichtsrat wird an diesem Mittwoch um 18 Uhr die Qual der Wahl haben: Currywurst, Kartoffelsuppe oder kleine Putenschnitzel. Neben der deftigen Kost, daran gibt es keine Zweifel, dürften den Kontrolleuren im Verlauf eines langen Abends in der Sportfive-Loge der Imtech Arena aber vor allem deftige Zahlen präsentiert werden. "Natürlich sprechen wir über unsere finanzielle Situation", sagt Gastgeber Carl Jarchow, der im Vorfeld keine der kursierenden Millionensummen offiziell kommentieren will.

Im kleinen Kreis wird der Vorstandschef des HSV am Abend allerdings nicht darum herumkommen, den interessierten Räten zu offenbaren, dass nach einem Minus von 4,9 Millionen Euro in der Saison 2010/11 und einem Verlust von 6,6 Millionen Euro in der Spielzeit 2011/12 das zu erwartende Minus für das laufende Geschäftsjahr weitaus höher ausfallen wird. Innerhalb des Aufsichtsrats wird schon länger mit einem Minus im zweistelligen Millionenbereich gerechnet, sogar Schwierigkeiten im Lizenzierungsverfahren werden befürchtet. "Damit rechne ich nicht", sagt Jarchow dem Abendblatt, "die Liquidität für die kommende Spielzeit wird nicht gefährdet sein."

Tatsächlich ist der Nachweis der Liquidität der wesentliche Faktor im Lizenzierungsverfahren der Deutschen Fußball-Liga (DFL), das in Paragraf 8 der Lizenzierungsordnung klar geregelt ist. Bis zum 15. März muss der HSV sämtliche Zahlen bei der DFL in Frankfurt einreichen, eine Antwort dürfen die Verantwortlichen bis Mitte April erwarten. Probleme mit der Liquidität sind allerdings schon deswegen nicht zu erwarten, weil der HSV von der Fananleihe von 17,5 Millionen Euro profitieren kann. Die Gelder sind zwar für das zukünftige Nachwuchsprojekt HSV-Campus zweckgebunden, dürfen aber für den Nachweis der Liquidität benutzt werden. Überhaupt nicht rosig sieht allerdings die Entwicklung des Eigenkapitals aus, auf das die Lizenzierungsprüfer ebenfalls Wert legen. Von den 15,4 Millionen Euro Eigenkapital, das dem HSV zu Beginn dieser Saison zur Verfügung stand, dürften bis zum Ende des laufenden Geschäftsjahrs am 30. Juni kaum etwas übrig sein. Mit einem negativen Eigenkapital rechnet Jarchow allerdings nicht: "Unser Ziel ist es, im positiven Bereich zu bleiben."

Zuletzt erhielt der HSV vor ziemlich genau zehn Jahren Lizenzierungsauflagen durch die DFL. Nach dem damaligen Rekordminus von 12,5 Millionen Euro und fehlenden Sicherheiten für die Spielzeit 2003/2004 - zu dem Zeitpunkt fehlte noch ein Hauptsponsor - kam der HSV nur mit einem blauen Auge davon. Als vorläufige Auflage musste der HSV akzeptieren, im Kalenderjahr 2003 keine zusätzlichen Schulden zu machen, zudem forderte die DFL bis Mitte August eine aktualisierte Kalkulation für die neue Spielzeit. Es waren allerdings nur zeitlich begrenzte Auflagen, bereits in der Folgesaison erhielt der HSV die Lizenz ohne weitere Bedingungen. Nach den wirtschaftlichen Erfolgsjahren im Europapokal mit zwei Halbfinalteilnahmen wurde der HSV sogar als einer von nur drei Bundesligaclubs mit einem vereinfachten Lizenzierungsverfahren belohnt - ein Privileg, über das sich der Verein nun nicht mehr freuen darf.

Bei der Aufsichtsratssitzung an diesem Mittwoch dürfte der eine oder andere Kontrolleur vom tatsächlichen Ausmaß der Verbindlichkeiten überrascht werden. Noch im Januar hatte Jarchow betont, dass das Millionenminus sehr viel geringer ausfallen würde als öffentlich angenommen. Es war wohl eher das Prinzip Hoffnung, da der Vereinschef darauf setzte, noch im Winter kostspielige Ladenhüter (Gojko Kacar, Marcus Berg, Ivo Ilicevic, Slobodan Rajkovic, Jacopo Sala) auf dem Transfermarkt abzugeben. Zur Erinnerung: Sportchef Frank Arnesen und dessen Vorstandskollegen hatten sich als Ziel selbst auferlegt, durch Wintertransfers 6,4 Millionen Euro zu akquirieren, geschafft wurde letztendlich nur knapp eine Million Euro durch Gehaltseinsparung bei den verliehenen Paul Scharner (Wigan Athletic) und Robert Tesche (Fortuna Düsseldorf). Darüber hinaus war die Entwicklung der Zuschauereinnahmen, der Fernsehgelder und auch beim lukrativen Hospitalitybereich nicht so erfolgreich wie erhofft.

Hauptgrund der angespannten Finanzlage ist allerdings die sportliche Fehleinschätzung bei der Saisonplanung, die auf der Zielgeraden des Sommers teuer behoben wurde. Alleine für Rafael van der Vaart, Petr Jiracek und Milan Badelj musste der HSV rund 21 Millionen Euro bezahlen. Möglich war dies nur, weil Milliardär Klaus-Michael Kühne für Lieblingsspieler van der Vaart ein Darlehen von acht Millionen Euro gewährte. Zudem ist der Kader mit knapp 43 Millionen Euro der fünftteuerste der Liga. Zum Vergleich: Der SC Freiburg, derzeit auf Platz fünf in der Bundesliga, gönnt sich einen Spieleretat von 16,1 Millionen Euro.

Als Konsequenz der miserablen Finanzlage wird der Vorstand den Aufsichtsräten nach Abendblatt-Informationen vorschlagen, sich zeitnah auf einen neuen Vermarkterdeal zu einigen. "Diese Möglichkeit gibt es, wie viele andere aber auch", sagt Jarchow vorab. Mit der vorzeitigen Verlängerung des eigentlich erst 2015 auslaufenden Vertrages zwischen dem HSV und Sportfive oder dem weniger wahrscheinlichen Abschluss mit einem Wettbewerber (zum Beispiel Infront) könnte der HSV die Bilanz des laufenden Geschäftsjahrs erheblich aufbessern. Eine "Signing Fee" in Millionenhöhe ist bei derartigen Abschlüssen üblich. Voraussetzung dafür ist aber, dass sich Verein und Vermarkter bis zum 30. Juni dieses Jahres auf eine neue Zusammenarbeit einigen.

Schon jetzt klar ist, dass der bereits vor zwei Jahren offiziell verkündete Sparkurs des Vereins gezwungenermaßen vom Sommer an erst so richtig umgesetzt werden soll. Klappt die angestrebte, aber teure Vertragsverlängerung von Heung Min Son tatsächlich, dürften weitere Millionentransfers kaum möglich sein. Eine vierte Jahresbilanz in Folge mit einem Millionenminus soll unter allen Umständen verhindert werden. Gelingt das nicht, dürften nicht mal Putenschnitzel oder Currywurst die Kontrolleure besänftigen.