Schweinsteigers zweite Chance

Der 25 Jahre alte Bayern-Profi steht gegen Ghana als Denker und Lenker des deutschen Spiels vor seiner Reifeprüfung

Erasmia. Vor zwei Jahren fehlte Bastian Schweinsteiger gezwungenermaßen, als es für die deutsche Nationalmannschaft im dritten Gruppenspiel der EM gegen Österreich schon einmal um alles oder nichts ging. Weil er Kroatiens Jerko in der Nachspielzeit umgeschubst hatte, sah er im zweiten EM-Spiel Rot. Laut fluchend stampfte der damals 23-Jährige vom Platz, zeigte dem vierten Offiziellen mit dem Finger noch den Vogel und schlich danach schweigend in den Bus. Ausgerechnet jener "Schweini", der doch seit dem Sommermärchen bei der WM 2006 das Etikett "größte Hoffnung Deutschlands" verpasst bekommen hatte und mit dem auch die Kanzlerin so gerne flirtete.

Wer Schweinsteiger heute beobachtet, glaubt, er hätte heimlich einen Schnellkursus "Wie werde ich ein Fußballweiser?" belegt. Wie selbstverständlich war es der 25-Jährige, dem neben Joachim Löw am Tag vor dem Ghana-Spiel das letzte Wort der Mannschaft gehörte. Während Philipp Lahm als Kapitän die DFB-Auswahl nach außen anführt, hat diese Rolle auf dem Rasen Schweinsteiger als "emotionaler Leader" (Löw) inne. Ausgerechnet der bei der EM noch so Unbeherrschte fordert als Wortführer jetzt "Cleverness und Kaltschnäuzigkeit" ein.

Schweinsteiger verdankt die Beförderung vor allem zwei Dingen: dem Fehlen von Ballack und zweitens seiner zentraleren Position, die er den Bayern-Trainern Jupp Heynckes und Louis van Gaal zu verdanken hat. Wer Schweinsteiger, der seit dem 13. Lebensjahr für den deutschen Rekordmeister spielt, in der vergangenen Saison im Münchner Trikot spielen sah, musste zu dem Schluss kommen, dass er jahrelang mit einer falschen Rolle besetzt wurde, im halbrechten oder halblinken Mittelfeld.

Beim Football wäre er nun der Quarterback. Er, der frühere Lausbub, der mit einer (angeblichen) Cousine nachts einmal ins Trainingsgelände eindrang, um ihr die Vorzüge des Pools zu zeigen, muss nicht nur vor der Abwehr für die nötige Sicherheit sorgen, sondern hat auch die Oberaufsicht über das Aufbauspiel. "Ich habe viele Pässe im Spiel, versuche das Tempo zu steuern, die Richtung vorzugeben", beschreibt er, "Ordnung muss sein, ich muss auch viel defensiv arbeiten und reden."

Längst hat bei Schweinsteiger aber parallel zu seiner neuen Position ein Reifeprozess eingesetzt. Zwar werden auf seiner Homepage im Internet immer noch "Schweini"-Produkte vertrieben, aber dieser Spitzname ist ihm längst fremd geworden: "Das passt nicht mehr, da bin ich rausgewachsen." Seine Freunde haben ihn sowieso immer Basti gerufen. In einem "Spiegel"-Gespräch erzählte Schweinsteiger außerdem, dass er mittlerweile eine professionellere Einstellung zu seinem Beruf habe: "Jetzt achte ich mehr auf den Körper. Stretching, Kraftraum, richtige Ernährung. Für mich waren Lúcio und Zé Roberto auch hier immer richtige Profis." Früher lieferte seine Beziehung zu dem Model Sarah Brandner regelmäßig Futter für die Klatschspalten, heute hält er Privates bedeckt.

Während vor dem Ghana-Spiel viel über den Druck für die Jungen gesprochen wurde, so steht gerade für Schweinsteiger gegen die Afrikaner viel auf dem Spiel. Er muss beweisen, dass er wirklich die Rolle des Leitwolfs einnehmen kann. Schließlich fehlt ein Michael Ballack, der gegen Österreich mit einem Gewaltschuss das Weiterkommen bei der EM sicherte. Schweinsteiger muss beweisen, dass die vielen schönen Ankündigungen auch einen ernsthaften Hintergrund haben.

Gewissermaßen ist dieses WM-Spiel auch Schweinsteigers zweite Chance in diesem Jahr. Beim Champions-League-Finale der Bayern im Mai gegen Inter Mailand war für Schweinsteiger ebenfalls eine herausragende Rolle reserviert. Aber dann ging er in Madrid ohne großen Glanz mit unter, traute sich viel zu wenig zu.

Jetzt will er es besser machen und gerade für die vielen jungen Spieler als Vorbild wirken: "Wir können froh sein, dass wir solche Talente haben. Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass wir mit so einer Mannschaft hier bei der Weltmeisterschaft spielen? Da hätte jeder gesagt: Was? Müller? Badstuber? Die kennt man ja gar nicht. Dass sie schon so weit sind, ist enorm."

Wie auch sein Nebenmann im zentralen Mittelfeld, Sami Khedira. "Wenn es auf den Platz geht, gibt es nicht jung und alt oder erfahren und unerfahren, da gibt es nur gut oder schlecht", sagt der Stuttgarter, der mit sieben Länderspielen 69 weniger aufweisen kann als er. Aber auf den Ex-Schweini trifft dieser Satz genauso zu. Besonders heute.