Lesend durch die Krise

„11 Freunde“ und Co.: Die besten Fußballbücher des Frühjahrs

| Lesedauer: 15 Minuten
Das „11 Freunde“-Cover der Ausgabe 156 zeigte einen Fan des Amateurligisten Altona 93 beim Training – im Hagelschauer, auf einem Grandplatz.

Das „11 Freunde“-Cover der Ausgabe 156 zeigte einen Fan des Amateurligisten Altona 93 beim Training – im Hagelschauer, auf einem Grandplatz.

Foto: 11Freunde

Noch nie hatten Anhänger des Ballsports so viel Zeit für die Lektüre. Die gute Nachricht: In diesen Tagen lohnt es sich wirklich.

Hamburg. 20 Jahre? Im Ernst? Doch ja, da unten steht es, zu Füßen Günter Netzers und seinem 911er Porsche: „Eine wilde Fahrt durch zwanzig Jahre Fußballkultur“. So lautet der Untertitel zum großen Jubiläumsband des Magazins „11 Freunde“.

Dann stimmt es also. Und natürlich sind 20 Jahre auch eigentlich gar nicht viel – es fühlt sich nur viel länger an, weil sich die Welt des Fußballs in eben diesen 20 Jahren so stark verändert hat wie nie zuvor in seiner mehr als 100 Jahre alten Geschichte. „Die Transformation eines etwas biederen Volkssports zu einem durchgeknallten Zweig einer globalen Entertainment-Industrie“, nennen es die Herausgeber Philipp Köster und Tim Jürgens in ihrem Vorwort, was ein schöner verbaler Volltreffer ist.

Sportwelt steht wegen Corona still: Zeit zum Lesen

Wer die 456 Seiten lange, wirklich unglaublich liebevoll gestaltete Werkschau in die Hand nimmt, legt sie so schnell nicht wieder zur Seite. Und irgendwie ist es dann auch fast ein Segen, dass man nicht wie sonst zu dieser Zeit von Spiel zu Spiel schaltet oder am besten mehrere gleichzeitig schaut. Die Welt des Sports steht still im Frühjahr 2020, und wenn es auch nur einen guten Aspekt daran gibt, dann ist es die Ruhe, die dieser Stillstand mit sich bringt – und die Zeit, die man dadurch plötzlich gewinnt.

Zeit zum Beispiel, um sich durch seitenlange Reportagen und Fotostrecken zu blättern, Bilder von entlegenen Fußballplätzen und Flutlichtmasten im Nebel, von ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern in ihren Kassenhäuschen. Jede Aufnahme ein Kunstwerk für sich, viele werden im Jubiläumsband zum ersten Mal veröffentlicht. Und natürlich ist all das, das Beste aus zwei Jahrzehnten, die gesammelten Porträts, Reportagen, Essays und Interviews eine subjektive Auswahl der heutigen Chefredakteure Philipp Köster und Tim Jürgens.

Was das ganze Kompendium umso unterhaltsamer macht. Und (endlich) Antworten gibt auf die Fragen: Wer waren die eindrucksvollsten Gesprächspartner, wer hat geschwiegen, und wer steckt hinter dem Live-Ticker? In der Mitte des Buches zeigt eine ausklappbare Doppelseite alle „11 Freunde“-Cover seit April 2000.

20 Jahre, das ist die Zeit, in der ein Mensch erwachsen wird, und so sind es besonders die Jugendfotos von Mario Götze, Neymar oder Kevin de Bryne, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern, das man dort lang nicht mehr gehabt hat, wenn es genau um diese Namen geht. Es sind bei Weitem nicht die einzigen Bilder, an denen man hängen bleibt. „11 Freunde“ war immer auch ein grafisches, die Geschichten oft vom Bild her gedacht. Wovon der Jubiläumsband sehr profitiert.

Jubiläumsband wird zu einer Liebeserklärung

An den Porträts von Robert Enke, Horst Hrubesch oder Uwe Seeler bleibt man lange Zeit hängen. Genauso wie an den furchtbaren Szenen der Stadionkatastrophe von Hillsborough, im April 1989. Die nicht nur 96 unschuldige Opfer forderte. Sondern den Fußball in seinem Wesen so grundlegend veränderte wie noch kein Ereignis zuvor. Und beide Male waren die Fans die Leidtragenden – als Opfer oder Traumatisierte der Katastrophe. Und später dann als Verlierer im Zuge der rasanten Gentrifizierung einer manchmal gewalttätigen, aber überwiegend doch friedlichen Kultur.

