Ein Sieg voller Tränen

Südafrika schlägt Frankreich 2:1 und scheidet trotzdem aus. Während der Gastgeber stolz abtritt, erwacht die Grande Nation aus einem Albtraum

Bloemfontein. Am Ende reihte sich der scheidende Nationaltrainer Frankreichs doch noch in die ihn ablehnende Mannschaft ein. Als sein Team die verheerende Vorstellung bei dieser Weltmeisterschaft auch noch mit einer 1:2-(0:2)-Pleite gegen die Gastgeber besiegelt hatte, sorgte Raymond Domenech für einen weiteren Eklat der skandalträchtigen Franzosen: Er verweigerte dem südafrikanischen Trainer Carlos Alberto Parreira, der sein Amt nach dem Schlusspfiff niederlegte, den Handschlag.

Domenech blieb jegliche Erklärung für seine Unhöflichkeit schuldig: "Nächste Frage." Sein Co erklärte, Domenech trage Parreira eine abfällige Äußerung über Frankreich nach, nachdem die Blauen sich umstritten dank eines Handspiels gegen Irland für die WM qualifiziert hatten. Parreira hatte nach der erfolgreichen WM-Qualifikation der Franzosen durch ein mit der Hand vorbereitetes Tor von Thierry Henry erklärt, die Equipe Tricolore habe das Ticket nach Südafrika nicht verdient. "Ich habe die Franzosen sogar gelobt", verteidigte sich der Brasilianer gestern, "ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, Schlechtes über die französische Mannschaft gesagt zu haben." Dennoch verabschieden sich Südafrikas beste Fußballspieler versöhnlich von ihrer Heim-WM.

Der Sieg reichte nicht. Neben Uruguay heißt der zweite Achtelfinalist der Gruppe A Mexiko. Trotz der 0:1-(0:1)-Niederlage in Rustenburg. "Mein vorherrschendes Gefühl ist Stolz", sagte Südafrikas Parreira, "mit ein wenig Glück hätten wir uns für das Achtelfinale qualifiziert."

Die 39 415 Zuschauer klatschten nach dem Abpfiff weiter. La Ola, die Welle, war während des Spiels durch das Stadion gerollt, und man hatte nicht das Gefühl, hier Zeuge des historischen ersten Vorrunden-Aus eines WM-Gastgebers zu werden.

Es war ein einziger Sturmlauf der bereits abgeschriebenen Gastgeber. Angriff auf Angriff rollte auf das Tor von Frankreichs Torhüter Hugo Lloris. Zwei davon nutzte Südafrika ungewohnt effektiv durch Bongani Khumalo. Nach einem schweren Fehler von Lloris verwandelte er eine Ecke halb mit der Schulter, halb mit dem Oberarm zum 1:0 (20.). Die Ereignisse überschlugen sich. Frankreichs Yoann Gourcuff sah nach einem harten Kopfballduell eine (wie so oft in diesem Turnier) unberechtigte Rote Karte (25.). Als dann Katlego Mphela nach einem weiteren Abwehrfehler das 2:0 erzielte (37.), schien sich auch das Ergebnis im parallel ausgetragenen Gruppenspiel zwischen Uruguay und Mexiko glücklich zu fügen. Dort fiel der Führungstreffer für Uruguay, Südafrika fehlten plötzlich nur noch zwei Treffer zum Achtelfinale.

Welch unterschiedliche Bilder erlebte Bloemfontein gestern. Auf der einen Seite die Südafrikaner, diese unerschütterlichen Optimisten. "Wir haben jetzt schon gewonnen, weil wir uns als fantastische Gastgeber erwiesen haben", hatte Präsident Jacob Zuma am Vormittag die Nation auf eine reduzierte Rolle bei dieser WM eingeschworen. "Wir müssen weiter die Nationalmannschaft, die afrikanischen Teams und das Turnier allgemein unterstützen."

"Sehen Sie den Stolz und die tolle Laune der Leute hier", sagte Parreira, "davon hatten wir vor der WM nichts." Nach dem 2:1-Erfolg sah der Trainer seine Mission am Kap erfüllt und bekräftigte seinen Abschied. "Ich bin dankbar und stolz, dass ich meine WM-Geschichte mit einem Sieg abschließen konnte", sagte der 67-Jährige. "Wenn, dann werde ich nur noch Trainer in Brasilien", sagte Parreira auf die Frage, ob er weitermachen wolle: "Ich denke, das ist eine weise Entscheidung. Wir haben sehr hart gearbeitet, wir haben in der ganzen Zeit nur ein Spiel verloren. Ich bin sehr stolz. Vor Südafrika liegt ein langer Weg, es kommen der Afrika-Cup und die WM 2014 in Brasilien. Macht weiter so, arbeitet so weiter." Der Brasilianer, der sein Heimatland 1994 zum WM-Titel geführt hatte, war in Südafrika im Oktober 2009 als Nachfolger von Joel Santana vorgestellt worden. Dessen Vorgänger war Parreira selbst gewesen. Der Vertrag des 67-Jährigen besaß bis zum 15. Juli 2010 Gültigkeit.

"Es war mehr möglich. Wir hatten Chancen für mindestens zwei, drei weitere Tore", sagte Torschütze Katlego Mphela. Die Sensation wäre fast gelungen, denn Frankreich trat in erbärmlicher Verfassung an. Langsam, die Hände in die Hosentaschen vergraben, schritt Domenech auf seine Trainerbank. Fast wirkte Frankreichs Coach, als wolle er kein Aufsehen erregen.

Schlechter als sein Team hatte sich bislang selten ein WM-Teilnehmer benommen. Nicolas Anelka hatte ihn kaum zitierbar beschimpft, was ein Mitspieler genüsslich ausplauderte. Als Anelka dann mangels öffentlicher Entschuldigung abreisen musste, bestreikte das Team kurzerhand eine Trainingseinheit. Frankreich war schon vor dem Spiel ein Verlierer. Danach noch ein wenig mehr. Südafrika hatte hochkarätige Chancen vergeben, ehe Florent Malouda nach einem Pass von Franck Ribery den Anschlusstreffer erzielte (70.) - und damit alle Hoffnung der Südafrikaner zerstörte. "Was mir als Erstes einfällt, ist Traurigkeit", klagte Domenech, "wir hätten diesen Traum gern weitergeträumt." Doch selbst in der Heimat sind sie dankbar, geweckt worden zu sein - aus dem endlos scheinenden Albtraum.

Frankreich: Lloris - Sagna, Squillaci, Gallas, Clichy - Diarra (82. Govou), Diaby - Gourcuff, Ribery - Gignac (46. Malouda), Cisse (55. Henry).

Südafrika: Josephs - Ngcongca (55. Gaxa), Mokoena, Khumalo, Masilela - Sibaya, Khuboni (78. Modise) - Pienaar, Tshabalala - Mphela, Parker (68. Nomvethe).

Tore: 0:1 Khumalo (20.), 0:2 Mphela (37.), 1:2 Malouda (70.).

Schiedsrichter: Ruiz (Kolumbien). Zuschauer: 39 415. Rote Karte: Gourcuff (26.) wegen groben Foulspiels. Gelbe Karte: Diaby.