WM 2014

Das unendliche Sommermärchen des DFB-Teams

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Matthias Iken

Die Geschichte der Bundesrepublik ist eng mit dem Fußball verknüpft – Titel haben die Deutschen stolz, mutig und mitunter übermütig gemacht. Oft liefen die Fieberkurven von Politik und Nationalelf parallel.

Beginnen wir mit einem Bekenntnis. 1990 war ich gegen Deutschland. Ich fürchtete, ein WM-Titel im Jahr der Wiedervereinigung werde ein notorisch großmannssüchtiges Volk in einen neuen nationalen Taumel stürzen. Deutschland war vielen damals nicht geheuer, und dem Ausland ging es kaum anders. Wie zur Bestätigung der schlimmsten Vorurteile verwandelten sich die Siegesfeiern 1990 in vielen deutschen Städten in eine Orgie der Gewalt. Auf St. Pauli prügelten sich in der Sommernacht des 8. auf den 9. Juli Hunderte Skinheads und Fans mit der Polizei. Die Bilanz der „Eruption der Gewalt“, wie diese Zeitung schrieb: 54 verletzte Polizeibeamte, 86 Festnahmen, Barrikaden, ein geplünderter Supermarkt. Millionenschaden. In Ost-Berlin, Noch-Hauptstadt der verlöschenden DDR, jagten 800 Rechtsradikale Passanten und Ausländer über den Alexanderplatz, hier wie in Dortmund kam es zu Plünderungen.

Der Fußball, er hatte in Deutschland lange Zeit auch ein hässliches Gesicht – selbst wenn er nichts dafür konnte. Rechtsradikale Skinheads kaperten den Sport für ihre verworrene Weltsicht, viele Linke inszenierten bildmächtig die vermeintliche Nähe des Fußballs zum Rassismus. 1992 ging ein Bild eines betrunkenen Rostockers mit eingenässter Jogginghose um die Welt, der im Trikot der deutschen Nationalmannschaft den Arm zum Hitlergruß reckt, nebenan brennt ein Asylbewerberheim. 1998, bei der WM in Frankreich, prügelten deutsche Hooligans und Rechtsradikale den Polizisten Daniel Nivel ins Koma. Und viele Ausländer fragten sich, warum die deutschen Fans Jahrzehnte nach dem unseligen „Sieg heil“ noch immer „Sieg“ brüllen.

Die Welt fürchtete die deutsche Effizienz und den Kampfwillen, diese Sucht der „Mannschaft“ nach Erfolg, aber sie verachtete die Deutschen für ihr scheußliches Spiel und drückte stets den Gegnern die Daumen. Der Zweite Weltkrieg, er ist im Fußball erst seit Kurzem vorbei: Bis ins neue Jahrtausend rollten deutsche „Panzer“ und „Kampfmaschinen“, der britische Boulevard setzte den Spielern Stahlhelme auf und forderte zur Kapitulation auf: „Achtung! Surrender! For you Fritz ze Euro 96 iz over.“

Heute verneigt sich die Auslandspresse vor den Deutschen: „Sie sind jetzt die wahren Brasilianer“, jubelte gestern die italienische „La Gazzetta“ und die Kollegen von „Corriere della Sera“ lobten: „Stolz, nicht arrogant, das sind die neuen Deutschen. Die Deutschen sind die Besten auf vielen Feldern, jetzt fraglos auch im Fußball.“ In Frankreich zollt „Le Parisien“ Jogis Elf Respekt: „Deutschland ist nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern auch in Sachen Fußball eine Supermacht. Das Land hat es geschafft, ein tadelloses System aufzubauen – mit finanziell gesunden Clubs und der entsprechenden Ausbildung.“ Die Holländer von „De Telegraaf“ merken verwundert, „es passiert nicht oft, dass der Rest der Welt in einem Finale Fan von Deutschland ist“. Und die „Washington Post“ referiert: „Als immer mehr Menschen Deutschland zu den Favoriten zählten, erfasste ein gewisser Optimismus eine notorisch skeptische Nation. Und das explodierte heute Nacht in etwas, was man sehr selten sieht seit dem Zweiten Weltkrieg: eine Welle deutschen Stolzes.“

