Hamburg. Der HSV-Stürmer ist für eine Mainzer Familie „unser Held“. Doch sie braucht weitere Hilfe für den Sechsjährigen.

Von Zornheim bei Mainz bis nach Kaiserslautern sind es über die Autobahn 63 nur 70 Kilometer. Für Günther Ruthard und seinen schwer kranken Sohn Mio wäre dieses Wochenende eigentlich eine ideale Möglichkeit gewesen, endlich Robert Glatzel zu treffen. Der HSV-Stürmer, der mit seinem Team am Sonnabend in seiner alten Heimat auf dem Betzenberg (20.30 Uhr/Sky, Sport1 und Liveticker auf abendblatt.de) gegen den 1. FC Kaiserslautern spielt, ist seit einem Jahr der Held der Familie Ruthard. Ein Treffen wird es an diesem Wochenende aber nicht geben. Mio und seine Eltern sind aktuell im Urlaub im Sauerland.

Dass der sechs Jahre junge Mio überhaupt wieder in der Lage ist, längere Autofahrten zu machen, hat er auch Robert Glatzel zu verdanken. Rückblick: Vor einem Jahr schreibt Günther Ruthard (54) über Instagram an verschiedene Stiftungen, Vereine und Fußballprofis. Sein Sohn Mio ist schwer krank. Die Ärzte sprechen von einer neurologischen, degenerativen Epilepsie. Mio kann nicht mehr richtig essen, nicht mehr richtig sprechen, er kann nur noch liegen.

Mios Gehirn bildet sich zurück

Mio hat eine ausgeprägte Muskelschwäche. Sein Gehirn bildet sich Stück für Stück zurück. Die genauen Gründe konnte bislang noch kein Mediziner feststellen. Wie lange der Junge noch leben wird, ist ungewiss. Was Mio noch die größte Lebensfreude bereitet, sind Ausflüge. Doch dafür braucht die Familie einen Liegewagen. Kosten: 45.000 Euro. Ruthard bittet um Hilfe, bekommt auf seine vielen Anfragen aber nur eine einzige Antwort: von Robert Glatzel.

Der HSV-Stürmer und Mios Vater verabreden sich zum Telefonat. „Er hat mir gesagt, dass ihn Mios Schicksal sehr bewegt hat“, erzählt Günther Ruthard nun im Abendblatt. Glatzel postet einen Spendenaufruf auf seiner eigenen Instagram-Seite, spendet auch selbst für Mio und das neue Auto. Der Aufruf hat eine große Wirkung. Nach einigen Wochen hat die Familie genug Geld zusammen, um den Liegewagen zu finanzieren. „Seitdem sind wir alle Robert-Glatzel-Fans. Für unsere Familie ist er ein Held“, sagt Vater Ruthard.

HSV-Stürmer Robert Glatzel half mit, der Familie einen Liegewagen zu finanzieren.
HSV-Stürmer Robert Glatzel half mit, der Familie einen Liegewagen zu finanzieren. © privat

Die Verbindung zu Glatzel ist bis heute geblieben. Schon mehrfach versuchten die Eltern und der HSV-Profi, ein gemeinsames Treffen zu organisieren. Zunächst in Hamburg, als die Familie Ruthard in Oldenburg unterwegs war. Im April dann beim HSV-Spiel in Magdeburg. Doch beide Male musste das Treffen ausfallen, weil Mio zu krank war. Vor drei Wochen nahmen sie einen dritten Anlauf, als der HSV bei Wehen Wiesbaden in der Nähe der Familie spielte. Wieder musste Mio zu Hause bleiben. Er war zu schwach.

Trotzdem nahm sich Glatzel am Abend vor dem Spiel Zeit, Mios Vater für eineinhalb Stunden im Teamhotel des HSV in Wiesbaden-Dotzheim zu treffen. Sie sprachen über Gott und die Welt, machten gemeinsame Fotos, unter anderem auch vor dem neuen Liegewagen. Darauf steht: Mio sunshine. So heißt auch die Instagram-Seite. Einer der 1771 Follower: Robert Glatzel.

Glatzel hofft auf ein baldiges Treffen mit Mio

„Robert ist so menschlich. Überhaupt nicht abgehoben. Ein absolut bodenständiger und lieber Kerl“, sagt Günther Ruthard. Sein größter Wunsch bleibt aber, dass der kleine Mio den großen Robert endlich auch einmal kennenlernen kann. Und das will auch Glatzel selbst. „Ich würde Mio auch gerne mal persönlich treffen. Bislang hat es leider nicht geklappt. Ich hoffe, dass wir es in Zukunft noch schaffen“, sagte Glatzel vor dem Spiel in Kaiserslautern dem Abendblatt.

