Vor dem letzten Saisonspiel

"Einige hier suchen jetzt nach Ausreden"

Mannschaftskapitän David Jarolim ist verärgert über die Kritik seiner Kollegen an den im Winter geholten Neuzugängen und spricht über die verpatzten Titelchancen.

Hamburg. Abendblatt:

Herr Jarolim, kann diese Saison nach dem vorzeitigen Titel-Aus in den drei Wettbewerben noch eine gute Saison werden?

David Jarolim:

Ja, ganz eindeutig: ja. Wir müssen dafür allerdings am Sonnabend die Europa-Liga ereichen. Alles andere wäre nicht mehr als ein weiterer Tiefpunkt.

Abendblatt:

Einer, für den Sie eine Erklärung haben? Einige Ihrer Kollegen sprachen nach der Köln-Pleite von mangelnder Qualität bei den Neuzugängen aus dem Winter.

Jarolim:

Nein, das wäre mir auch zu einfach, es jetzt auf die zu schieben, die nicht die ganze Saison dabei waren. Uns hat in der gesamten Saison der Charakter als Team, als Mannschaft ausgezeichnet. Und die Neuen gehörten da immer dazu. Auch wenn sie sich sicherlich nicht so in die Stammformation reingearbeitet haben, wie es sich einige erhofft hatten - ein Mickael Tavares war zum Beispiel eine Verstärkung und hat gute Spiele gemacht.

Abendblatt:

Aber mit Rafael van der Vaart, Vincent Kompany und Nigel de Jong hatten drei wichtige Stammspieler den Verein verlassen.

Jarolim:

Und wir haben es gut kompensiert, sind in zwei Halbfinals gekommen und haben parallel in der Bundesliga mit viel Selbstvertrauen gute, clevere und erfolgreiche Spiele gemacht. Für mich klingt die aktuelle Diskussion eher, als würden sich einige Ausreden suchen und von sich selbst ablenken wollen. Dabei waren wir es alle, die vorher, als über die immer neuen tollen Erfolge und Titelchancen gesprochen wurde, nur zu gern im Vordergrund standen.

Abendblatt:

Glauben Sie trotzdem, dass dem aktuellen Kader die Portion Qualität fehlt, die für einen Titel nötig wäre?

Jarolim:

Quatsch! So ein Quatsch! Wir haben in zwei Wettbewerben das Halbfinale erreicht, sind beide Male ganz bitter und unglaublich knapp ausgeschieden. Es war doch auch ein gegenteiliges Ergebnis denkbar - und dann würden hier jetzt alle jubeln und von der besten Mannschaft seit Jahren erzählen. Ich glaube eher, dass wir zu viel Bedeutung in das erste Halbfinale gelegt haben. Ein Sieg im DFB-Pokal, und wir hätten unser erstes Finale gehabt. Darauf haben wir uns zu sehr versteift. Und da dann so bitter im Elfmeterschießen auszuscheiden, das war der Knackpunkt, der sich noch immer auswirkt. Das ist meiner Meinung nach weniger ein qualitatives als ein mentales Problem, weil wir die Enttäuschung einfach nicht wegstecken konnten.

Abendblatt:

Sie auch nicht?

Jarolim:

Ganz ehrlich: nein, ich auch nicht. Ich saß vorher so oft mit meiner Freundin zusammen und habe mir mit ihr zusammen ausgemalt, was alles erreichbar ist. Und dann diese Enttäuschung. Plötzlich war alles, was vorher Freude war, nur noch Schmerz.

Abendblatt:

haben Sie in Ihrer Karriere schon vergleichbar Schlimmes erlebt?

Jarolim:

Ja, beim Ausscheiden bei der Euro 2008 gegen die Türkei. Aber ich dachte, nachdem wir das Achtelfinale gegen Galatasaray Istanbul in der Türkei noch so sensationell gedreht hatten, hätte sich dieses Konto ausgeglichen.

Abendblatt:

Wie ist denn ihre persönliche Bilanz in Ihrem ersten Jahr als Mannschaftskapitän beim HSV?

Jarolim:

Es war auf jeden Fall ein unfassbar intensives Jahr. Es ist eine Saison, die mir unglaublich viel gegeben, aber wahrscheinlich noch mehr genommen hat. Und trotzdem bekommt die Kritik an den Neuen überhaupt nicht meine Zustimmung. Und daran, jetzt irgendwo Sündenböcke zu kreieren, werde ich mich als Mannschaftskapitän ganz sicher nicht beteiligen. Das ist etwas, was wir überhaupt nicht gebrauchen können.

Abendblatt:

Was braucht diese Mannschaft denn? Was würden Sie dem Vorstand und vor allem Sportchef Dietmar Beiersdorfer bei der Kaderplanung für die kommende Saison gern mit auf den Weg geben?

Jarolim:

Nichts. Didi (Dietmar Beiersdorfer, d. Red.) weiß, was wir brauchen.

Abendblatt:

Was wäre das?

Jarolim:

Für alle Mannschaftsbereiche brauchen wir Verstärkungen. Das ergibt sich doch auch aus den Abgängen. Am meisten - durch den Abgang von Ivica Olic - brauchen wir natürlich im Sturm Verstärkung. Aber das kann vor dem Spiel gegen Frankfurt nicht unser Hauptthema sein. Schließlich wird der Ausgang des Spiels auch die kommende Saison stark beeinflussen.

Abendblatt:

Weil ein internationaler Wettbewerb bessere Spieler lockt?

Jarolim:

Auch, na klar. Viele haben unsere jetzige Saison gesehen, mit den beiden Halbfinals - aber ohne internationalen Wettbewerb ist der HSV kommende Saison für Neue nicht annähernd so interessant. Das liegt auf der Hand.

Abendblatt:

Ebenso die Lage vor dem letzten Spiel.

Jarolim:

Na klar. Und wer weiß, wofür die Katastrophe gegen Köln gut war. Ich hoffe, als Beispiel für all das, was wir nicht machen dürfen. Und wenn wir das Gegenteil machen, werden wir gewinnen. Wir müssen uns auf uns selbst konzentrieren, auf das, was wir beeinflussen können. Und mit etwas Glück und Hilfe von Mönchengladbach gehen wir doch noch mit unserem Minimalziel versöhnlich in die Sommerpause.

Laut Berichten in den portugiesischen Tageszeitungen "A Bola" und "Publico" steht der bei Benfica Lissabon bis 2010 unter Vertrag stehende Mittelfeldspieler Konstantinos Katsouranis vor dem Wechsel zum HSV. "Ja ich habe ein Angebot aus Hamburg, das ich sehr gern annehmen würde", wird der 29-Jährige zitiert. Der HSV soll demnach zwei Millionen Euro Ablösesumme geboten haben.