Deutschland gegen Frankreich

Die Nationalmannschaft wird zur geschlossenen Gesellschaft

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Alexander Laux

100 Tage vor dem EM-Start steht der Kader von Bundestrainer Löw so gut wie fest. Aus Hamburger Sicht darf lediglich ein Spieler hoffen.

Bremen. Für Kevin Kuranyi war der gestrige Dienstag ein trauriger Tag. Nachdem sich der deutsche Nationalstürmer a. D. via "Sportbild" für die EM ins Gespräch gebracht hatte, beendete Co-Trainer Hansi Flick die Spekulationen um den Profi von Dynamo Moskau, bevor sie an Fahrt aufnehmen konnten: "Er ist kein Thema bei uns."

Das passt ins Bild. Wenn die DFB-Auswahl heute Abend (20.45 Uhr, ZDF und Liveticker bei abendblatt.de) 100 Tage vor dem Start der Europameisterschaft in Polen und in der Ukraine auf Frankreich trifft , präsentiert sie sich als geschlossene Gesellschaft, auch wenn Bundestrainer Joachim Löw betont, dass die Tür "noch nicht ganz geschlossen" sei. Nur eine taktische Aussage für den Fall, dass verletzungsbedingt personelle Nachbesserungen erforderlich wären. Auf "25 bis 30 Spieler" bezifferte Flick gestern den erweiterten Kreis, der für den 23-Mann-Kader infrage kommt. Das vorläufige Aufgebot mit eventuell bis zu 26 Spielern wird Löw nach dem Bundesliga-Finale am 5. Mai bekannt geben, am 29. Mai ist Meldeschluss beim europäischen Verband Uefa.

Aus Hamburger Sicht ist die Perspektive trüb: Nur Dennis Aogo darf sich berechtigte Hoffnungen auf eine Nominierung machen. Die HSV-Profis Heiko Westermann und vor allem Marcell Jansen würden Stand heute nur dann noch zum Zuge kommen, wenn die Konkurrenz ausfällt. Die Übersicht in den Mannschaftsteilen:

Das Tor. Löw hat sich erwartungsgemäß dafür entschieden, den Bremer Tim Wiese im Weserstadion 90 Minuten spielen zu lassen. Der Torwart kann seinen Status als Nummer zwei hinter Manuel Neuer festigen. An Position drei rangiert derzeit Ron-Robert Zieler (Hannover). Erst nach der EM-Endrunde werden U21-Nationalspieler Marc-André ter Stegen (Mönchengladbach) Chancen eingeräumt.

Die Abwehr: Gegen Frankreich werden Holger Badstuber und Mats Hummels die Innenverteidigung bilden, Benedikt Höwedes läuft rechts auf, Aogo oder sein Dortmunder Rivale Marcel Schmelzer links. Jerome Boateng und Christian Träsch sitzen heute auf der Bank. Fest eingeplant sind der angeschlagene Philipp Lahm sowie Per Mertesacker (Reha). Von diesen neun Defensivakteuren wird Löw mindestens einen streichen: Stand heute Schmelzer oder/und Träsch.

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Das defensive Mittelfeld: In Bremen fehlt der Chef, doch Bastian Schweinsteiger muss um seinen Status nicht fürchten. Vergeben wird nur noch der Job des Juniorpartners, um den sich Sami Khedira und Toni Kroos bewerben. Kroos hat leichte Vorteile, weil er spielerisch stärker ist und Löw diesen Mannschaftsteil noch offensiver ausrichten will. Aber bei den Bayern läuft es derzeit nicht für ihn. Als weitere Back-ups stehen Löw die Zwillinge Lars und Sven Bender sowie Simon Rolfes zur Verfügung. Maximal zwei dieser drei Spieler haben eine Chance für den EM-Kader. Bitter für Sven Bender, dass er wegen einer Gesichtsprellung fehlt.

Das offensive Mittelfeld: Wenn Flick gestern davon sprach, dass es bei der Nominierung Härtefälle geben wird, dachte er sicher auch an diesen Bereich. Um die gesetzten Mesut Özil, Thomas Müller, Marco Reus und André Schürrle sowie den in Bremen fehlenden Lukas Podolski und Mario Götze gibt es keinerlei Diskussionen. Noch vor Marcell Jansen in der DFB-Hierarchie steht - sollte es Ausfälle geben - derzeit der Gladbacher Patrick Herrmann, der wegen seines Schlüsselbeinbruchs aber pausieren muss. Vorteil Jansen: Der 26-Jährige ist auch als linker Verteidiger einsetzbar und blieb anders als vor der WM 2010 bislang verletzungsfrei.

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Der Angriff: Trotz der Torjäger-Qualitäten eines Mario Gomez ist Miroslav Klose in einem 4-2-3-1-System als einzige Spitze gesetzt. Der Wahl-Römer passt perfekt zur Löwschen Philosophie mit spielstarken Fußballern. Dass hinter dem gesetzten Duo der beim VfB Stuttgart schwächelnde Cacau für das Frankreich-Spiel nominiert wurde, überraschte nur diejenigen, die die Treue und das grundsätzlich eher konservative Verhalten des Bundestrainers unterschätzen. Dass Löw einen vierten Stürmer nominiert, ist unwahrscheinlich, da auch Thomas Müller oder Lukas Podolski in vorderster Reihe spielen könnten. Der zuletzt gehandelte Mike Hanke (Gladbach) ist fast chancenlos.

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Fazit: Die Phase des Experimentierens ist für Löw längst abgeschlossen, auch in der Stammelf gibt es nur wenige Fragezeichen: Wer verteidigt neben Badstuber? Kann Boateng Höwedes den Platz rechts hinten noch streitig machen? Wer spielt neben Schweinsteiger? Schwere Zeiten für Nachrücker.