WM 2014

Chile will Brasilien leiden lassen

Im ersten Südamerika-Gipfel dieser WM trifft der Gastgeber auf das Team, das Trainer Scolari am meisten fürchtet.

Belo Horizonte. In Brasilien geht die Furcht vor einem „Mineirazo“ um. Mit großer Sorge sieht der WM-Gastgeber dem Achtelfinale am Sonnabend (18 Uhr/ARD) im Estádio Mineirão von Belo Horizonte gegen Chile entgegen. „Wenn ich hätte wählen können, hätte ich eine andere Mannschaft genommen. Ich glaube, dass Chile der schwierigste Gegner ist, auch weil es ein südamerikanisches Team ist“, sagte Trainer Luiz Felipe Scolari. Für den Rekordweltmeister ist die Partie jedenfalls der erste echte Härtetest auf dem Weg zur angestrebten „Hexacampeão“, dem Gewinn des sechsten WM-Titels.

Ein WM-Aus bereits im ersten K.-o.-Spiel – die fußballverrückten Brasilianer wagen kaum daran zu denken. Ein nationales Trauma wie das „Maracanazo“ 1950, als die „Seleção“ vor 200.000 Zuschauern in Rio de Janeiro mit einem 1:2 gegen Uruguay den Titel verlor, würde eine Niederlage gegen Chile nicht auslösen. Aber es wäre die größte Enttäuschung seit dem Achtelfinalaus der Favoriten um Zico, Falcão und Sócrates 1990 gegen Argentinien.

„Die Mannschaft weiß um den Druck, den sie von jetzt an hat. Wir wissen, dass es eine entscheidende Phase ist“, sagte Brasiliens Luiz Gustavo. Der Bundesligaprofi vom VfL Wolfsburg soll den Chile-Angriff um Superstar Alexis Sánchez vom FC Barcelona bereits im Mittelfeld abfangen. Den Torjäger fürchten die Brasilianer am meisten, sein Clubkollege Dani Alves bittet auf der rechten Abwehrseite um Unterstützung: „Da brauchen wir Hilfe, weil er einen ähnlichen Stil hat wie Neymar.“

Auf seinen neuen Superstar, der gemeinsam mit Thomas Müller und Lionel Messi mit vier Treffern die Torschützenliste anführt, setzt Brasilien. „Neymar hat noch gar nicht angefangen zu zeigen, was er kann. Mit seinem Potenzial kann er der Mannschaft noch viel mehr helfen“, sagte sein Mitspieler Willian und forderte gegen den bislang so starken südamerikanischen Rivalen, der in der Gruppenphase Spanien ausgeschaltet hatte: „Wir müssen uns nur auf Fußball konzentrieren, keine Provokationen akzeptieren.“

1998 hatte sich Brasilien mit 4:1 gegen Chile durchgesetzt, 2010 mit 3:0 – beide Male ebenfalls im Achtelfinale. Aber im vergangenen Jahr gab es in einem Testspiel ebenfalls im Estádio Mineirao ein 2:2 zwischen beiden Teams. Scolari und seinen Spielern tönten damals gellende Pfiffe in den Ohren. Die brasilianischen Fans feierten Sánchez und Co. sogar mit „Olé“-Rufen.

Bei der WM-Auslosung im Dezember hatte Scolari mit Blick auf den Spielplan gestöhnt: „Hoffentlich kommt Chile nicht weiter. Ich ziehe jedes andere Team vor.“ Der Stil des Teams von Trainer Jorge Sampaoli liege Brasilien überhaupt nicht: „Es wäre besser, gegen eine europäische Mannschaft zu spielen.“ Dabei hat der WM-Ausrichter bisher 47 von 67 Länderspielen gegen die Chilenen gewonnen und nur sieben verloren. Und Brasilien beschwört vor der Stunde der Wahrheit den Geist vom Confederations Cup vom vergangenen Jahr, als die „Seleção“ bis ins Finale stürmte und dort Weltmeister Spanien 3:0 bezwang. „Jetzt ist die entscheidende Phase, wir dürfen so wenig Fehler wie möglich machen“, sagte Mittelstürmer Fred und versicherte bei einer Pressekonferenz im Trainingscamp in Teresópolis: „Die Geschichte wird gut ausgehen wie beim Confed-Cup, da bin ich bin sicher.“

