Wegen Tor zum 3:2

Málaga kündigt Protest gegen Schiri Thomson an

Borussia Dortmund feiert den dramatischen Halbfinal-Einzug in der Champions League. Gegner will nun die Uefa einschalten.

Dortmund . Noch am Tag danach war Nobert Dickel fix und fertig."Ich kann und will heute nicht arbeiten", sagte der Stadionsprecher von Borussia Dortmund am Mittwoch. Dies sei, so aufgewühlt wie er noch von den Emotionen der vergangenen Nacht sei, schlicht nicht möglich. "Dafür lebt man Fußball. So etwas kann nur der Fußball", so der 51 Jahre alte Ex-Stürmer und Publikumsliebling, der am Dienstagabend sinnbildlich für den emotionalen Ausnahmezustand stand, in dem sich alle Dortmunder befanden.

"Ich fasse es nicht, ich fasse es nicht. Felipe Santana, Felipe Santana, Felipe Santana - wir sind im Halbfinale", hatte Dickel nach dem Schlusspfiff eines der dramatischsten Spiele in der Champions-League-Geschichte mit sich überschlagender Stimme ins Mikrophon des BVB-Netradios gebrüllt. Er war unfassbar laut und schrill gewesen und trotzdem war er in diesem tobenden und tanzendem Stadion irgendwie untergegangen: Ein Jubelorkan auf den Rängen, vor Freude schreiende Spieler auf dem Rasen - die geballte Massenfreude. "Da hatte der Wahnsinn Methode", so Dickel, für den es sich - wie für viele andere auch - selbst am Tag danach noch etwas unwirklich anfühlte, dass der BVB tatsächlich noch das Halbfinale erreicht hatte.

Es war die unglaubliche Chronologie, die diesen Abend zu einem magischen gemacht hatte. Die Tatsache, dass der gerade entthronte Deutsche Meister von sämtlichen Live-Kommentatoren schon für klinisch tot erklärte worden war, nachdem Eliseu in der 82. Minute aus Abseitsposition das 2:1 für Malaga erzielt hatte. Etliche Zuschauer befanden sich bereits auf dem Heimweg, saßen schon in ihren Autos und bekamen das Wunder so nur noch per Radio mit: Als Marco Reus in der 91. Minute zum 2:2 traf, Dickels Stimme aus den Stadionlautsprechern heraus schrie: "Weiter, weiter, weiter!" Und als dann exakt 69 Sekunden später das Unfassbare tatsächlich eintrat: Eine Flanke in den Strafraum, ein wüstes Gestochere und der wohl glücklichste Moment in der Karriere von Felipe Santana, als er den Ball - allerdings ebenfalls im Abseits stehend - irgendwie noch über die Linie drücken konnte: 3:2 für Dortmund, Halbfinale.

"Das war crazy! Erst schieße ich das Tor, und dann springen alle auf meinen Rücken", sagte der Held des Abends, Santana, der kurz nach Schlusspfiff 300 Anrufe in Abwesenheit bekam. "Das war einfach unglaublich. Es gibt gar keine Worte, um das zu beschreiben. Wir haben nur noch gefeiert. Ich bin stolz, mit diesen Jungs in einer Mannschaft zu spielen", schwärmte der Innenverteidiger, an dem sich das Drama des Abends festmachen ließ: Bei beiden Gegentoren hatte er nicht gut ausgesehen und trotzdem noch für die Wende sorgen können. "Du musst immer an dich glauben. Und du musst immer weitermachen", versuchte Santana zu beschreiben, wie die Spieler das Bewusstsein, eigentlich schon ausgeschieden zu sein, verdrängten. Sie hätten nicht nur gegen einen taktisch perfekt eingestellten Gegner, sondern auch gegen die eigene Angst ankämpfen müssen.

Für Jürgen Klopp war die Schlussphase deshalb wie ein Blindflug in die Glückseligkeit gewesen. Machtlos hatte der BVB-Trainer an der Seitenauslinie gestanden und verfolgt, wie seine Mannschaft Ball um Ball in den spanischen Strafraum drosch. "Wir waren alle kurz vor dem Herzinfarkt", sagte er. Sein Team hatte das "schlechteste Champions League-Spiel" in der laufenden Saison gemacht, war hypernervös. "Doch man muss Fußballspiele auch an regnerischen Tagen gewinnen", so Klopp: "Und bei uns hat es heute richtig geschifft." Zu keinem Zeitpunkt hatten die Dortmunder die Sicherheit ihrer letzten Auftritte in der Königsklasse gehabt. Einfache Bälle versprangen, reihenweise wurden Fehlpässe produziert. Trotzdem flog Málaga raus. Die andere Sensationsmannschaft der aktuellen Champions-League-Saison.

Die Andalusier ließen sich nach dem Schlusspfiff auf den Rasen fallen. Es flossen Tränen. Club-Präsident Abdullah ben Nasser Al-Thani witterte eine Verschwörung. "Das hat mit Fußball nichts zu tun, das ist Rassismus - eindeutig", twitterte er. Málaga kündigte am Mittwoch an, dass man bei der Uefa Protest gegen die Wertung einlegen werde. "Das Niveau des Schiedsrichters war nicht so wie es ein Viertelfinale verdient gehabt hätte", sagte Geschäftsführer Vicente Casado angesichts des Abseitstores Santanas. Mittelfeldspieler Joaquin vermutete sogar, dass Uefa-Präsident Michel Platini etwas mit dem Ausgang der Partie zu tun gehabt haben könnte. "Wir haben Platini und seine Leute im Verdacht. Weil wir Málaga und nicht Real Madrid sind, ist es einfacher für sie, so etwas mit uns zu machen", schimpfte er und erinnerte an die Entscheidung des Verbandes, den Club wegen Verstößen gegen die Finanz-Regularien für ein Jahr aus den Europapokal-Wettbewerben auszuschließen.

Klopp konnte zumindest mitfühlen, wie ihnen zumute war. Der Fußball hätte an diesem denkwürdigen Abend seine zwei Gesichter gezeigt: Das des "glücklichen Siegers", aber eben auch das des "unfassbar enttäuschten Verlierers." "Ich werde es nie vergessen, was heute Abend passiert ist", erklärte Klopp. Er meinte das weniger als Trainer, sondern mehr als Fußballfan, der das Glück hatte, auf der Seite der Gewinner zu stehen. "Die größten Spiele im Fußball sind nicht in Erinnerung geblieben, weil sie perfekt waren, sondern weil sie unfassbar spannend waren", sagte er und sprach damit allen aus dem Herzen, die das Privileg hatten, in dieser Nacht live dabei gewesen zu sein. "Wir sind jetzt unter den besten vier Mannschaften Europas", sagte Santana: "Und wir gehen unsere Weg weiter. Am liebsten bis zum Finale in Wembley."