Formel 1

Hasenohren, Gruß an die Oma: Der alte Vettel ist zurück

| Lesedauer: 7 Minuten
Holger Schmidt

Sympathisch, lausbübisch, hintergründig: Nach dem ersten Saisonsieg und dem Sprung an die WM-Spitze war Sebastian Vettel nicht nur sportlich wieder der Alte.

Manama. Als Sebastian Vettel zum Ende der Pressekonferenz seine kranke Oma in Deutschland grüßte, schauten sich im Red-Bull-Team alle fragend an. Niemandem, nicht einmal seinen engsten Vertrauten, hatte der Formel-1-Weltmeister von seinen Sorgen erzählt. Und nach den Genesungswünschen per Fernsehen wehrte er auch alle Nachfragen zu diesem Thema gleich wieder ab: „Das ist privat.“

Es war ein kurzer Einblick ins Innenleben des Titelverteidigers, der nach schwierigen und charakterbildenden vier Wochen plötzlich wieder WM-Führender ist und auch sein Lausbubenlächeln wieder gefunden hat. Der Sieg beim höchst umstrittenen Rennen im unruhigen Golfstaat Bahrain war Balsam auf die Seele des 24-Jährigen.

Vettel hatte in den vergangenen Wochen nicht nur auf der Strecke ungewohnt geschwächelt, ihm drohten auch ernsthafte Kratzer für sein positives Image. Erst in Malaysia die Stinkefinger-Affäre gegen den Inder Narain Karthikeyan - ohne spätere Entschuldigung. Dann in China unsensibele Aussagen zum Thema Bahrain, die für Kopfschütteln sorgten („Ich habe noch niemanden gesehen, der eine Bombe geworfen hat, das ist ein großer Hype“).

War dieser zwar so ehrgeizige, aber doch immer auch charmante und über den Tellerrand blickende junge Mann, der mit seinem Charme und Weitblick in Indien vor wenigen Monaten noch die Herzen einer Milliarde Menschen erobert hatte, plötzlich ein schlechter Verlierer? Ein jähzorniger junger Mann mit Tunnelblick? Wenn überhaupt, dann nur in Ansätzen. Denn dass neben dem Ärger über unverschuldete Kollisionen und sportliche Schwächen auch noch Stress und Müdigkeit durch einen turbulenten Flug nach Bahrain und die Sorge um die Großmutter kamen, wusste bis zum Sonntagabend niemand.

Doch plötzlich war er zurück, der Sebastian Vettel des Vorjahres. Der das Rennen nach einem harten Zweikampf mit Ex-Weltmeister Kimi Räikkönen gewann, diesem auf dem Podium „Hasenohren“ machte, die Lorbeeren bescheiden an seine Mechaniker weiterreichte und das Thema Bahrain schließlich doch so emotional und passend analysierte wie nur wenige seiner Kollegen („Es war für uns alle nicht leicht, aber ich bin froh, dass niemandem was passiert ist.“)

Die Frage nach dem plötzlichen Sprung von Platz fünf an die WM-Spitze ist nun: Wird Vettel jetzt wieder allen davonziehen? Nein, sagt er selbst. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass wir hier gewinnen können. Es bleibt eine knappe Saison.“ Nein, sagen auch nahezu alle Beobachter. „Sebastian ist schnell und führt die WM nicht zufällig an“, sagt der frühere Formel-1-Pilot David Coulthard dem SID: „Aber ich bin sicher, das wird diesmal eine ganz enge Meisterschaft.“ Red-Bull-Berater Helmut Marko traut sich gar „überhaupt keine Vorhersagen mehr zu. Wir wissen nicht einmal, wer in diesem Jahr unser Hauptgegner ist.“

Die Medien wundern sich. Erstmals seit 1983 gewannen in den ersten vier Rennen vier Piloten in vier verschiedenen Autos. So sehen die meisten Zeitungen vielerorts erstaunlich gleichlautend eine WM ohne Herrscher, ohne Herr, ohne Favoriten. Nur die Gazzetta dello Sport schrieb: „König Sebastian ist wieder zurück! Jetzt wird es für die Rivalen schwierig, Sebastian den Thron zu entreißen.“

