Interview

Schiedsrichter: „Man sieht eine Verrohung der Sitten“

Lesedauer: 14 Minuten
Andreas Hardt

Foto: Klaus Bodig/HA

Die Schiedsrichter Norbert Grudzinski und Patrick Ittrich sprechen mit dem Abendblatt über ihr Leben mit der Pfeife. Sie sind Hamburgs beste Schiedsrichter und die Einzigen, die in der Zweiten Liga pfeifen sowie als Assistenten und vierte Offizielle in der Bundesliga tätig sind.

Beim USC Paloma ist gerade Jugendtraining, als Norbert Grudzinski und Patrick Ittrich zum Gespräch mit dem Abendblatt eintreffen. Das Hallo im Vereinsheim an der Brucknerstraße ist groß. „Hoher Besuch“, lächelt ein Trainer. Auch Herren-Coach Marko Krausz schaut vorbei, grüßt die beiden Gäste freundlich und vertraut. Man kennt und schätzt sich. Grudzinski, 37, ein Groß- und Außenhandelskaufmann, und der Polizist Ittrich, 36, sind Hamburgs beste Schiedsrichter und die Einzigen, die in der Zweiten Liga pfeifen sowie als Assistenten und vierte Offizielle in der Bundesliga tätig sind.

Hamburger Abendblatt: Die Bundesligaclubs haben sich in Trainingslagern auf die Rückrunde vorbereitet. Wie ist das eigentlich bei den Schiedsrichtern?

Norbert Grudzinski: Wir auch. Wir waren über fünf Tage auf Mallorca. Dort wurde die Grundlage gebildet, um eine weiterhin einheitliche Regelauslegung zu haben. Es gab jeweils zwei Stunden Schwerpunkte zum Thema Handspiel, Fußvergehen, Ellenbogenvergehen, Zusammenarbeit zwischen Schiedsrichter und Assistent.

Patrick Ittrich: Es stand natürlich auch das Konditionelle mit im Vordergrund. Schließlich läuft ein Schiedsrichter in der Bundesliga rund zwölf Kilometer pro Partie. Dann gab es diverse Videoszenen zu den Schwerpunkten.

Warum haben Sie sich für die Schiedsrichterlaufbahn entschieden? Hat es als Spieler nicht gereicht?

Ittrich: Ich war sogar ganz gut im Kicken. Ich habe mit fünf angefangen, Fußball zu spielen. Irgendwann wurde ich gefragt, ob ich gerne Schiedsrichter werden möchte. Das lag daran, dass unser Verein MSV Hamburg einfach zu wenig Schiedsrichter hatte. Ich habe denen gleich gesagt: Da habe ich keine Lust drauf, das ist nichts für mich. Ein Jahr später habe ich es doch mal ausprobiert und Feuer gefangen. Dann macht man es weiter, weil man eine Emotionalität entwickelt, die eigentlich nicht erklärbar ist. Es ist jetzt eine Leidenschaft. Wir haben alle mal angefangen, weil es uns viel Spaß gemacht hat. Und das sollte nie zu Ende gehen. Ich habe mich als Spieler häufig über vermeintlich schlechte Leistungen der Schiedsrichter geärgert und mir dann irgendwann im Alter von 14 gesagt: Das kannst du doch besser. Dann habe ich die Sache einfach mal selbst angepackt. War im Nachhinein keine schlechte Idee.

Wo ist der Reiz. Sind Sie jemand, der Macht ausüben will?

Ittrich: Nein, nein. Das ist es nicht. Die Leidenschaft ist schwer zu erklären. Ich kann nur rückblickend sagen, was es mir gebracht hat, Schiedsrichter zu sein. Man ist selbstkritisch, selbstbewusst, man muss anderen immer wieder Grenzen und Wege aufzeigen, man muss hart an sich arbeiten. Das Schiedsrichterwesen verbindet einen ja auch mit dem Fußball, das ist wunderbar. Man lernt wirklich fürs Leben. Man lernt, Verantwortung zu tragen und im Mittelpunkt zu stehen. Nachdem ich mit 14 angefangen hatte, fiel es mir sehr viel leichter, vor der Klasse ein Referat zu halten. Mir fiel es leichter, mich im Bewerbungsgespräch zu präsentieren, weil ich wusste, wie es ist, wenn mir Leute Fragen stellen oder wenn sie mir zuschauen.

