Wiedervorlage

Wie der HSV den großen Wurf verpatzte

Vor vier Jahren war Jürgen Klopp nur ein paar Barthaare davon entfernt, nach Hamburg zu kommen. Stattdessen schrieb er mit dem BVB Geschichte.

Hamburg. Es war ein verregneter und wolkenverhangener 5. Februar vor vier Jahren, als Jürgen Klopp und seine Frau Ulla im eigenen Wohnzimmer zu Kaffee und Kuchen baten und der HSV den wahrscheinlich größten Fehler der jüngeren Vereinsgeschichte beging. Neben Klopps Berater Marc Kosicke waren auch die HSV-Vorstände Bernd Hoffmann, Katja Kraus und Dietmar Beiersdorf zum Kaffeeklatsch nach Mainz gekommen, um mit dem schon damals begehrten Trainertalent von Mainz 05 über die Eckdaten einer möglichen Zusammenarbeit zu verhandeln. Das Ende der Geschichte ist bekannt: Klopp, dessen HSV-Gehalt bereits ausverhandelt war, sagte wenig später der Hamburger Reisegesellschaft ab und Borussia Dortmund zu, holte mit dem BVB zweimal die deutsche Meisterschaft und am vergangenen Wochenende auch noch den Pokal.

Etwas mehr als vier Jahre später, in denen sich fünf Trainer und drei Interimstrainer beim HSV mit manchmal mehr und meistens weniger Erfolg ausprobieren durften, skizziert das Abendblatt, wie und vor allem warum der HSV in jenen kalten Februartagen 2008 eine historisch wahrscheinlich einmalige Chance verpasste. Der Anfang vom Ende war ein Dossier, in dem von zu vielen Barthaaren, einer löchrigen Jeans, etwas patzigen "Schweini"- und "Poldi"-Aussagen und einem mutmaßlichen Zuspätkommer die Rede war. Aber, so viel Zeit muss sein, alles der Reihe nach.

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Das Dilemma fing damit an, dass Huub Stevens im November 2007 angekündigt hatte, seinen im Sommer auslaufenden Vertrag beim HSV nicht zu verlängern. Der damalige Sportchef Dietmar Beiersdorfer schlug als Nachfolgekandidaten Fred Rutten, Bruno Labbadia und Christian Gross vor, der damalige Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann bestand darauf, auch Klopp auf die Kandidatenliste zu setzen. Gemeinsam entschied das ansonsten häufig uneinige Vorstandsduo, die vier Trainer zunächst mal durch die Scouting-Abteilung intensiv beobachten zu lassen. Die Scouts mischten sich beim Training unter die Zuschauer, hörten sich im Umfeld um und besuchten die Pressekonferenzen der vier Trainerkandidaten. "Wir wollen einfach alles dafür tun, dass der neue Trainer am Ende zu uns passt", erklärte seinerzeit Beiersdorfer.

So weit, so gut. Das Problem an der Geschichte: Während im Scouting-Bericht über Beiersdorfer-Favorit Rutten das innovative Training gelobt, die Spielphilosophie des Niederländers hervorgehoben und das gute Verhältnis zwischen Team und Trainer beschrieben wurde, fanden sich im Scouting-Bericht von Hoffmann-Favorit Klopp ganz andere Beobachtungen wieder. Der Mainzer sei unpünktlich, unrasiert und trage Jeans mit Löchern. Er wäre in seiner Art flapsig, hätte als ZDF-Co-Kommentator Lukas Podolski nur als "Poldi" und Bastian Schweinsteiger als "Schweini" bezeichnet. Und vor allem traue man ihm nicht zu, den HSV-Kader mit Spielern aus 14 Nationen zu führen. Im Vergleich zu Stevens sei er zu weich. Kurzum: Klopp habe nicht das Format, den HSV zu trainieren.

Diese Einschätzung wollte Hoffmann nach Studium des Scouting-Berichts so nicht teilen, weswegen der damalige HSV-Chef weiter darauf bestand, jeden der vier Kandidaten noch mal zu einem Gespräch mit dem Vorstand zu laden. Getroffen wurde sich im Hause Labbadia, im Hause Rutten, in einem Züricher Hotel mit Gross und eben im Hause Klopp. Dabei zeigten sich besonders Hoffmann und Kraus von den Ideen des Mainzers beeindruckt. Ähnlich wie später in Dortmund, wo Klopp den Spagat schaffte, unpopuläre Maßnahmen populär zu machen, wollte Klopp auch beim HSV das Großreinemachen. Statt David Rozehnal, an dem auch Dortmund interessiert war, hätte Klopp Neven Subotic für die Innenverteidigung verpflichtet, die Routiniers David Jarolim und Frank Rost wollte er abgeben.

Was Klopp an jenem 5. Februar aber noch nicht wusste, war der verhängnisvolle Scouting-Bericht über zu viel Bart und zu wenig Jeans. "Beiersdorfer konnte sich einfach nicht entscheiden. Also hatte er einen Scout losgeschickt, damit der wohl mal so guckt, wie ich ausschaue. Da hab ich dann bei Herrn Beiersdorfer angerufen und gesagt: 'Falls ihr noch Interesse habt - ich sage hiermit ab!'", erzählte Klopp später in einem Interview.

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Das Ende der Geschichte könnte als amüsant bezeichnet werden, wäre es nicht so traurig. Nachdem sich Beiersdorfer und Hoffmann auf keinen der vier gescouteten Kandidaten einigen konnten, verpflichtete der HSV wenige Monate später Martin Jol, der mit dem HSV in zwei Halbfinals einzog, aber nach einem Jahr schon wieder verschwand. Klopp wurde dagegen 2011 zum Trainer des Jahres gewählt und gilt auch in diesem Jahr als Favorit. "Es steht außer Frage, dass sich Jürgen Klopp zu einem Toptrainer in Deutschland entwickelt hat. Dazu kann man nur gratulieren", sagte gestern Beiersdorfer, "aber vor vier Jahren haben wir einen international erfahrenen Trainer gesucht, das war er zu dem damaligen Zeitpunkt noch nicht." Und Klopps löchrige Jeans? "Die kommt in unser Borussia-Museum", sagt der Erfolgstrainer. Neben Pokal und der Meisterschale soll noch ein wenig Platz sein.