Aus dem Nichts zur totalen Dominanz

Der FC Bayern greift nach dem beeindruckenden 4:0 gegen Werder Bremen im Pokalfinale nach dem Triple

Berlin. Wie ein stolzer Vater wandte sich Karl-Heinz Rummenigge beim Pokalsieger-Bankett an seine Spieler : "So wie Ihr heute gespielt hab, haben wir es uns immer gewünscht. Mit Leidenschaft, mit Dominanz." Dann dröhnte der Jubel-Evergreen "We are the champions" durch die mächtige Halle der Berliner Telekom-Zentrale, die nach dem 4:0 (1:0) der Bayern gegen Werder Bremen zum Feiersaal umfunktioniert worden war.

Vier Stunden zuvor hatte der Rekordmeister eine eindrucksvolle Demonstration seiner Stärke gezeigt."Dann kann man sich nicht mit ihnen messen", sagte ein sichtlich konsternierter Werder-Kapitän Torsten Frings, der nach einem Frustfoul in der Schlussphase gegen Schweinsteiger auch noch die Rote Karte kassierte.

Dieser Abend im nasskalten Berlin zeigte einmal mehr, dass der Fußball für unkalkulierbare Wendungen immer wieder gut ist. Noch im Frühherbst 2009 galt Trainer Louis von Gaal als Wurzel allen Übels. Ein, zwei Niederlagen mehr - und van Gaal wäre wohl als Fliegender Holländer in die Vereinsgeschichte eingegangen.

Für die Wende sorgte ein Spieler, der auf dem Weg zum Bankett lässig beide Hände in den Taschen seines Ausgehanzugs vergrub: Arjen Robben, der sich einmal mehr das Prädikat "Weltklasse" verdiente. Es ist der nächste Treppenwitz des Fußballs, dass Robben nun am kommenden Sonnabend in Madrid, also dort, wo sie ihn nicht mehr wollten, für einen historischen Moment sorgen kann. Ein Erfolg gegen Inter Mailand im Champions-League-Finale wäre das erste Triple einer deutschen Mannschaft mit Meistertitel, Pokalsieg und Champions-League-Triumph. "Das hat nicht einmal die große Bayern-Mannschaft der Siebziger geschafft", staunt Rummenigge.

Würde ein Triple die aktuelle Bayern-Mannschaft zur besten der Vereinsgeschichte machen? "Natürlich nicht", sagte Franz Beckenbauer, Kopf jener legendären Siebziger-Mannschaft, dem Abendblatt: "Das kann man gar nicht vergleichen. Wir waren damals ein gewachsenes Team. Die aktuelle Mannschaft kommt dagegen doch wie aus dem Nichts."

Wie aus dem Nichts - treffender als der Kaiser kann man es kaum ausdrücken. Da ist ein Hans-Jörg Butt, verpflichtet als Ersatztorwart, der sich nun mit womöglich drei Titeln zur WM aufmachen wird. Da ist Bastian Schweinsteiger, der nach Karriere-Tiefs auf dem Weg in die Weltklasse ist, und gegen Bremen ein Tor im Stil eines Didier Drogba zum 4:0 schoss. Da ist Franck Ribéry, der den Boulevard-Schlagzeilen um eine Affäre einfach davon dribbelt. Und da ist natürlich Louis van Gaal.

Die Reservisten bei den Bayern greinen nicht mehr

Dabei schien zu Beginn der Amtszeit der Graben zwischen Trainer und Führungsspielern tiefer als der zwischen den Rivalen FC Bayern und 1860 München. "Louis hat sich verändert. Er geht viel mehr auf die Spieler ein", beobachtet Alt-Meister Udo Lattek. "In vielen Gesprächen haben wir erreicht, dass wir das System des Trainers verstehen", bestätigt Stürmer Thomas Müller. Über Reservisten-Dasein wird schon lange nicht gegreint - fast klaglos fügen sich Stars wie Klose, Timoschtschuk oder Gomez in ihre Edeljoker-Rolle.

Van Gaal, so scheint es, ist in München und bei sich selbst angekommen. Der 58-ährige, der so unnahbar wirkte, plaudert im TV über Intimes ("Es ist wichtig, dass meine Frau und ich regelmäßig Liebe machen") und heizt die Stimmung bei Partys an wie einst Rudi Carrell: "Ich bin ein Feierbiest."

Vertraute schildern den neuen van Gaal als "tiefenentspannt". Früher kanzelte er Reporter bei unliebsamen Fragen böse ab. Der neue van Gaal will dagegen gestatten, dass vor dem Finale in Madrid am Sonnabend in der Bayern-Kabine gefilmt werden darf.

Madrid. Es könnte van Gaals Krönungsstadt werden. "Ich glaube, dass die Mannschaft das packt", sagt Rummenigge. Und dann, das ist sicher, wird das Feierbiest zu noch nie dagewesener Form auflaufen.

Bremen: Wiese - Fritz, Mertesacker, Naldo, Boenisch - Frings - Bargfrede (54. Marin), Borowski (70. Jensen) - Özil - Hunt (46. Hugo Almeida), Pizarro. München: Butt - Lahm, van Buyten, Demichelis, Badstuber - van Bommel, Schweinsteiger - Robben (87. Altintop), Ribery - Müller (77. Timoschtschuk), Olic (80. Klose). Tore: 0:1 Robben (35., Handelfmeter), 0:2 Olic (51.), 0:3 Ribery (63.), 0:4 Schweinsteiger (83.). Schiedsrichter: Kinhöfer (Herne). Zuschauer: 75 420 (ausverkauft). Gelb-Rote Karte: Frings wegen wiederholten Foulspiels (77.).