St. Pauli

Endlich wieder Tore in Hamburg

Das Tor fanden die DFB-Stürmber zuletzt nicht oft, der Weg zum Millerntor bereitete aber am Mittwochnachmittag keine Probleme. Nur Ilkay Gündogan blieb verschnupft im Mannschaftshotel

Das Tor fanden die DFB-Stürmber zuletzt nicht oft, der Weg zum Millerntor bereitete aber am Mittwochnachmittag keine Probleme. Nur Ilkay Gündogan blieb verschnupft im Mannschaftshotel

Foto: TayDucLam / WITTERS

In der WM-Qualifikation gegen Tschechien will das DFB-Team effizienter agieren und auch das kritische Publikum überzeugen.

Hamburg.  Hamburg zeigte sich von seiner schönsten Seite, als der ICE 906 aus Berlin mit 25-minütiger Verspätung um 11.50 Uhr am Hauptbahnhof einrollte. Die Sonne strahlte, der Himmel hätte nicht blauer sein können, und auch die plötzliche Eiseskälte machte Joachim Löw, schwarze Lederjacke, schwarzer Wollschal, nicht zu schaffen. „Schön ist’s hier“, sagte der Bundestrainer, als er sich gut gelaunt zehn Minuten später zur High-Noon-Zeit um Punkt zwölf Uhr am Mannschaftshotel Le Méridien an der Außenalster vorfahren ließ und von einem guten Dutzend Autogrammjägern mit einem freundlichen „Moin, Moin“ empfangen wurde.

Die nette Begrüßung vor dem WM-Qualifikationsspiel an diesem Sonnabend (20,45 Uhr/RTL) im Volksparkstadion gegen Tschechien dürfte gutgetan haben. „In Hamburg haben wir ja schon das eine oder andere Mal in der Qualifikation gespielt, als die Entscheidung schon gefallen war. Ich glaube aber, dass dieses Spiel gegen Tschechien das Interesse der Hamburger wecken wird“, antwortete Löw diplomatisch, als er nach der in der Vergangenheit nicht immer einfachen Verbindung des DFB zur Hansestadt gefragt wurde.

In Hamburg verliert die Mannschaft oft

Zur Erinnerung: Abgesehen von einem herausragenden 3:0-Sieg gegen die Niederlande vor fünf Jahren enttäuschte die DFB-Auswahl in der Hansestadt zuletzt in schöner Regelmäßigkeit: 0:0 gegen Polen (2014), 1:1 gegen Finnland (2009) und ein schwaches 2:1 gegen die Slowakei (2007) – jedes Mal gab es deftige Pfiffe von den Rängen. Zudem sind auch die historischen Pleiten 1988 im EM-Halbfinale gegen die Niederlande und 1974 in der WM-Vorrunde gegen die DDR zwischen Elbe und Alster unvergessen (siehe unten).

„Es gab in Hamburg hier und da ja mal Pfiffe. Insofern liegt es an uns, die Zuschauer nun von Anfang an mitzunehmen“, sagte auch DFB-Manager Oliver Bierhoff, der sich aber über beeindruckende 49.000 verkaufte Karten freuen durfte und sich vielleicht auch deshalb beeilte, Hamburg als „traumhafte Stadt“ und den HSV als „großen Traditionsverein“ hervorzuheben. „Ich habe hier ja selbst mal anderthalb Jahre gespielt. Vielleicht hilft uns ja, dass die Hamburger jetzt nicht ganz so verwöhnt sind vom HSV und dass sie sich nun an guten Leistungen erfreuen können.“

Selbstverständlich hinkte der Ver-gleich mit dem schwächelnden Schluss-licht der Bundesliga. Gerade einmal zwei Tore hat der HSV in dieser Saison erzielt – das konnte der amtierende Weltmeister bereits im ersten Qualifikationsspiel gegen Norwegen beim souveränen 3:0-Sieg übertreffen. Und trotzdem – so absurd das auch klingen mag – hat die Nationalmannschaft ein waschechtes HSV-Problem: Sie trifft einfach viel zu selten das Tor.

„Wir sind nicht effizient genug“, räumte Löw bei seiner Ankunft unumwunden ein. Das habe der Bundestrainer nun sogar schwarz auf weiß nach der gründlichen Aufarbeitung der EM in Frankreich zu Beginn der vergangenen Woche in Düsseldorf. „Die Analyse war ein wenig kurios“, verriet Löw nach dem dreitägigen Workshop. So hätten sie herausgefunden, „dass wir uns in fast allen Bereichen, die uns wichtig sind, im Vergleich zur WM 2014 verbessert haben“, sagte Löw. In Frankreich seien mehr Pässe angekommen als zwei Jahre zuvor in Brasilien, die Mannschaft habe sich bei der EM auch mehr Torchancen als bei der erfolgreichen WM herausgespielt. Und trotzdem: „Wir benötigen zu viele Schüsse für ein Tor.“

Gomez hat Poposchmerzen

Die Erkenntnis des Problems ist das eine, die Behebung des Problems das andere. Und die wird gegen Tschechien und drei Tage später in Hannover gegen Nordirland nicht unbedingt einfacher, nachdem mit Mario Gomez ausgerechnet der einzige nominelle Mittelstürmer im löwschen Kader wegen Problemen in der Gesäßmuskulatur abgesagt hat. Salopp gesagt: Gomez hat Popo. „Wir haben gestern telefoniert. Das ist natürlich schade, weil wir keinen anderen solchen Spielertypen haben“, sagte Löw.

„Am Ende ist es doch ganz egal, wer da vorne drin steht“, konterte Kevin Volland, der sich eine Viertelstunde nach Löw im Mannschaftshotel an der Alster vorfahren ließ und der von Gomez’ Absage noch gar nichts wusste: „Echt?“, fragte Leverkusens Offensivallrounder zunächst ungläubig, um nach der erhaltenen Bestätigung umgehend Alternativen für die Besetzung aufzuzählen. Auch Thomas Müller könne im Sturm spielen, Mario Götze natürlich und bei aller Bescheidenheit selbstverständlich auch er selbst: „Natürlich hoffe ich, dass ich zum Einsatz komme.“

Drei Tage lang haben die Nationalspieler nun Zeit, sich für die Startelf gegen „unseren härtesten Konkurrenten“ (Löw) zu empfehlen. „Im Training müssen wir Situationen herstellen, dass wir es dann auch im Spiel umsetzen können“, sagte der Bundestrainer vor der ersten Einheit am Millerntor. „Das ist immer eine Sache der Konzentration, der Mentalität und auch der Form.“ An diesem Donnerstag trainiert die Nationalmannschaft ein zweites Mal am Millerntor, wo normalerweise der ebenfalls sturmschwache FC St. Pauli sein Zuhause hat, ehe es am Freitag zum Abschlusstraining in den Volkspark zum Lokalrivalen geht, wo die Zuschauer in dieser Spielzeit gerade einmal ein einziges Heimtörchen bejubeln durften.

Überhaupt keinen Zweifel, dass sich dies am Sonnabend gegen Tschechien ändert, hat Reinhard Grindel. „Ich freue mich auf das Spiel und bin mir sicher, dass die Zuschauer in Hamburg unsere Mannschaft toll unterstützen werden“, sagte der DFB-Präsident optimistisch dem Abendblatt.

Dabei sollte man über den DFB-Chef allerdings zwei Dinge wissen. Erstens: Grindel ist gebürtiger Hamburger. Und Zweitens: Grindel galt in seiner Jugend als glühender HSV-Anhänger – und für die kann es bekanntlich gar nicht mehr schlimmer kommen.