Nun gut, Washington ist weit. Es ist schon 60 Jahre her, als der Fußball ein moralisch in Trümmern liegendes Volk wieder aufrichtete: Das „Wunder von Bern“, der überraschende Final-Triumph gegen die favorisierten Ungarn, gilt Historikern als „wahre Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland“ – die Menschen fühlten sich nicht mehr als Ausgestoßene unter den Völkern, sondern jubelten sich selbst zu: „Wir sind wieder wer.“ Obwohl sich zunächst deutlich weniger Menschen als heute für Fußball interessierten, veränderte der Titel das Land, schaffte ein neues „Wir-Gefühl“. In einem Triumphzug fuhren die Weltmeister von Spiez nach München, Hunderttausende bejubelten die Helden von Bern, in einigen Bahnhöfen kam es zu Blockaden, um die Weltmeister zu feiern. Allerdings wurde das neue Selbstbewusstsein im In- und Ausland stets kritisch beäugt, die Fans im Wankdorf-Stadion intonierten beispielsweise die erste Strophe des Deutschland-Liedes. Auch ein Autor des Hamburger Abendblatt beschreibt noch 1990 das 36 Jahre zurückliegende Spiel im Wankdorf-Stadion als „Datum nationalen Völle- und Blähgefühls“, gar als „traumatisches Erlebnis“. Diese kritische Sichtweise haben erst das Sommermärchen und der Film „Wunder von Bern“ verdrängen können. Schließlich ist auch die Emotion eines Herbert Zimmermann („Tor! Tor! Tor! Tor!“) in Zeiten des Erlebnis-Fußballs wieder gesellschaftsfähig.

Entspannter fiel die Reaktion in einem entspannteren Land aus, als 1974 die deutsche Elf das „Finale dahoam“ feierte. Die sozial-liberale Koalition unter dem Langenhorner Helmut Schmidt regierte ein Land, das sich als zufriedener und zuverlässiger Teil der westlichen Völkergemeinschaft verstand. Nicht nur das Land war moderner geworden, sondern auch die Spielweise der Nationalmannschaft. Kicker waren keine Kameraden mehr, sondern Individualisten wie Günter Netzer oder Paul Breitner. 1972 gewann diese neue Generation, die lange als Jahrhundertelf gefeiert wurde, zunächst die Europameisterschaft, zwei Jahre später dann den Weltmeistertitel. Der Jubel blieb verhalten, die Kommentierung im TV klang so emotional wie das Verlesen eines Telefonbuchs. Das Abendblatt notierte: „In mehrere Stadtteilen liefen die Hanseaten auf die Straße, ließen Böllerschüsse knallen und entzündeten Feuerwerkskörper.“ Sogar, dass an der „Mörkenklause“ die Fahne Schwarz-Rot-Gold gehisst wurde, war eine Meldung wert. Ein Freudenfest mit angezogener Handbremse.

In den Folgejahren arbeiteten der deutsche Fußball und viele seiner Fans eher daran, die mühsam erworbene Reputation wieder zu ramponieren. Der bescheidene Glanz blätterte schnell. Bei der Fußball-WM 1978 irrlichterte die Elf durch die Militärdiktatur Argentinien, fußballerisch wie staatsmännisch. Mit dem 2:3 ausgerechnet gegen Österreich war in der Zwischenrunde Schluss, mit Sprüchen wie „Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen“ (Berti Vogts) oder Treffen mit Weltkriegs-Veteranen hatte sich die Nationalmannschaft schon zuvor ins Aus geschossen. Beliebter wurde die Nationalmannschaft auch durch die beiden Vize-Weltmeisterschaften 1982 und 1986 nicht.

Ganz im Gegenteil blitzte der hässliche Deutsche immer wieder durch – in der „Schande von Gijon“, dem unfairen Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Österreich, oder der rüden Attacke von Toni Schumacher auf Patrick Battiston im Halbfinale 1982.

Kaum aufwärts ging es in den darauffolgenden Jahren. Das Land, in dem 16 Jahre Helmut Kohl regierte, hatte auch eine Mannschaft, welche die Entwicklungen im Weltfußball gemütlich aussaß. Als Frankreich 1998 mit vielen Migranten im Team Weltmeister wurde, gab DFB-Präsident Gerhard Meyer-Vorfelder seine ganz besondere Sichtweise zu Protokoll: „Hätten wir 1918 die deutschen Kolonien nicht verloren, hätten wir heute in der Nationalmannschaft wahrscheinlich auch nur Spieler aus Deutsch-Südwest.“ Auf die Idee, die Jungs aus Gastarbeiterfamilien von Berliner Kampfbahnen und Gelsenkirchener Grandplätzen in die deutsche Nationalelf zu integrieren, kam beim DFB leider keiner.

