Wettskandal: Neue Ermittlungen

Die Spuren führen in die Provinz

Osnabrücks Reichenberger streitet bei Rede im Stadion alle Vorwürfe ab. Ulm soll auch Liga-Spiele verschoben haben.

Berlin. Wer gestern in Ulm neue Erkenntnisse zum größten Wettskandal der europäischen Fußballgeschichte sammeln wollte, wurde enttäuscht. Das Auslaufen des Viertligaklubs war gestrichen worden. Besucher fanden im Donaustadion nur den Platzwart vor, der ihnen mitteilte: "Keiner da."

Offenbar wollen die Ulmer keine weiteren Erklärungen zu den Vorwürfen gegen Spieler ihrer Mannschaft abgeben. Wahrscheinlich können sie es gar nicht. 200 Spieler in neun europäischen Ländern sollen allein in diesem Jahr von der Wettmafia manipuliert worden sein. Dass 32 dieser Spiele in Deutschland ausgetragen wurden, war eines der wenigen Details, das die Ermittler bekannt gaben. Inzwischen wird offenbar auch gegen einen Schiedsrichter ermittelt.

Die bislang existierenden Spuren führen alle in die Fußballprovinz: nach Osnabrück, nach Goslar, nach Würzburg, und eben nach Ulm. Laut "Spiegel" stehen neben dem Testspiel gegen Fenerbahce Istanbul (0:5) auch vier Pflichtspiele des SSV Ulm unter Manipulationsverdacht. Alle sollen in der Endphase der vergangenen Saison stattgefunden haben.

Beim VfL Osnabrück sollen Profis angeblich Zweitliga-Partien der Vorsaison manipuliert haben. In diesem Zusammenhang wurde die Wohnung von Marcel Schuon durchsucht, der mittlerweile beim SV Sandhausen spielt. "Er hat uns versichert, dass er nichts gemacht hat", sagte Klubmanager Tobias Gebert. Seine Unschuld beteuerte auch Thomas Reichenberger, der am Sonnabend im Osnabrücker Stadion sogar eine Rede an die Fans hielt.

Erst vergangene Woche soll der Torwart des Regionalligisten Goslaer SC, Lars Möhlenbrock, angesprochen worden sein, das Spiel gegen den SV Wilhelmshaven für eine Belohnung von 1500 Euro zu verschieben. "Er hat mich gefragt, ob ich schnell etwas Geld verdienen will", wird der Tormann in der "Goslarschen Zeitung" zitiert. Der bislang einzige verhaftete Fußballer spielt beim Landesligisten Würzburger Kickers. Der 31-jährige Kristian S. war bereits 2007 wegen Wettbetrugs zu einer Geldstrafe von 8400 Euro verurteilt worden.

Sind die Informationen zu den ausführenden Personen noch vage, ist über die Hintermänner schon deutlich mehr bekannt. Wie schon im Fall des bestochenen Schiedsrichters Robert Hoyzer aus dem Jahr 2005, sitzen die Drahtzieher wieder in Berlin. Es handelt sich offenbar um eine fünfköpfige Bande, zu der auch wieder Ante Sapina gehören soll. Der Kroate war bereits in der Hoyzer-Affäre zu zwei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt worden. Jetzt sitzt er wie 14 weitere Männer in Untersuchungshaft. Unter ihnen befindet sich auch der ehemalige Bamberger Basketballprofi Ivan Pavic. Die Bande soll über Mittelsmänner Spieler, Trainer und sogar Präsidenten in ganz Europa bestochen haben. So wetteten sie 60 000 Euro, dass eine türkische Drittligamannschaft in der ersten Halbzeit drei Tore schießt. Das Ergebnis trat ein.

Auch in ihrer Heimatstadt waren Teile der Bande offenbar tätig. Der "BZ" sagte Fikret Ceylan, Manager des Berliner Viertligisten Türkiyemspor: "Ich bin schon oft angesprochen worden von Leuten, die wissen wollten, was es kostet, wenn wir verlieren." DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger versprach: "Leute, die so etwas machen, müssen aus dem Sport entfernt werden. Das ist Schmarotzertum an der Gesellschaft."

Unterdessen nehmen Meldungen über verschobene Spiele in ganz Europa immer mehr Raum ein. So veröffentlichte die "Süddeutsche Zeitung" eine Liste mit sechs manipulierten Partien aus Kroatien, der Türkei, Belgien und der Schweiz. Dort meldete zudem der Präsident des FC Sion ein verkauftes Spiel. Laut Christian Constantin habe sich der bosnische Klub NK Travnik sein Trainingslager von Buchmachern finanzieren lassen, in dem er das Testspiel gegen seine Mannschaft (1:4) absichtlich verlor.