Auch deshalb ist der „11 Freunde“-Jubiläumsband zu einer Liebeserklärung geworden. An die, die den Fußball zuvorderst und immer noch tragen, die ihn Spieltag für Spieltag zu dem machen, was er ist. Die Geisterspiele zu Beginn der Coronakrise waren grauenvoll, nicht nur für die Zuschauer daheim vor ihren Bildschirmen. Sondern auch für die Spieler, die Trainer, die Journalisten.

Und selbst als die Theater, die Museen, die Orchester begannen, aus der Not eine Tugend zu machen und ihre Kunst kurzerhand auf die Endgeräte zu streamen, so war relativ schnell klar: Der Sport kann das nicht. Weil er zum einen von der Unerwartbarkeit der Ereignisse lebt. Und weil er natürlich auch die braucht, die auf den Rängen stehen und all das, was auf dem Rasen passiert, aufnehmen, reflektieren und zu dem verdichten, was man gemeinhin „Atmosphäre“ nennt. Die im Buch noch einmal abgedruckten Reportagen über Fanfahrten zu Auswärtsspielen oder die vielen Bilder aus der Welt des Amateurfußballs würdigen diesen unermüdlichen Einsatz.

„Das große 11 Freunde Buch“ passt perfekt in dieses Frühjahr. Weil man zwischen den Zeilen wieder und wieder begreift, wie sehr uns der Fußball, wie sehr uns die Menschen, die ihn immer ernst gemeint haben, im Innersten berühren.

„Das große 11 Freunde Buch. Eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fußballkultur“ Tim Jürgens, Philipp Köster (Hrsg.), Heyne, 456 Seiten, 25 €

Menschen wie du und ich – und wie „Antenne Akonnor“

Es ist eines dieser Bücher, von denen man schon vorher weiß, was drinsteht. Eines, das es nur auf den Markt schafft, weil wieder ein großes Turnier ansteht und damit auch Einladungen zu Vorrunden-Grillpartys, zu denen man was am besten mitbringt? Genau. Ein Buch. Dieses Buch. Mit den lustigsten Geschichten, den überflüssigsten Fakten, und so weiter und so fort.

Dann kommt also das Rezensionsexemplar mit der Post, direkt ins Home­office, das an diesem Sonnabend das Wohnzimmer ist – meines Erachtens inzwischen durchaus als familiäres Risikogebiet einzustufen, in Zeiten der sozialen Isolation. Die Stimmung, wollte man es positiv formulieren: leicht gereizt. Und in diesem Moment schnappt sich der Vater das Buch und sagt: „So Kinder, jetzt hört mal her.“ Die rollen mit den Augen. Folgen dann aber doch erstaunlich ruhig den kurzen, sehr unterhaltsam formulierten Anekdoten des Buches. Sagen höchstens mal: „Hä?“ – und schmeißen sich irgendwann genauso weg wie ihr Vater, der beim Lesen manchmal kaum Luft bekommt. Wenn es für mich Szenen aus dem März 2020 gibt, an die ich gern zurückdenken werde, dann wird diese bestimmt dazugehören.

„Beim Fußball geht es nicht um Leben und Tod. Die Sache ist viel ernster!“ von Jens Bujar und Arnim Butzen ist eine wundervolle Sammlung kurioser Vorfälle und Begebenheiten aus der Welt des Fußballs. Es sind genau die Geschichten, die man brauchen wird, wenn die nächste Grillparty ganz ohne Vorrunde stattfindet. Womöglich ja auch ganz ohne Gäste.