Mit dem Land stürzte der Fußball ins Mittelmaß – das überraschende WM-Finale 2002 war eher das Ergebnis unvorstellbaren Losglücks als Resultat spielerischer Leistung. Deutschland, zu Beginn des Jahrtausends wegen seiner Wirtschaftskrise als „kranker Mann Europas“ verspottet, scheiterte sowohl 2000 als auch 2004 bei der Europameisterschaft schon in der Vorrunde. Die Stimmung im Lande war entsprechend: griesgrämig, verzagt, pessimistisch. Worauf sollten die Deutschen noch stolz sein? Die Nationalelf rumpelte durch die Turniere, die deutsche Mark war 1999 im Euro aufgegangen und 2002 aus den Portemonnaies verschwunden. Deutschland befand sich in der Identitätskrise. Es ist nicht einmal zehn Jahre her, dass mit einer gigantischen Medienkampagne für ein „Nationalgefühl“ geworben werden musste – in Zeitungen, Fernsehen und Kinosälen. „Behandle Dein Land doch einfach wie einen guten Freund. Meckere nicht über ihn ... Du bist Deutschland.“

Und dann kam das Sommermärchen: Dieser unvergessliche Sommer, der Deutschland über Wochen Sonne schenkte. Und dieser unvergessliche Fußball eines neuen Teams mit zwei Reformern an der Spitze: Jürgen Klinsmann und Joachim Löw. Parallel zu den politischen Reformen, 2003 von Bundeskanzler Gerhard Schröder in Gang gesetzt, bauten sie den deutschen Fußball um, schufen eine neue Spielphilosophie, holten viele neue Spieler. Plötzlich spielten die Migrantenkinder nicht mehr gegen ihr Heimatland, sondern mit dem Adler auf der Brust. Der Sturm und Drang dieser jungen Elf begeisterte bei der Heim-WM 2006 erst das Land, dann die Welt. Und die vielen internationalen Gäste fanden zur Überraschung der Gastgeber Gefallen an Deutschland. Vor der WM diskutierte die Republik verzagt über vermeintliche No-go-Areas für Ausländer. Der ehemalige Kanzlersprecher Uwe-Karsten Heye warnte dunkelhäutige Menschen gar: „Es gibt kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo, wo ich keinem, der eine andere Hautfarbe hat, raten würde, hinzugehen. Er würde sie möglicherweise lebend nicht mehr verlassen.“ Wenige Wochen später sah die Welt ganz anders aus: Deutschland hatte die ewig Gestrigen weggefeiert. Von allen Seiten prasselten Schulterklopfer, Lob und Anerkennung auf die Deutschen herab. Der Fußball als Gemeinschaftserlebnis stiftete eine neue Identität.

Verwundert rieben wir uns nach vier Wochen WM-Feier die Augen und stellten fest: Wir können ganz anders sein, als wir dachten. Nicht miesepetrig, sondern lebensfroh, nicht unterkühlt, sondern begeistert, nicht Schwarzseher, sondern Optimisten. Erstmals feierten Zuwanderer und Einheimische gemeinsam, viele Migranten hüllten sich in Deutschland-Trikots und schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen, die Deutschen integrierten den Autokorso in ihre Fan-Rituale. Selbst die Fangesänge verwandelten sich. Statt „Olé, olé, Super Deutschland“ heißt es heute selbstironisch „Schland“. Die Selbstverleugnung, ja der Selbsthass vieler Deutscher hat sich in einen gesunden und unverkrampften Patriotismus verwandelt. Schwarz-Rot-Gold, lange Jahre eher die Farbkombination politisch latent Verhaltensauffälliger, avancierte zum Modeaccessoire. Die Hymne ist kein Fall mehr für den Verfassungsschutz. Die Deutschen haben ihre Symbole in die gesellschaftliche Mitte geholt. Über die Flaggen ärgern sich nur noch ein paar linke Spießer, wie kürzlich ein grüner Bezirksabgeordneter in der Schanze, der seine Nachbarn aufforderte, die Fahne abzuhängen.

Der Fußball wirkte wie ein Katalysator – er hat das Land verändert und ist sich als Sport treu geblieben. Wie tief der Wandel ist, wie lange das Sommermärchen forterzählt werden kann, wissen wir seit der magischen Nacht von Rio. Es ist noch nicht vorbei. Diese Mannschaft bringt Leichtigkeit und Leidenschaft zusammen, Eleganz und Einsatz. Außenpolitisch wirkt diese WM strahlender als mancher Politikerauftritt. Wir sind auf der Welt, hier haben die Turniere 2006, 2010 und 2014 Wunder bewirkt, beliebt wie nie zuvor. Und wir werden nicht übermütig. Der hässliche Deutsche gerät in Vergessenheit, der deutsche Fußball wird nicht nur bewundert, sondern geliebt. Wir sollten dem Fußball dankbar sein. Und dürfen auf weitere Meisterwerke hoffen. Ich tue es übrigens auch.

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