Formel 1

"Krieg, Desaster, Harakiri": Presse rechnet mit Vettel ab

Sebastian Vettel (r.) musste nach seiner Kollision mit Teamkollege Leclerc zum Rapport bei Ferrari.

Sebastian Vettel (r.) musste nach seiner Kollision mit Teamkollege Leclerc zum Rapport bei Ferrari.

Foto: Charles Coates/Getty Images

Mit der Kollision zwischen Vettel und Leclerc eskaliert die Rivalität bei Ferrari. Teamchef kündigt Konsequenzen an.

São Paulo. Sebastian Vettel erschien nicht im Motorhome, der für ihn reservierte rote Plastikstuhl blieb leer. Nach dem Ferrari-Fiasko von Sao Paulo durfte der zutiefst frustrierte Heppenheimer nichts mehr sagen, auch Charles Leclerc bekam einen Maulkorb verpasst. Weil die Rivalität zwischen den beiden Alphatieren auf der Strecke so spektakulär eskaliert war, sagte die Scuderia die übliche teaminterne Medienrunde mit ihren beiden Crashpiloten kurzerhand ab.

Ferrari-Teamchef rüffelt Vettel und Lecrerc

Immerhin äußerte sich der in die Schusslinie geratene Teamchef Mattia Binotto ausführlich zu dem „explodierten Generationenkonflikt“ ("Corriere dello Sport"). Der 50-Jährige kündigte eine ausführliche Krisensitzung, aber nur sehr vage Konsequenzen für seine beiden Streithähne an: „Natürlich müssen wir uns jetzt zusammensetzen und gemeinsam entscheiden, wo die Grenzen liegen – um sicherzustellen, dass so etwas nicht wieder passiert.“

Binotto vermied es, Vettel oder Leclerc die Hauptschuld für den unnötigen Unfall in der 66. von 71 Runden zu geben. „Es ist noch nicht an der Zeit, ein Fazit zu ziehen“, sagte der Mann mit der markanten Brille: „Wir werden uns alle Daten und Bilder in Ruhe anschauen und sie analysieren.“ Einen Rüffel gab er seinen beiden hochbezahlten Angestellten aber noch mit auf den Weg: „Frei gegeneinander zu fahren heißt nicht, verrückte Sachen zu machen.“ Auf eine Teamorder hatte Ferrari in dieser Saison verzichtet.

Anders als die beiden Crash-Piloten reagierte die internationale Presse wortgewandt auf den wohl folgenschweren Vorfall von São Paulo. Eine Übersicht:

Pressestimmen aus England

Guardian: „Obwohl Lewis Hamilton den Titel bereits sicher hat, geht es in der Formel 1 weiter zur Sache. Max Verstappen und Red Bull haben einen hart erkämpften und brillanten Sieg gefeiert. Um Verstappen herum spielte sich großes Drama ab - nicht nur, weil Ferrari wieder einmal in aller Öffentlichkeit implodierte.“

Telegraph: „Sebastian Vettel und Charles Leclerc schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Es war ein weiterer erbärmlicher Nachmittag für Ferrari. Max Verstappen lieferte ein Meisterwerk ab und zeigte erneut, wieso ihn einige als besten Fahrer im Feld sehen. Dieses vorletzte Rennen der Saison 2019 wird dafür in Erinnerung bleiben, dass es das Fass bei Ferrari zum Überlaufen brachte.“

Mail: „Dieses Fiasko hatte sich abgezeichnet. Charles Leclerc hatte Sebastian Vettel gerade überholt - und damit die aufstrebende Zukunft die verblassende Gegenwart. Dann schlug der in seiner Würde gekränkte Deutsche zurück und beendete das Rennen der beiden Ferrari. Teamchef Mattia Binotto sah aus wie ein Mann, der sich Tausende Fragen stellen muss. Diese eine lässt sich aber einfach nicht beantworten: Wie können diese beiden Alphatiere in ein Haus passen?“

Pressestimmen aus Italien

Gazzetta dello Sport: „Rotes Harakiri! Vettel und Leclerc versenken sich gegenseitig. Man hätte damit rechnen können, dass früher oder später so etwas passieren würde. Es wäre jedoch nicht fair, Ferrari wegen der Umgangsweise mit seinen beiden Starpiloten zu tadeln. Man kann Regeln vereinbaren und einen Verhaltenskodex bestimmen, doch wenn man zwei Alphatiere unter demselben Dach hat, muss man mit solchen Zwischenfällen rechnen.“

Corriere dello Sport: „Ferrari explodiert! Vettel und Leclerc werfen sich gegenseitig raus. Es gibt Niederlagen, die zu schlimmsten Albträumen werden. Die beiden Piloten erzielen ein doppeltes Eigentor, das man in Maranello lang nicht vergessen wird. Beim GP in Brasilien ist ein Generationenkonflikt explodiert, den man nur schwer wieder beruhigen wird. Maranello hat das richtige Auto und gute Piloten, aber keine starke Teamführung.“