Man hört Klagen, dass das Verhalten auf den Spielfeldern gegenüber den Schiedsrichtern immer respektloser würde. Gerade in den unteren Spielklassen.

Grudzinski: Der Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. So, wie sich die Mannschaften, Trainer, Offizielle und Eltern im Jugendbereich gegenüber den Schiedsrichtern verhalten, wird es immer schwieriger, die jungen und neuen Schiedsrichter bei Laune zu halten.

Ittrich: Ja, das ist ein gesellschaftliches Problem. Ich bin seit 15 Jahren Polizeibeamter. Als ich mit der Ausbildung angefangen habe, war das mit dem Respekt noch ganz anders als jetzt. Die Zeit ist anders, die Sprache ist anders, es geht viel rauer zu. Das ist natürlich ein Hindernis für jemanden, der 14 Jahre alt ist und als junger Schiedsrichter auf dem Platz angefeindet wird. Dass der dazu keine Lust hat, ist nachvollziehbar. Man sieht eine Verrohung der Sitten in der Gesellschaft, das ist nicht nur im Fußball allein so, aber auch. Wir sehen, dass der DFB Konzepte entwickeln muss, um die jungen Schiedsrichter und auch die Mannschaften insbesondere im Jugendfußball vor Eltern zu schützen. Eine Maßnahme ist, dass die Eltern bis zum C-Jugend-Bereich eine gewisse Anzahl von Metern vom Spielfeld entfernt stehen müssen, um nicht mehr auf das Spiel einwirken zu können.

Merken Sie das im Profibereich auch?

Grudzinski: Der Respekt dort ist größer, weil man die Leute dort häufig sieht und sich öfter begegnet.

Wie ist es mit den Zuschauern. Die beleidigen Sie doch sicher gerne mal?

Ittrich: Ja, das gehört dazu. Wenn ich als Fan ins Stadion gehe, dann feuere ich nicht nur meine Mannschaft an, sondern lasse auch Druck ab. Das ist auch ein Ventil, loszuschreien, egal gegen wen, aber meist gegen den Schiedsrichter. Aber sobald ich an der Linie stehe oder auf dem Platz, nehme ich alles von außerhalb nur noch als eine Geräuschkulisse wahr. Ob ich da von außen beleidigt werde, kriege ich nicht mit.

Wie ist das Verhalten der Trainer? Sie sind beide auch oft als vierter Offizieller im Einsatz.

Grudzinski: Fakt ist, dass sich das Trainerverhalten deutlich verändert hat. Früher gab es Trainer, die 90 Minuten auf der Trainerbank festgenagelt saßen. Diesen Typ gibt es in dieser Form im Lizenzfußball nur noch seltenst. Heutzutage sind mehr Emotionen auch an der Seitenlinie im Spiel. Das ist ein Problem, weil die Trainer ganz oft der Meinung sind, dass wir – gerade wenn wir als vierte Offizielle tätig sind – sie nicht in Ruhe ihre Arbeit machen lassen. Und Emotionen gehören zum Fußball, sagen ganz viele. Aber wenn man mit einem Puls von 70 vor dem Trainer steht und der schreit einen dann an, ist die Schwelle von emotional zu respektlos relativ eng. Das ist ein schmaler Grat dort.

Wie viele Einsätze haben Sie in der Saison?

