"Nur ein paar Pfiffe"

Der zunächst überforderte Kapitän Heiko Westermann sorgte durch sein Tor für die Wende

Hamburg. Wenn Diplomatie, Sachlich- und Ernsthaftigkeit zu den wichtigsten Qualitäten eines Kapitäns einer Fußballmannschaft zählen, dann hat der HSV mit Heiko Westermann eine ganz hervorragende Wahl getroffen. Der gebürtige Franke hält nicht viel davon, nach einem Erfolg die Contenance zu verlieren und nach einem Misserfolg alles zu verdammen. Kerzengerade und mit durchgedrücktem Kreuz stellt sich Westermann bei Siegen genauso wie nach Niederlagen. Nach der 2:3-Pleite gegen Köln sprach er antizyklisch von "einem couragierten Auftritt", nach dem 2:1 gegen Hoffenheim erinnerte der Nationalspieler daran, dass "die Verunsicherung zunächst ziemlich groß" gewesen sei. Als Diplomat in kurzen Hosen kann dem 27-Jährigen so schnell niemand das Wasser reichen.

Bis zum Ausgleichstor wollte Westermann herzlich wenig gelingen

Das Blöde ist nur, dass ein guter Kapitän einer Fußballmannschaft eben nicht nur nach dem Spiel vorangehen sollte, sondern möglichst auch während der Partie. Und genau hier liegt - besser gesagt: lag - das Problem Westermanns. Wäre das Spiel gegen Hoffenheim bereits nach 44 Minuten abgepfiffen worden, hätte Westermann wohl mit vernichtenden Kritiken leben müssen. Dem von Schalke 04 gekommenen Neuzugang wollte bis zu diesem Zeitpunkt so rein gar nichts gelingen, was die Zuschauer lautstark mit wütenden Unmutsäußerungen quittierten. "Ich habe sicher den einen oder anderen Fehlpass zu viel gespielt", gab Westermann wenig später selbstkritisch zu. "Nur ein paar Pfiffe" wollte er gehört haben, dachte sich deswegen auch: "Meine Güte, dann muss es eben weitergehen."

Und glücklicherweise gehören zum ersten Durchgang auch die 45. Minute und zum Gesamtspiel auch die zweite Halbzeit dazu. So war es ausgerechnet Westermann, wie ein TV-Kommentator treffend formulierte, der kurz vor dem Seitenwechsel nach Vorarbeit Mladen Petrics den Fuß in die richtige Richtung drehte und so für das wohl spielentscheidende 1:1 sorgte. "Wenn ich den nicht mache, muss ich mit Fußball aufhören", sagte Westermann, der sich wie die gesamte Mannschaft in der zweiten Hälfte deutlich steigern konnte.

HSV-Kapitän trotz wechselhaften Saisonstarts im Verein unumstritten

"Das Tor hat ihm gutgetan", urteilte später Trainer Armin Veh, der zuvor "einige unglückliche Situationen" seines Kapitäns ausgemacht hatte. Auf eine ernsthafte Diskussion über Westermann wollte sich aber niemand beim HSV einlassen. "Wir sind davon überzeugt, dass Westermann über Jahre ein Führungsspieler sein wird", hatte kürzlich HSV-Chef Bernd Hoffmann gesagt, und auch Vorstand Katja Kraus hatte noch am Freitag Geduld angemahnt.

Für Wettfreunde hat sich diese Geduld bereits am Sonnabend ausgezahlt. Westermann war - man glaubt es kaum - der erste deutsche Torschütze des HSV in dieser Saison. Wer zehn Euro auf ein Tor des Diplomaten gesetzt hatte, bekommt heute 50 Euro zurück. Sogar ganz im Ernst.