Die Vorfreude des Topfavoriten

Vicente Del Bosque, Trainer von Europameister Spanien, hat keine Verletzungssorgen, dafür aber ein fast grenzenloses Selbstvertrauen

Potchefstroom. Die erste Hürde haben die Spanier ziemlich smart genommen. Sie sind der ausgewiesene Favorit bei diesem Turnier - doch von der Belagerung durch Reportermassen, kreischende Teenager oder dem Stress öffentlicher Auftritte haben sie sich befreit, indem sie spät kamen, erst am Tag des Eröffnungsspiels, und sich dann in einen der hinteren Winkel Südafrikas zurückzogen. Potchefstroom heißt die alte Burenstadt zwei Stunden südwestlich von Johannesburg, in deren Universität sich das Team von Trainer Vicente del Bosque niedergelassen hat. Die Studenten haben natürlich frei.

Fast ist der Eindruck zu gewinnen, die Spieler langweilen sich selbst ein bisschen, wenn Xabi Alonso sagt: "Wir wollen, dass es endlich losgeht." Als letzte Mannschaft greift die "Seleccion" heute (16 Uhr/ARD) gegen die Schweiz ins Geschehen ein, und der Teppich, den ihr die Welt ausrollt, ist dunkelrot. Nach dem torärmsten WM-Beginn werden die Kunstfußballer aus Barcelona, Valencia und Madrid noch sehnsüchtiger erwartet als ohnehin schon.

Durban, das schon Deutschland zaubern sah, bekommt heute den Prototyp zu sehen, den Joachim Löw seit Jahren als Vorbild preist. Ein Spanien, das bei der EM 2008 gekonnt das Vorurteil widerlegte, schönes Spiel gewinne keine Titel. "Dieser Triumph war fundamental", sagt Fernando Hierro, Ex-Abwehrchef und Sportdirektor der Spanier, "er hat unsere ganze Mentalität geändert". Aus den ewigen Zweiflern seiner Generation ist eine Siegesmaschine geworden, bei der Hierros Impulse und der Trainerwechsel von Luis Aragones auf Del Bosque auch schon die größten Neuerungen seit 2008 sind.

Del Bosque sagt: "Wir sind die Favoriten, damit müssen wir klar kommen." Vor dem Abflug nach Südafrika haben sie sich mit einem 6:0 über Polen ihrer Stärke versichert. Es gibt so wenige Probleme, dass die gefürchtete Sportpresse schon alle Mühe hat, sich ihre Themen zu konstruieren. Auf dem Platz meldeten sich die im Saisonfinale verletzten Fernando Torres (Liverpool) und Cesc Fabregas (Arsenal) ebenso einsatzfähig wie der zwischenzeitlich angeschlagene Andres Iniesta (FC Barcelona). Zur Polemik taugt in diesem Bereich am ehesten noch die Frage, ob zwei Stürmer auflaufen sollen, also Torres und David Villa (Valencia), oder nur einer. Heute wird del Bosque das wohl noch umschiffen mit dem Hinweis, Torres erst langsam wieder zurückzuführen. Aber auch wenn er sich irgendwann entscheiden muss: Macht es überhaupt einen Unterschied? Bei der EM siegte Spanien bis zum Halbfinale mit zwei Stürmern, im Endspiel mit einem. Villa hatte sich verletzt und wurde doch Torschützenkönig, Torres schoss den Siegtreffer im Endspiel, so friedlich wurden die Heldenrollen geteilt.

Personalfragen sind zweitrangig, das finden sie auch im Team - so lange nur Xavi Regie führen kann. "Je mehr er partizipiert, desto mehr spielen wir alle", sagt Sergio Busquets, "er ist unser wichtigster Mann." Iniesta nennt ihn "die Essenz unserer Spielweise", Villa die "Achse, die das Spiel verlangsamt oder aktiviert". An Xavis Füßen hängen die betörenden Passstafetten, die sich der herrschenden Lehre des Konterspiels so hartnäckig widersetzt haben, dass sie selbst zum Modell für andere geworden sind. Nur in der Abwehr gibt es noch etwas Unklarheit. Neben den Innenverteidigern Carles Puyol und Gerard Piqué (beide FC Barcelona) sowie Sergio Ramos (Real Madrid) auf rechts wird Alvaro Arbeloa (Real) oder Joan Capdevila (Villarreal) das Tor von Iker Casillas (Real) absichern.

Was gegen Spanien spricht? Höchstens Nebensächlichkeiten wie die Geschichte. Seit 1970 (Brasilien) wurde der Weltmeistertitel nicht mehr vom Topfavoriten oder der Mannschaft mit dem schönsten Fußball gewonnen. Und noch etwas, so unglaublich es klingen mag: Besser als Platz vier war Spanien bei einer WM noch nie - und das ist 60 Jahre her.

Spanien: Casillas - Sergio Ramos, Puyol, Piqué, Capdevila - Xabi Alonso, Busquets - David Silva, Xavi, Iniesta - Villa.

Schweiz: Benaglio - Lichtsteiner, Senderos, Grichting, Ziegler - Barnetta, Inler, Huggel, Fernandes - Derdiyok - Nkufo.

Schiedsrichter: Webb (England).