Hamburg. Ab 2031 darf kein Gummigranulat mehr verkauft werden. Der Hamburger Fußball-Verband ist vorbereitet – hat aber selbst ein Problem.

Vor rund zwei Wochen beschloss die EU-Kommission, den Verkauf von Mikroplastik schrittweise zu verbieten. Die schwer abbaubaren, synthetischen Teilchen mit einer Größe von weniger als fünf Millimetern gelten als umweltschädlich, können über Umwege auch in die Nahrung gelangen.

Was dieses Verbot mit Sport zu tun hat? Ziemlich viel. Mikroplastik taucht nicht nur in vielen Kosmetika, Spielzeug oder Waschmitteln auf, sondern auch in vielen der rund 7000 Kunstrasenplätze in Deutschland. Auch in Hamburg gibt es neben 50 Naturrasen- und 53 Grandplätzen (Tennenplätze) 102 Kunstrasenplätze, 65 davon wurden seit 2013 gebaut. Von 2031 an wird der Verkauf des in vielen Kunstrasenplätzen eingestreuten Gummigranulats verboten sein.

Hamburger Fußball-Verband vom Mikroplastik-Verbot nicht überrascht

„Das Verbot kommt nicht überraschend. Kunstrasenplätze haben bei Aspekten wie der intensiven Nutzbarkeit viele Vorteile, aber auch einige Nachteile. Das Granulat und die Entsorgung des Rasenteppichs nach zehn bis 15 Jahren zählen zu den Nachteilen“, sagt Christian Okun, Präsident des Hamburger Fußballverbands (HFV). Tatsächlich besteht bereits seit mehreren Jahren Einigkeit darüber, dass das Gummigranulat umwelt- und gesundheitsschädlich ist, sodass es bereits seit 2019 keine öffentlichen Fördermittel mehr für mit Gummigranulat verfüllte Plätze gibt.

Viele Fußballer mögen das Gummi-Einstreugranulat wegen der guten Spieleigenschaften. Dummerweise ist es umwelt- und gesundheitsschädlich.
Viele Fußballer mögen das Gummi-Einstreugranulat wegen der guten Spieleigenschaften. Dummerweise ist es umwelt- und gesundheitsschädlich. © imago images / Eibner | imago sport

„Wir sind den Bezirksämtern dankbar, dass sie beim Austausch der Kunstrasenplätze schon frühzeitig tätig geworden sind und nachhaltig auf Sandverfüllung geachtet haben“, sagt Okun. In über 80 Prozent der Kunstrasenplätze in Hamburg sind bereits umweltfreundliche Alternativen wie Quarzsand oder Kork verfüllt, es funktionieren auch gemahlene Olivenkerne oder auch Einstreupartikel auf Maisbasis. Diese organischen Materialien bringen zwar auch einzelne Nachteile mit sich – Kork droht bei Starkregen beispielsweise aufzuschwemmen, bei starkem Samenflug kann zudem leichter Unkraut wachsen – sind aber zukünftig unverzichtbar.

Knapp 20 Plätze in Hamburg mit Gummigranulat

Ein Problem sind derzeit noch die knapp 20 Plätze in Hamburg, die mit Gummigranulat verfüllt sind. Diese liegen unter anderem beim Nachwuchsleistungszentrum des FC St. Pauli am Brummerskamp – und auch auf dem HFV-Gelände an der Jenfelder Allee. Auch der Platz beim SV Curslack-Neuengamme am Gramkowweg galt unter Fachleuten bis zuletzt als besonders kritisch, weil die Dove-Elbe unmittelbar an den Platz angrenzt. Damit das Gummigranulat nicht mehr in den Fluss gelangt, entschied der Beirat Bezirklicher Sportstättenbau, den Platz zu erneuern und mit Quarzsand zu verfüllen.

Über die Kanalisation kann Mikroplastik in die Umwelt gelangen.
Über die Kanalisation kann Mikroplastik in die Umwelt gelangen. © imago images / Eibner | imago sport

„Von den seinerzeit betroffenen neun Kunststoffrasenplätzen mit Kunststoff-Einstreugranulaten wurden inzwischen vier erneuert (Instandsetzung der abgespielten Oberfläche), zwei befinden sich in der konkreten Erneuerungsplanung und die verbleibenden drei Spielfelder werden planmäßig innerhalb der nächsten drei Jahre saniert“, teilte das Fachamt Bezirklicher Sportstättenbau auf Abendblatt-Nachfrage mit.

HFV-Platz in Jenfeld muss erneuert werden

Das Problem: Nicht alle Kunstrasenplätze sind in Hamburg in bezirklicher Hand, die Kosten des Umbaus bleiben im Zweifel bei den Vereinen hängen. Hinzu kommen viele privat betriebene Indoor-Soccerhallen, wo sich die Gummikügelchen an Schuhen und Kleidung anhaften und somit auch in die Natur getragen werden können.

