DEL

Army-Trainerin Mattison drillt die Hamburg Freezers

| Lesedauer: 6 Minuten
Alexander Berthold

Mintra Mattison ist der neue Fitnesscoach beim Hamburger Eishockeyclub. Zuvor trainierte die 31-Jährige die Spezialeinheiten der USA.

Hamburg. Ein unscheinbarer Hinterhof in der City Nord. Ein Raum, der den Charme eines alten Box-Gyms in der New Yorker Bronx versprüht. Rohre, die freiliegend aus der Decke herausragen, jede Menge Fitnessgeräte aufgereiht. Sofort springen große Lastwagenreifen ins Auge. Aus den Boxen dröhnt laute Hip-Hop-Musik, die immer wieder von einer kräftigen und doch weiblichen Stimme in den Hintergrund gedrängt wird. „Hopp, Schuby! Come on! Hoch, hoch, hoch! Noch fünf!“, tönt es. Christoph Schubert quält sich mit einem 30 Kilogramm schweren Sack, mit dem er sich immer wieder hinlegen und wieder aufrichten muss. Eine Qual für die Bein- und Bauchmuskulatur. Der Schweiß rinnt dem Kapitän der Hamburg Freezers in Strömen die Stirn bis hin zur Nasenspitze hinunter. „Das ist fies“, ächzt der Eishockeyprofi, der aber kurze Zeit später erlöst wird. „Good Job! Gut gemacht!“

Und dieses Lob kam nicht etwa von einem zwei Meter großen, griesgrämigen Fitnesscoach, sondern von einer jungen attraktiven Frau. Große dunkle Augen, lange schwarze Haare zum Zopf zusammengebunden, sympathisches Lächeln. Mintra Mattison wirkt auf den ersten Blick nicht wie eine Frau, die erwachsene und austrainierte Männer an den Rand der Erschöpfung bringen kann. Die 31-jährige Hamburgerin ist seit dieser Saison die neue Fitnesstrainerin beim Club aus der Deutschen Eishockey-Liga. „Sie sieht aus wie ein liebes nettes Mädel. Aber ich möchte sie nicht erleben, wenn sie mal böse ist“, scherzt Abwehrspieler Schubert nach der knapp einstündigen Einheit.

Mattison weiß, wie sie sich in einer Männerdomäne zu behaupten hat. Die gebürtige Hamburgerin hat einen Lebenslauf, wie er ungewöhnlicher kaum sein könnte. Zunächst arbeitete sie als Marketing-Referentin in den USA. Sport war ihr eher fremd.

„Früher habe ich ein wenig Yoga gemacht. Dann hat mich mein bester Kumpel, der Soldat in den USA ist, mit zum ‚Military Athlete‘ genommen. Ich war so fertig danach, dass ich es als Herausforderung gesehen habe, besser zu werden“, sagt die Halbthailänderin. Doch aus einem Hobby wurde ihre Passion. Sie bildete sich in den USA weiter und absolvierte unter anderem die Ausbildung zum Primary Group Exercise Instructor der renommierten Aerobics and Fitness Association of America. Durch ihren Ehemann Justin, der Berufssoldat ist, landete sie schließlich beim US-Militär. Dort arbeitete sie am Stützpunkt Grafenwöhr in der Oberpfalz, unter anderem mit den Special Forces der US Army und der 709. Military Police Battalion sowie der Special Troops Battalion, 173rd Airborne Brigade Combat Team. Für die extrovertierte Trainerin war es eine neue Erfahrung. Zu Beginn ihrer Armeezeit blieben Machosprüche der Soldaten nicht aus.

„Am Anfang wurde ich schon skeptisch beäugt, und viele fragten sich, ob ich wohl wisse, wovon ich rede. Wenn man aber als Frau ein paar Klimmzüge raushaut, denken die Soldaten schon ‚oh‘ – und schon kuschen sie“, sagt Mattison mit einem Augenzwinkern. Und dass sie sich keineswegs vor den männlichen Kollegen verstecken muss, zeigt die Wertschätzung, die die US Army ihr entgegenbringt. Zahlreiche Empfehlungsschreiben und Auszeichnungen des US-Militärs zieren ein Regal in ihrer Wohnung. „Besonders stolz bin ich auf eine Belobigungsplakette, die ich vom General in einem großen Rahmen überreicht bekommen habe. Die ganze Kompanie kam zur Verleihung. Das ist in Amerika alles etwas anders als hier“, sagt Mattison.

Während ihres Aufenthalts im US-Bundesstaat Wyoming entdeckte sie auch die Liebe zum Eishockey. Bei den Jackson Hole Moose, einem unterklassigen Provinzclub, sammelte sie erste Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den Kufencracks. Als sie im Januar dann die USA verließ und wieder nach Hamburg zog, besuchte sie am 17. Februar gemeinsam mit einer Freundin das Spiel der Freezers gegen die Straubing Tigers in der O2 World. „Ich habe mir auf der Tribüne gedacht: Mit diesen Jungs würde ich gerne mal arbeiten“, erzählt Mattison. Also griff sie, unkompliziert, wie sie ist, kurzerhand zum Telefonhörer und rief auf der Geschäftsstelle der Freezers an. „Ich war ganz frech und habe gesagt: Hey, hier bin nicht. Ich habe mich nicht abwimmeln lassen und irgendwann kam der Rückruf der Freezers.“

Mit beharrlicher Art überzeugte Mattison schließlich den ob der ungewöhnlichen Bewerbung zunächst perplexen Sportchef Stéphane Richer, der nach der ausgelaufenen Kooperation mit dem Olympiastützpunkt Hamburg/Schleswig-Holstein ohnehin auf der Suche nach einem Athletiktrainer war. Während der Saison wird die Hamburgerin mehrmals mal pro Woche in der Volksbank-Arena vorbeischauen und abseits der Eisfläche mit den Profis an der Fitness arbeiten. Dabei setzt sie vor allem auf die Stärkung des Oberkörpers und eine Mischung aus Ausdauer und Kraft. „Es soll eine Ergänzung zum Eistraining sein. Ich lasse dabei natürlich auch Teile aus den Trainingsprogrammen mit den Special Forces und der Militärpolizei mit einfließen“, sagt Mattison, die in der Sommerpause bereits drei Monate individuell mit Sturm-Talent Ralf Rinke, 20, gearbeitet hat.

Die Freezers-Spieler freuen sich auf das neue Trainingsprogramm und die neue Fitnesstrainerin. „Sie passt super ins Team. Sie kann gut motivieren. Es ist gut, dass wir nicht immer die gleichen langweiligen Übungen machen. Ich bin aber froh, dass ich es für heute hinter mir habe“, sagt Schubert erschöpft und klatscht lässig mit Coach Mattison ab.

„Du bist jetzt eine von uns“, sagt der Eishockey-Nationalspieler herzlich. Bis zur kommenden Woche werden alle anderen Profis der Freezers die Leistungstests absolvieren. An einem besonderen Ort mit einer ganz besonderen Trainerin.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Freezers