Für genau dieses Szenario haben wir dieses Buch. Der eine grillt, der andere liest. Geschichten über Fußballer. Am Ende des Tages sind Fußballer natürlich auch nur Menschen. Menschen wie du und ich. Oder wie Charles Akonnor. Und so billig sie ist, sie bleibt bis heute unsere Familien-Lieblingsgeschichte: Wie sich der Ghanaer aus Versehen mit solcher Wucht eine Autoantenne in die Nase rammte, dass er vier Wochen keinen Fußball spielen konnte – und seine Trotteligkeit am Ende mit der Einnahme von Schmerzmitteln vergoldete, die auf der Dopingliste stehen. Die Folge: drei Spiele Sperre. Unfassbar gut. myd

„Beim Fußball geht es nicht um Leben um Tod. Die Sache ist viel ernster“, Jens Bujar, Arnim Butzen, Heyne, 224 S., 9,99 Euro

Wie Follower, Klicks und Likes den Fußball verändern

Das mit Abstand Interessanteste an diesem Buch sind die Zahlen: Wie zum Beispiel der Instagram-Account von Juventus Turin nach dem Wechsel von Cristiano Ronaldo im Sommer 2018 3,5 Millionen neue Follower registriert – allein in den ersten vier Wochen.

Mario Leo ist Social-Media-Experte, er berät Spitzenclubs überall auf der Welt. Anschaulich beschreibt er, warum Likes und Follower die neuen Währungen der Branche sind. Weniger klug hingegen muten Leos Ansichten zur Zukunft der klassischen Medien an. „Warum darf denn“, fragt Leo in Kapitel 2, „ein Clubmitarbeiter aus der Videoabteilung nicht auch mal kritisch nachfragen?“ Gegenfrage: Wie kritisch hätte wohl die Berichterstattung eines Mitarbeiters der HSV-Pressestelle über den gerade erst beendeten Streit in Vorstand und Aufsichtsrat ausgesehen?

„Kaufen Sie Ronaldo!“ Mario Leo, Alex von Kuczkowski, Die Werkstatt, 208 Seiten, 16,90 €

Niemand spielt für sich allein

Die Zukunft des Fußballs trägt den Namen Lusail. Mit diesen Worten beginnt das neue Buch des Sportjournalisten Ronny Blaschke. Sofort ist man im Thema: Lusail liegt in Katar, am nördlichen Rand der Hauptstadt Doha. Hier soll 2022 das Finale der Fußballweltmeisterschaft stattfinden. Und natürlich stellt sich seither die Frage, wie es einem Emirat mit 2,5 Millionen Einwohnern gelingen konnte, sich 2010 als Austragungsland durchzusetzen – gegen die USA, Südkorea, Japan und Australien.

Blaschke gibt in „Machtspieler“ eine umfassende, eine in mehrfacher Hinsicht erleuchtende Antwort – nicht nur in Bezug auf Katar, in diesem Fall aber besonders: Er zieht die Beschreibung historischer Strukturen, machtpolitischer Interessen des Emirats und führt all das zusammen mit der strategischen Bedeutung des Neymar-Wechsels vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain, die den Spaniern 2017 die Rekordsumme von 222 Millionen Euro einbrachte.

Auf vier Kontinenten und in 15 verschiedenen Ländern hat der Sportjournalist Ronny Blaschke für sein neues Buch „Machtspieler“ recherchiert, hat dort Menschen getroffen und begleitet, neben den Staaten am Persischen Golf auch in Russland und China – jene Länder, die derzeit neben Katar ihren politischen Einfluss durch die Instrumentalisierung des Fußballs am besten organisieren.

Aber egal ob Katar oder Ruanda: In jedem der insgesamt 13 Kapiteln versteht es Blaschke, so locker zwischen historischer Einordnung und aktueller Lage zu wechseln, dass man selbst komplexe Zusammenhänge gut begreift. Zum einen, weil der Fußball an sich ein verständliches Medium ist. Aber auch, weil Blaschke die wissenschaftlichen Publikationen kennt, weil er vor Ort Menschen trifft, die im Thema sind. Weil er dafür offenbar auch keine Kosten und Gefahren gescheut hat.

Eine nicht neue Erkenntnis ist in diesem Zusammenhang trotzdem zen­tral: Niemand spielt (mehr) für sich allein. Nicht in diesem Business. „Unser wohltemperierter Stadionbesuch in Westeuropa ist mit der Ausbeutung asiatischer Trikotnäherinnen verknüpft. (…) Wie kritisch man als Fußballkonsument auch sein mag – man ist Teil eines Systems, in dem Menschen Schaden nehmen“, schreibt Blaschke, Jahrgang 1981, in seinem Vorwort.