Tuttosport: „Ferrari, ein Desaster! Teamchef Binotto muss jetzt mit einer Rivalität umgehen, die inzwischen zum offenen Konflikt geworden ist. Leclerc hält sich nicht an die Hierarchie und sorgt für Destabilisierung im Reich Vettels, der in diesem Jahr an Sicherheit verloren und viele Fehler gemacht hat.“

La Repubblica: „Krieg im Haus Ferrari! Trauriger brasilianischer Karneval in Interlagos für Maranello: Beim vorletzten GP des Jahres siegt Verstappen, während Vettel und Leclerc sich selbst fünf Runden vor dem Ende versenken, weil sie gegeneinander um das Podium kämpfen. Diese Rivalität kann 2020 zu schweren Konsequenzen führen.“

Corriere della Sera: „Vettel zeigt Reaktionen, die er offenbar nicht kontrollieren kann. Die beiden Piloten verhalten sich wie ungezogene Kinder, die sich gegenseitig beschuldigen. Ferrari geht zerstört aus dem GP in Interlagos hervor, während Max Verstappen zurecht grinst. Er ist der absolute Herrscher dieses Rennens.“

La Stampa: „Rotes Desaster! Vettels Reaktion dokumentiert den Frust und die Spannung, die er in diesen schwierigen Monaten im internen Duell mit dem jungen Teamkollegen angesammelt hat. Das Resultat ist inakzeptabel: Zwei zerstörte Autos und eine Blamage. Die Schuld haben beide Piloten, doch Vettel hat eine größere Verantwortung.“

Pressestimmen aus Spanien

Marca: „Man hat es kommen sehen: Unfall zwischen den beiden Ferrari! Das Duell Vettel gegen Leclerc wird immer mehr zu einem Krieg. Dass Verstappen das Rennen gewonnen hat, gerät fast zur Nebensache.“

AS: „Leclerc und Vettel knallen kurz vor Ende des Rennens in Interlagos zusammen und scheiden gleichzeitig aus. Wieder ein schwarzer Sonntag für Ferrari.“

Sport: „Ein verrücktes Rennen. Vettel und Leclerc touchieren sich, sie führen Krieg. Totales Desaster von Ferrari. Was beim italienischen Rennstall abgeht, ist einfach nicht mehr normal.“

El Mundo Deportivo: „Das Theater zwischen Vettel und Leclerc geht in die nächste Runde. Kaum zu glauben, wie beide zusammenknallen und ausscheiden.“

Pressestimmen aus Frankreich

L'Equipe: „Das Verhältnis zwischen den beiden Ferrari-Fahrern war schon die ganze Saison über schwierig - nach dem Knall wird es noch mehr Spannung geben. Wenn sich Ferrari-Chef Binotto weiter weigert, einen der beiden Fahrer zur Nummer eins zu machen, wird er große Kopfschmerzen bekommen. Vettel und Leclerc liefern sich ein Duell, wie es Rosberg und Hamilton bei Mercedes und Ricciardo und Verstappen bei Red Bull gemacht haben. Wenn Verstappen nicht gerade über sich selbst spricht, kann er beweisen, dass er ein exzellenter Fahrer ist. Vielleicht der talentierteste, den es derzeit im Formel-1-Zirkus gibt.“

Pressestimmen aus Österreich

Krone: „Das Desaster in Rot in der laufenden Saison erlebte im Autodromo Jose Carlos Pace von Interlagos einen absoluten negativen Höhepunkt! In Runde 66 krachten die beiden roten Renner auf der Jagd nach Max Verstappen und Lewis Hamilton aneinander. Das rote Pulverfass ist wieder einmal explodiert.“

Pressestimmen aus der Schweiz

Neue Zürcher Zeitung: „Ferrari schießt sich in Brasilien selbst ab. Vettel ließ den seit Monaten schwelenden Konflikt eskalieren, als er in seinem 100. Rennen für die Scuderia wieder zum Überholen ansetzte. Seite an Seite schossen die beiden auf die nächste Kurve zu, keiner der Dickköpfe war bereit, auch nur einen Zentimeter nachzugeben. Ein leichtes Lenkmanöver von Vettel führte zur Berührung der Rennwagen. Bei Leclerc knickte rechts vorne das Rad ab. Dieses schlitzte Vettel den rechten Hinterreifen auf, beide landeten im Aus.“

Blick: „Was für ein Ferrari-Drama in Sao Paulo! Der Super-Knall ereignet sich in Runde 66 von 71. An den Ferrari-Boxen bricht Chef Binotto zusammen.“