Die Chilenen aber wissen, was es bedeuten würde, die Brasilianer im eigenen Land von der WM zu verabschieden. „Wenn wir diese Partie gewinnen, wäre das etwas Außergewöhnliches“, meinte Mauricio Isla. Auch er gehört zu den acht Akteuren der „Roja“, die vor vier Jahren in Johannesburg schon zum Einsatz gegen Brasilien gekommen waren. „Die WM 2010 hat nicht so viel Spaß gemacht wie die hier“, meinte Sanchez vielsagend.

Diesmal soll den Chilenen die WM auch nach dem Spiel gegen Brasilien noch Spaß machen. Diesmal wollen sich allen voran die Spieler, die bei der 0:3-Pleite in Johannesburg dabei waren, für den dritten vorzeitigen K.o. bei einer Fußball-Weltmeisterschaft rächen. Diesmal soll alles anders werden. „Wenn ich nicht überzeugt wäre, könnte ich meine Tasche nehmen und nach Chile fahren“, sagte Alexis Sánchez.

In den laut „El Mercurio“ ebenso wie das Hotel in Fortaleza fürs Viertelfinale gebuchten Flieger nach Santiago de Chile will die Mannschaft um den Barça-Angreifer und Ex-Bundesligaprofi Arturo Vidal tunlichst nicht steigen müssen. Die Aufgabe könnte schwerer zwar kaum sein. Aber auch kaum schöner für eine Truppe, die vor Selbstvertrauen strotzt. „Brasilien hat eine große Mannschaft mit großartigen Spielern, aber wir sind ganz auf uns konzentriert und darauf, dieses Spiel zu gewinnen“, sagte Kapitän und Torwart Claudio Bravo: „Wir können es jedem Gegner schwer machen.“

Zuerst bekam das in der Gruppenphase Australien zu spüren, als Chile mit dem 3:1 den höchsten WM-Auftaktsieg seit 1962 feierte. Dann folgte die vorzeitige Verabschiedung von Weltmeister Spanien mit einem 2:0. Gegen die Niederlande allerdings verloren die unermüdlichen Chilenen 0:2.

„Wir spielen gegen einen sehr starken Gegner, aber wir werden dieses Spiel genießen“, prophezeite Mauricio Isla. Er, Vidal, Sánchez, Bravo, dazu Rodrigo Millar, Gonzalo Jara, Jean Beausejour und Jorge Valdivia mussten vor vier Jahren ernüchtert aus Südafrika abreisen. Zum Schauplatz des ersten Südamerika-Gipfels bei dieser WM könnten die Chilenen indes fast laufen. Nicht mal acht Kilometer liegen zwischen ihrem WM-Camp Toca da Raposa II und dem Estádio Mineirão. Worauf es dort ankommen wird, formulierte Sánchez martialisch: „Die Partie wird die Mannschaft gewinnen, die mit ihrem Herz spielt.“

Wer auch immer gewinnt, der Sieger des Achtelfinales von Belo Horizonte trifft in der Runde der letzten acht entweder auf Uruguay oder Kolumbien. Und im Halbfinale wartet möglicherweise Deutschland. Ein leichter Weg sieht anders aus.

Brasilien: 12 César – 2 Dani Alves, 3 Thiago Silva, 4 David Luiz, 6 Marcelo – 5 Fernandinho, 17 Luiz Gustavo – 7 Hulk, 11 Oscar, 10 Neymar – 9 Fred.Chile: 1 Bravo – 17 Medel, 5 Silva, 18 Jara – 4 Isla, 10 Valdivia, 21 Díaz, 2 Mena – 8 Vidal – 11 Vargas, 7 Alexis Sánchez.Schiedsrichter: Webb (Großbritannien).