Im Fußball geht es schon lange um Milliarden, um Einfluss, um Macht und Politik. Die Frage der Macht ist immer auch eine der Geschichte. Der Revolutionen, der Kriege. Kriege, die noch andauern, wie in Syrien, auch das ein starkes Kapitel dieses Buchs.

Mit Blaschke taucht man noch einmal ein in die Wirren der Jugoslawienkriege und begreift, wie sehr sich die Geschichte dieses Vielvölkerstaats im Fußball spiegelt, warum der Fußball bis heute die ethnische und konfessionelle Identitätssuche der gesamten Region begleitet. Das ist mitunter hart zu lesen, weil es einem die vielen sinnlosen Morde noch einmal vor Augen führt, wie etwa an dem bosniakischen Fan-Anführer Dzevad Begic Dzilda, der 1992 in Sarajevo eine angeschossene Frau retten wollte und dabei von einem Scharfschützen getötet wurde. Besonders spannend wegen der vielen Querverweise nach Hamburg: das Kapitel über die Türkei. Hier ordnet Blaschke die Schüsse auf das Auto des Kurden und Ex-St.-Pauli-Profis Deniz Naki genauso gründlich ein wie die Freistellung des türkischen Rechtsaußen Cenk Sahin durch den FC St. Pauli im Herbst 2019 – nach dessen Kriegs- und Erdogan-enthusiastischen Äußerungen in den sozialen Netzwerken.

„Machtspieler – Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution“, Ronny Blaschke, Die Werkstatt, 256 Seiten, 19,90 Euro

Was Beethovens Neunte mit dem Barca-Stil zu tun hat

Die Marseillaise habe er zwei- oder dreimal mitgesungen, die deutsche Nationalhymne nie. Es ist nicht das erste Mal, dass man herzhaft gähnt. Daniel Cohn-Bendit, der herausragende Vermittler zwischen Frankreich und Deutschland, ist stets erklärtermaßen ein heißblütiger Anti-Deutschland-Verfechter gewesen. Im Sport, schreibt der legendäre 68er, der doppelstaatige Grünen-Politiker und bilinguale Publizist, sei er immer fanatisch gegen Deutschland; obwohl er sich mittlerweile bessere. Sein autobiografisch getrimmtes Fußballbuch „Unter den Stollen der Strand“ leidet deutlich unter diesem Leitmotiv. Aber nur, weil seine Urteile – das 7:1 gegen Brasilien? Eine Laune des Schicksals – auf die Dauer blöd daherkommen und weil mit der Marginalisierung der „Mannschaft“ immer eine Lobpreisung anderer Fußballnationen verbunden ist.

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Wobei, Cohn-Bendits Parteinahme hat etwas Grundehrliches und Nachvollziehbares: Der Volkssport Fußball funktioniert so. Über Sympathien und Antipathien transportiert sich Leidenschaft. Und Cohn-Bendits Vita rechtfertigt gewisse Ressentiments, seine Eltern mussten in der Nazi-Zeit aus Deutschland fliehen. Seinen Frieden hat der 1945 geborene Cohn-Bendit längst mit Deutschland gemacht, da darf man ihm eigentlich seine Marotte durchgehen lassen. Geben wir Deutschland-Fans aber so oder so zu: Über viele Jahre war Deutschland im Fußball erfolgreich, tat aber in der Tat wenig, um echte Bewunderung auf sich zu ziehen. Und Schumachers Tritt gegen Battiston, furchtbar ...

Abseits fußballpatriotischer Aufwallungen ist „Unter den Stollen“ unterhaltsam und bisweilen originell: Etwa wenn Cohn-Bendit den Barca-Stil mit Beethovens Neunter vergleicht. Seine Überlegungen zu Kommerzialisierung und die Beziehung von Sport und Gesellschaft sind lesenswert; und wenn er etwa an Socrates erinnert, den glorreichen brasilianischen Mittelfeldkünstler, der in den Achtzigern bei Corinthians São Paulo Basisdemokrat war – die Spieler bestimmten selbst die Trainingspläne – , ist der politische Kopf Cohn-Bendit ganz bei sich. Früher war tatsächlich alles besser, zumindest im Fußball.

„Unter den Stollen der Strand“, Daniel Cohn-Bendit, Kiwi, 270 Seiten, 22 Euro

( myd/tha )

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