Günther Ruthard traf Robert Glatzel vor dem Spiel in Wiesbaden im HSV-Hotel.
Günther Ruthard traf Robert Glatzel vor dem Spiel in Wiesbaden im HSV-Hotel. © privat

Dass der HSV-Stürmer zu Kindern eine besondere Bindung spürt, hat auch mit Kaiserslautern zu tun. Der heutige Topstürmer der 2. Bundesliga landete mit Anfang 20 nach einer Odyssee durch die Regionalligen beim FCK II. Auf Profifußball deutete zu dieser Zeit nicht viel hin. Dann wurde Glatzels Frau Natascha mit Tochter Elea das erste Mal schwanger. Und plötzlich explodierten die Leistungen des Angreifers. Mit 22 Jahren durfte er schließlich in der Zweiten Liga für die erste Mannschaft der Roten Teufel auf dem Betzenberg debütieren.

Am Ende der Saison feiert der FCK auch dank Glatzel den Klassenerhalt. Seitdem ging es für den Stürmer stetig aufwärts. Heute ist der HSV-Torjäger 29 Jahre alt und wird mittlerweile sogar mit der deutschen Nationalmannschaft in Verbindung gebracht. „Ich würde es ihm sehr wünschen, einmal für Deutschland zu spielen“, sagt Günter Ruthard vor Glatzels emotionaler Rückkehr auf den Betzenberg.

Als Mio vor sechs Jahren geboren wurde, war er gesund

Das erste Mal wurde Ruthard auf den Stürmer aufmerksam, als dieser vor zweieinhalb Jahren mit Mainz in der Bundesliga spielte. Zu dieser Zeit ging es seinem Sohn Mio noch etwas besser. Doch die Krankheit sorgte bereits für große Einschränkungen. Als Mio vor sechs Jahren geboren wurde, war noch alles gut. Kein Test war auffällig. Im Alter von eineinhalb Jahren hatte er am Geburtstag seiner Mutter Ulrike dann den ersten epileptischen Anfall. „Ich dachte in dem Moment, Mio stirbt“, erinnert sich sein Vater.

Mio überlebte, doch sein Zustand verschlechterte sich seitdem immer weiter. Mit einem Jahr konnte er noch Mama und Papa sagen. Das kann er mittlerweile nicht mehr. Und niemand weiß, warum. Auch nicht die Spezialisten verschiedener Epilepsie-Kliniken, die die Familie in ganz Deutschland aufsuchten. Die Ärzte sagten der Familie, dass die Forschung erst in acht Jahren so weit sei, mögliche neue Methoden zu entwickeln. „Es wird keine Heilung mehr geben“, sagt Mios Vater. „Meine Hoffnung ist, dass wir noch viel Zeit mit ihm verbringen können.“

Über diesen QR-Code kommen Sie zur Spenden-Seite.
Über diesen QR-Code kommen Sie zur Spenden-Seite.

Mit dem neuen Liegewagen kann die Familie ihrem kranken Jungen regelmäßig Ausflüge ermöglichen. „Mio freut sich, wenn er Auto fahren kann und dabei Musik hört. Er ist auch ein kleiner Schlingel. Er lacht, wenn sich jemand an der Tischkante stößt. Er ist ein glückliches Kind“, erzählt sein Vater. Mio hat vier ältere Geschwister. Zusammen Zeit zu verbringen, bereitet ihm die größte Freude.

Pflege des Jungen ist für die Familie ein Kraftakt

Für die Eltern ist die Betreuung des Jungen aber auch ein großer Kraftakt – körperlich und finanziell. Mios Mutter macht fast alles alleine. Sein Vater arbeitet halbtags in einem Altenheim. „Mehr schaffe ich nicht“, sagt er. Die tägliche Versorgung und die Ausflüge kosten viel Geld. Für einen Ausflug in den Europa Park mit der ganzen Familie müssen die Ruthards mal eben bis zu 700 Euro bezahlen. Sie sind auf weitere Spenden angewiesen, um Mio die Momente zu schaffen, die ihn glücklich machen. Wie lange der Junge noch leben wird, kann niemand vorhersagen. „Mir fällt es leichter, dass wir keine Prognose bekommen“, sagt Vater Ruthard.

Seit Robert Glatzel der Familie geholfen hat, gucken sie immer gemeinsam die Spiele des HSV. Wahrscheinlich auch an diesem Sonnabend, wenn die Hamburger auf dem Betzenberg um Punkte für den Aufstieg kämpfen. Glatzel hofft, dass er in seiner alten Heimat treffen wird, um dem HSV einen Sieg zu bescheren. Wenn er am Sonntag wieder bei seiner Frau und seinen zwei Töchtern ist, weiß er aber auch, dass es im Leben wichtigere Dinge gibt.