Ittrich: Acht pro Saison als Schiedsrichter in der Zweiten Liga ist Richtwert, es kann auch mal eins mehr werden. Dazu kommen noch Einsätze im Pokal und in der Dritten Liga. Als Assistent kommt es drauf an, bei wem man an der Linie steht. Grundsätzlich ist es so, dass alle Zweitligaschiedsrichter auch Assistenten in der Bundesliga sind.

Wo sind sie?

Ittrich: Ich bin bei Tobias Stieler Ich bin bei Michael Weiner. Im Grunde sind wir jedes Wochenende im Einsatz.

Und das macht der Arbeitgeber mit?

Grudzinski: Ich nehme mir für die Spiele am Freitag oder für Stützpunkte und Lehrgänge, die wir alle vier Wochen absolvieren, jeweils beim Arbeitgeber Urlaub. Mein Arbeitgeber kennt das seit Jahren und ist darauf eingestellt. Entscheidend ist, dass jeder, der so einsteigt, in der Lage ist, sich professionell auf seine Spiele vorzubereiten, und dass er zeitlich flexibel und unabhängig ist. Ich arbeite 25 Wochenstunden bei der Polizei. Bei mir kommt noch dazu, dass ich eine Familie mit drei Kindern habe. Die würde ich gar nicht mehr sehen, wenn ich Vollzeit arbeiten würde. Ich bin in Teilzeit gegangen, als ich als Assistent in die Bundesliga aufgestiegen bin, also 2008. Die Polizei Hamburg unterstützt mich sehr. Es ist ein Geben und Nehmen. Wenn Fußball ist, darf ich zum Fußball. Ich bin da auch dankbar, dass es so funktioniert.

Belastet es Sie, dass durch das Fernsehen fast jede Entscheidung überprüft wird?

Grudzinski: Das Fernsehen ist Fluch und Segen zugleich. Es gibt viele Situationen, in denen das Fernsehen die Richtigkeit der Entscheidung darstellt. Selbstverständlich werden Abseitslinien gezogen, die von einem Fußbreit Abseits sprechen, womit das menschliche Auge einfach völlig überfordert ist. Aber wenn man dabei ist, wo der große Fußball gespielt wird, muss man damit leben können, dass das Fernsehen auch mal Fehler zeigt. Wenn man damit umgehen kann, aus den Fehlern lernt und die bewegten Bilder nutzt, sich zu verbessern, ist das gut.

Und die Torlinientechnologie?

Ittrich: Das ist eine super Sache. Tor oder nicht Tor ist ein elementarer Punkt, der über Sieg oder Niederlage entscheidet. Dass uns da der Druck genommen wird, die richtige Entscheidung treffen zu müssen, das ist schon super. Ich finde das richtig, und das musste kommen.

Video-Schiedsrichter?

Grudzinski: Hier würde das Spiel zu sehr unterbrochen. Es gibt sechs, sieben verschiede Kamerapositionen, die eine Situation aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln darstellen, und jede Kameraposition wirkt anders. Das würde das Spiel völlig zerlegen.

Wie sind denn Ihre Erfahrungen mit dem neuen Freistoßspray?

Ittrich: Es gab in den Stadien am Anfang Applaus, wenn man mit seiner Dose die 9,15 Meter abgeschritten ist. Ich war fast schon geneigt zurückzuklatschen. Aber es ist wirklich ein sinnvolles Hilfsmittel. Jeder Spieler sieht: Hier ist eine Linie, und über die darf ich nicht drübertreten.

Felix Magath hat im Abendblatt kritisiert, deutsche Schiedsrichter würden zu viel abpfeifen. In England ginge es viel schneller zu.

Ittrich: Die Frage ist doch, wird denn in England weniger gepfiffen? Oder wird in Deutschland mehr gefoult?

