Kampf dem serbischen Hünen

Die deutsche Defensive steht gegen den Angriff um den 2,02 Meter großen Nikola Zigic vor ihrer ersten Prüfung

Erasmia. Im Hotel Velmore Grande ist für neue Abwechslung gesorgt. Während bisher dank der Vielzahl an Unterhaltungsgeräten vor allem die Daueraktiven ihrem Balltrieb nachgehen konnten, bietet der angereiste Yogalehrer Patrick Broome jetzt jeden Tag um acht Uhr ein einstündiges Programm für Freiwillige an, das die Nationalspieler gestärkt und entspannt ihre Arbeit aufnehmen lassen soll.

Ob das erweiterte Angebot besonders der Defensive hilft, heute in brenzligen Situationen die Ruhe zu bewahren, muss abgewartet werden. Der Effekt wäre aber in jedem Fall wünschenswert. Schließlich muss die deutsche Abwehr gegen Serbiens Nationalmannschaft ihre erste richtige Prüfung bestehen.

"Nach dem ersten Spiel gegen Australien fällt mit eine Beurteilung der DFB-Mannschaft noch schwer. Für mich war Australien bisher das schwächste Team im ganzen Teilnehmerfeld", sagt Thomas Berthold. Der 45-Jährige kommentiert als Mitglied eines Expertenteams die WM für den südafrikanischen Sender Supersport und hat zudem VIP-Reisen organisiert.

"Für mich gibt es noch immer viele offene Fragen", mahnt Berthold, der in der Weltmeister-Mannschaft von 1990 in der Verteidigung spielte, vor verfrühter Euphorie. "Wie stark ist die Defensive wirklich, wenn der Gegner zügig, mit Doppelpässen, durch die Mitte kombiniert? Wie besteht ein Holger Badstuber im Eins-gegen-eins gegen schnelle Angreifer? Da befürchte ich Probleme. Und wie reagiert die Mannschaft, wenn sie mal bei einem Rückstand den Defensivverbund lockern muss und der Gegner Konter fahren kann? Gegen Australien geriet die DFB-Elf doch nie wirklich unter Druck."

Besonders Arne Friedrich, der Serdar Tasci aus der Stammelf gedrängt hat, steht heute unter besonderer Beobachtung. Wie gut klappt die nun über mehr als vier Wochen eingeübte Abstimmung mit Per Mertesacker in der Innenverteidigung tatsächlich? Der Berliner kennt einen seiner heutigen möglichen Gegenspieler nur zu gut: Mit Marko Pantelic spielte er bis 2009 vier Jahre zusammen bei Hertha BSC. Dem jetzigen Profi von Ajax Amsterdam, der zu den Vertretern der schlitzohrigen Stürmertypen zu zählen ist und gern den unkonventionellen, plötzlichen Abschluss sucht, wenn sich ihm die Chance bietet, droht allerdings zunächst die Verbannung auf die Bank.

Voraussichtlich als einzige Spitze im neu formierten 4-2-3-1-System mit zwei defensiven Mittelfeldspielern, das auch Joachim Löw bevorzugt, wird Nationaltrainer Radomir Antic seinen Hünen Nikola Zigic (Valencia) aufbieten, von dem vor allem aus der Luft Gefahr droht. Oliver Bierhoff rechnet damit, dass der 2,02 Meter große Angreifer häufig mit hohen Bällen angespielt wird, und beschreibt, wie man solche Angriffe unterbinden muss: "Wenn ein Innenverteidiger zum Kopfballduell mit hochsteigt, ist es enorm wichtig, dass der andere Innenverteidiger sowie die beiden defensiven Außen die Räume absichern, wenn Zigic den Ball verlängern will. Wenn er aber den Ball nach hinten ablegen möchte, sind die defensiven Mittelfeldspieler gefordert." Dabei sei es wichtig, so der DFB-Manager, nicht zu ungestüm zu attackieren, weil gerade in Freistoßsituationen Gefahr lauere.

Mindestens genauso entscheidend wird es aber sein, das Flügelspiel der schnellen und dribbelstarken Milos Krasic (ZSKA Moskau) und Milan Jovanovic (Standard Lüttich) und damit auch Flanken auf Zigic zu unterbinden. Beide serbische Außen zeichnet ebenfalls aus, dass sie immer wieder den direkten Weg zum Tor suchen. Vor allem Thomas Müller im rechten und Lukas Podolski im linken Mittelfeld sind gefordert, nicht zu sorglos auf den Außenpositionen zu agieren und damit Philipp Lahm und Badstuber in Bedrängnis zu bringen. Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira stehen in der Pflicht, im Zentrum Champions-League-Sieger Dejan Stankovic von Inter Mailand unter Kontrolle zu halten.

Während Schweinsteiger bereits direkt nach dem Australien-Spiel die teilweise "unzureichende Kompaktheit" moniert hatte, präzisierte Oliver Bierhoff gestern Mittag: "Löw legt in den Trainingseinheiten sehr viel Wert auf den richtigen Abstand zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen. Neben der Chancenverwertung war das ein Punkt, den wir in den kommenden Spielen auf jeden Fall noch verbessern müssen. Gegen Australien haben wir zu viel Platz gelassen und Räume ermöglicht." Was sich gegen Serbien rächen und das Duo Mertesacker/Friedrich, das im Prinzip nur am Ende der Verteidigungskette steht, in enorme Schwierigkeiten bringen könnte. Umgekehrt hat Löw immer wieder üben lassen, dass sich die Abwehr nicht zu weit in die eigene Hälfte fallen lassen und früh attackieren soll.

Wie gut die gesamte Mannschaft jedoch eine andere Anforderung Löws - nämlich die Bewegung ohne Ball - befolgt und damit eine wesentliche Bedingung für einen guten Verbund erfüllt hat, zeigt ein Blick auf einen Wert des offiziellen Statistik-Sponsors Castrol: Demnach legten die Deutschen gegen Australien insgesamt 112 Kilometer zurück, während es die Serben mit 94 Kilometern gemütlicher angehen ließen.