Mit im Rennen scheint auch Mercedes zu sein. Shanghai-Sieger Nico Rosberg wurde eine Woche nach seinem ersten Triumph nach einem schlechten Start noch Fünfter und war damit bester Pilot ohne Renault-Motor. Rekordweltmeister Michael Schumacher rettete im zweiten Silberpfeil nach einem unglücklichen Samstag von Startplatz 22 als Zehnter noch einen WM-Punkt. „Es ist klar, dass wir nun nicht von Sieg zu Sieg fahren“, meint Mercedes-Sportchef Norbert Haug: „Aber wir waren im Vorjahr weit hinter Ferrari und McLaren, nun waren wir zweimal vor ihnen. Und Nico hat in zwei Rennen so viele Punkte geholt wie der Weltmeister. Das alles ist eine vernünftige Basis.“

Internationale Pressestimmen zum Großen Preis von Bahrain

ITALIEN

„La Gazzetta dello Sport“: „König Seb ist zurück. Vettel dominiert und übernimmt die WM-Führung. Rosberg, was hast du nur angestellt? Innerhalb von einer Woche von ganz oben nach ganz unten.“

„Tuttosport“: „Vettels Rückkehr“

„Corriere dello Sport“: „Vettel triumphiert in Bahrain.“

GROSSBRITANNIEN

„Independent“: „An einem Tag, an dem keine der befürchteten Störungen eingetreten war, lieferte Weltmeister Sebastian Vettel einen Sieg mit klarer Ansage für Red Bull in Bahrain. Die größte Gefahr kam unerwartet von Lotus-Fahrer Kimi Raikkönen.“

„Guardian“: „Für die Formel 1 lief es in Bahrain besser als sie es verdient gehabt hätte – ein abwechslungsreiches und manchmal aufregendes Ereignis, das den vierten Sieger im vierten Rennen der Saison hervorbrachte.“

„The Times“: „Vettel geht siegreich aus einem Wochenende der Spannung hervor. „Der Deutsche ist der vierte Sieger im vierten Rennen – auch wenn die Massen fernblieben.“

„The Sun“: „Lewis Hamilton hätte verrückt werden können, nachdem seine Boxen-Crew erneut ein Chaos verursachte und ihm die Chance kostete, den Grand Prix von Bahrain zu gewinnen.“

FRANKREICH

„L'Equipe“: „Vettel genießt in Maßen – Der Deutsche ist glücklich, aber auch zugleich vorsichtig mit Blick auf die Zukunft.“

„Directmatin“: „Sebastian Vettel und Red Bull haben ihre Flügel wieder entdeckt.“

SPANIEN

„El País“: „Vettel reagierte im Stil eines Champions. Mit seinem Sieg übernahm Red Bull wieder das Szepter in der Formel 1. Man sagt, die Techniker des Rennstalls schlafen nie.“

„El Mundo“: „Das Rennen fand statt, obwohl ein großer Teil der Bevölkerung von Bahrain dagegen war. Der Herrscher des Landes und Formel-1-Kaiser Bernie Ecclestone lächelten zufrieden, weil sie sich durchgesetzt hatten. Ihnen war egal, welch ein hoher Preis dafür gezahlt wurde.“

„El Periódico“: „Der König von Bahrain setzt auf Repression. Er ließ Proteste niederschlagen, während die Rennwagen über den Rundkurs rasten.“

„As“: „Vettel feiert sein Comeback. Die WM ist abwechselungsreich wie nie: in vier Rennen vier verschiedene Sieger und vier Spitzenreiter in der Gesamtwertung. In Bahrain regnete es vor dem Rennen. Das ist ungewöhnlich in einem Wüstenland, aber normal in einem Land, das weint.“

„Sport“: „Die Machthaber schotteten den Rennkurs gegen die politischen Proteste ab. Die Formel 1 reflektierte nicht die Realität in dem Land.“

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