Grudzinski: Wenn man sich die englische Premier League anschaut, finden dort gefühlt weniger Fouls statt, weil die Spieler geschickter in die Zweikämpfe gehen. Oder spricht Magath die schnelle Spielfortsetzung an? Dass sich ein Spieler nach einem Pfiff nicht vor den Ball stellt, sondern einfach weggeht?Der Respekt in der Premier League ist noch ein anderer. Es gibt keinerlei Rudelbildung, wie es bei uns ab und an noch der Fall ist, weil sich die Spieler gegenseitig deutlich mehr akzeptieren. Auch die Schiedsrichter werden dort mehr anerkannt, die Zuschauer sind disziplinierter. Es gibt dort keine Gegenstände, die auf den Rasen geworfen werden, keine bengalischen Feuer. Es herrscht einfach ein größeres respektvolles Miteinander. Und das spiegelt sich auch auf dem Platz wider. Bei uns ist das anders. Nach nahezu jeder Entscheidung wird respektlos abgewinkt. Und sei der Einwurf noch so klar, immer wird darauf hingewiesen, dass der Gegenspieler noch dran war. Diese Handlung ist in Deutschland unglaublich weit verbreitet.

Und das sind Aktionen, die Sie ganz besonders stören?

Grudzinski: Dieses ständige ungerechtfertigte Reklamieren eines Einwurfs ist unglaublich nervend. Auch das Ballwegschießen nach einem Freistoß, das sich in Deutschland eingebürgert hat.

Ittrich: Was auch sehr häufig ist, dass sich nach einem Foul oder auch keinem Foul auf dem Platz gerollt und gekrümmt wird wie Schwerverletzte. Da ist schon Unfairness vorhanden, gerade auch um Strafstöße, Verwarnungen etc. herauszuholen. Oder wenn Spieler bei einem Gegenangriff der gegnerischen Mannschaft liegen bleiben, um eine Unterbrechung zu provozieren. Da sehe ich grundsätzlich schlecht aus. Ich bin kein Mediziner, ich kann nicht beurteilen, ob der Spieler schwer verletzt ist.

Werden die Spiele nachbesprochen?

Grudzinski: Ja, mit dem Schiedsrichterbeobachter analysieren wir jede Partie unmittelbar nach dem Abpfiff in der Kabine. Und im Laufe der Woche wird dann jedes Spiel mit einem anderen Schiedsrichter-Manager noch einmal persönlich besprochen und mittels einer DVD nachbereitet. Das ist auch ein Zeichen von Professionalität.

Ittrich: Jedes Spiel wird beobachtet, wird beurteilt, wir erhalten eine Note. Jeder von uns, der in der Bundesliga und der Zweiten Liga tätig ist, hat einen eigenen Schiedsrichter-Coach, einen ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter, der mit einem dann das Spiel noch einmal fachlich analysiert. Darüber hinaus habe ich persönlich noch einen Sportpsychologen, der Felder, die die Spielführung betreffen, mit mir bespricht. Zum Beispiel, ob ich mich von Spielern emotionalisieren lasse, wie ich das besser verarbeiten kann. Sein Hauptaufgabengebiet ist, einen besser zu machen. Wie bei Spitzensportlern auch.

Wann pfeifen Sie in der Bundesliga?

Grudzinski: Mein Ziel ist es, in meinen Spielen stets überzeugende Leistungen zu zeigen. Das ist mir sicherlich gelungen. Ich denke, dass ich mit meinen Spielleitungen und meinem Auftreten in der Zweiten Liga eine hohe Akzeptanz gewonnen habe. Alles Weitere entscheidet die DFB-Schiedsrichter-Kommission. Ich bin letzte Saison im März in Stuttgart gegen Dortmund für Michael Weiner eingesprungen, weil der sich einen Achillessehnenriss zugezogen hatte. Da durfte ich mal 24 Minuten Bundesligaluft schnuppern, und das war doch erstaunlich schön.

Herr Ittrich, und wann sehen wir Sie ganz oben?

Ittrich: Das kann ich nicht beantworten. Mein Ziel ist es, in die Bundesliga zu kommen. Aber ob ich das Ziel erreiche, das weiß ich nicht.