Auch für den bereits 13 Jahre alten HFV-Platz in Jenfeld ist nicht die Stadt, sondern der Verband selbst verantwortlich. Um Kosten zu sparen, will Okun mit dem Umbau jedoch noch warten. „Wir müssen davon ausgehen, dass es beim Austausch der alten, mit Granulat verfüllten Kunstrasenplätze bundeseinheitliche Fördermittel geben wird“, sagt der HFV-Präsident.

Neuer Kunstrasenplatz kostet rund eine Million Euro

Zwischen 750.000 Euro und 1,2 Millionen Euro kostet derzeit ein neuer Kunstrasenplatz. Nach zwölf bis 15 Jahren muss dieser für weitere rund 300.000 Euro erneuert werden. Der Unterbau bleibt dabei erhalten, während der Teppich samt Einfüllmaterialien ausgetauscht wird. Für den umweltgerechten Umbau der rund 7000 Kunstrasenplätze in Deutschland geht der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) von Mehrkosten von „mindestens einer Milliarde Euro“ aus.

Kunstrasenplätze halten zwischen zwölf und 15 Jahren. Danach müssen sie erneuert werden.
Kunstrasenplätze halten zwischen zwölf und 15 Jahren. Danach müssen sie erneuert werden. © imago images / Eibner | imago sport

Beim 13 Jahre alten HFV-Platz gibt es nun Zeitdruck. „Wir vermuten, dass Anlagen in den letzten zwei Jahren der Nutzung mehr Mikroplastik abgeben, als in den eineinhalb Jahrzehnten zuvor. Das ist eine Katastrophe“, sagt Egbert Haneke der sich mit dem Thema seit mehreren Jahren intensiv beschäftigt. Der Vereinsvorsitzende des VfL Sittensen beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Kunstrasen der Zukunft. Bei dem niedersächsischen Club, der damit auch Testfeld der Industrie ist, bestehen die Grashalme des Kunstrasens aus Zuckerrohr, das Granulat zum größten Teil aus Hanf und Kreide.

VfL Sittensen hat den modernsten Platz Deutschlands

Seit einem Jahr läuft bei dem Dorfclub nun ein internationales Forschungsprojekt, das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, dem Duisburger Institut für Umwelt & Energie, Technik & Analytik, der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung sowie anderen Partnern finanziert wird. Mittels einer unterirdischen Kelleranlage untersuchen die Wissenschaftler die Emissionen des Platzes. „Die bisherigen Werte sind alles andere als besorgniserregend, sondern sehr gering. Das liegt allerdings auch daran, dass unsere Anlage sehr neu und modern ist“, sagt Haneke.

Insgesamt umfassen die wissenschaftlichen Untersuchungen bundesweit zehn Plätze unterschiedlicher Bauformen. „Wir wollen durch unser Forschungsprojekt anderen Vereinen Empfehlungen aussprechen, wie man Mikroplastik am besten vermeiden kann“, sagt Haneke. „Drei Meter außerhalb des Platzes ist bei uns nichts mehr nachweisbar.“ Geht es nach Haneke, sollten Kunstrasenplätze, die ihre Nutzungsdauer überschreiten, zwangsweise stillgelegt werden. „Und die Vereine brauchen Fördergelder für Pflegemaschinen. Die Anlagen halten dann besser und haben weniger Mikroplastik-Austrag“, fordert Haneke.

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Einfach auf Kunstrasenplätze zu verzichten und wieder auf Naturrasen oder Tennenplätzen zu spielen, ist für eine verdichtete Großstadt wie Hamburg keine Option. „Für den Breiten- und den Spitzensport gibt es in Hamburg insgesamt zu wenig Flächen. Kunstrasenplätze haben im Gegensatz zu Naturrasen den großen Vorteil, dass sie sehr intensiv genutzt werden können. Dies fordert trotzdem ein höheres Personalkostenbudget für die Bewirtschaftung, da in den Wintermonaten nur schwer Überstunden abgebaut werden können“, sagt Okun.

Der HFV-Präsident fordert deshalb, den Ausbau von Kunstrasenplätzen in Hamburg weiter zu forcieren. „Wenn ein Tennenplatz zu einem Kunstrasenplatz umgebaut wird, kann dieser deutlich mehr genutzt werden. Die Vereine erleben dann insbesondere bei Kindern und Jugendlichen einen starken Mitgliederzuwachs“, sagt Okun. „Deshalb sollte die Stadt ihr gutes Vorhaben, alle Grandplätze in Kunstrasenplätze umzuwandeln, unbedingt fortführen und zusätzlich weiter überlegen, wo neue Kunstrasenplätze entstehen können.“ Nur umweltfreundlich müssen sie bitte sein.