Hamburg. Das ewige Lamentieren der Spieler, das ständige Verzögern, das permanente Einreden auf die Schiedsrichter – verbietet es einfach!

Nach dem Schiedsrichter-Pfiff geschieht unvermeidbar Folgendes: Der harmlos Gefoulte rollt sich schwer leidend über den Rasen, der Übeltäter beschwert sich ebenso laut wie gestenreich über die Ungerechtigkeit der Entscheidung, beide Parteien erhalten (ebenfalls sehr laute und gestenreiche) Unterstützung aus ihrem Team, sie alle reden (oder brüllen) auf den Schiedsrichter ein, flankiert von den längst aufgesprungenen Ersatzspielern, Trainern und Betreuern – und das Spiel ist für mindestens zwei Minuten unterbrochen.

Viele kleine Neymars schauspielern in der U11

Eine typische Fußball-Szene, aber leider nicht nur aus den Bundesliga-Stadien. Derlei ist so oder so ähnlich auf allen Fußballplätzen der Republik zu beobachten, und auch Kinder und Jugendliche ahmen emsig nach, was die Profis vorleben. Da suhlen sich die kleinen Neymars auf dem Rasen und zelebrieren den nicht vorhandenen Schmerz, und es wird ganz professionell der Ball für den gegnerischen Einwurf erst dann herausgerückt, wenn sich die eigene Abwehr in Ruhe formiert hat.

Nun kann man schulterzuckend resignieren und sagen: So ist das eben im Fußball. Oder es einfach ändern. Und das wäre überhaupt nicht schwierig. Da empfehlen sich ein paar Seitenblicke auf andere (professionelle) Sportarten. Würde zum Beispiel ein Handball-Schiedsrichter ein Fußballspiel pfeifen und die für ihn gewohnten Fairnessregeln anwenden, wären beim Abpfiff wohl maximal noch 16 Spieler auf dem Platz. Bei einem Rugby-Referee käme es nach spätestens 20 Minuten zum Abbruch, weil die vorgeschriebene Mindestspielerzahl von sieben pro Team nach all den Platzverweisen unterschritten wäre...

Im Rugby kommt der Schiedsrichter gleich nach Gott

Der Vergleich mit Rugby ist besonders lohnenswert. Denn in diesem knallharten, wahrlich körperbetonten Sport haben die vermeintlich altmodischen Werte wie Fairness und Respekt einen extrem hohen Stellenwert – und die Stellung des Schiedsrichters ist einzigartig. Bei der gerade laufenden Weltmeisterschaft in Frankreich ist es wunderbar zu beobachten, wie martialisch aussehende, zwei Meter große 130-Kilo-Kerle wie brave Schuljungen vor dem Schiedsrichter stehen.

Nur die Kapitäne dürfen überhaupt mit ihm sprechen (und reden ihn mit „Sir“ an). Wer sich über eine Entscheidung beschwert, und sei es nur gestisch und mimisch, bekommt die gelbe Karte, was im Rugby eine Zehnminuten-Zeitstrafe bedeutet. So etwas wie Rudelbildung ist völlig undenkbar. Wie heißt es so schön: Rugby ist ein Spiel für Rowdies, gespielt von Gentlemen. Beim Fußball ist es umgekehrt.

Auch vom Handball können Fußball-Regelhüter viel lernen. Vor allem, wenn es darum geht, den Ball nach einem Pfiff sofort wieder freizugeben. Handballer müssen das Spielgerät augenblicklich an der Stelle, an der sie sich gerade befinden, auf den Boden legen. Wer das nicht tut, erhält eine Zwei-Minuten-Zeitstrafe. Und weil das alle wissen, kommt es nur selten vor.

Respekt wird viel zitiert und wenig gelebt

Was spricht nun dagegen, solche Regeln zu übernehmen? Genau: nichts. Es ist nur eine Frage des Willens. Vor allem diese elenden Spielverzögerungen, weil Spieler entweder den Ball nicht freigeben, ihn ein paar Meter wegkicken oder sich vor den Ball stellen, um eine schnelle Ausführung eines Freistoßes zu verhindern, könnten sehr schnell unterbunden werden, wenn jede dieser Handlungen eine Gelbe Karte nach sich zöge. Das Spiel würde dynamischer, die immer länger werdenden Nachspielzeiten deutlich reduziert werden.

Einmal eingeführt, würde es vermutlich nur zwei bis drei Spieltage dauern, bis sich alle Beteiligten auf die Regel eingestellt hätten. Die zunächst einsetzende Kartenflut würde rasch wieder abebben. Was die Stellung des Unparteiischen betrifft, muss es nicht einmal so weit getrieben werden wie im Rugby. Es wäre ja schon viel gewonnen, wenn Schreien, Berührungen aller Art und abfällige Gesten in Richtung Schiedsrichter eine Verwarnung zur Folge hätten. Möglicherweise wäre die Einführung einer Zehn-Minuten-Zeitstrafe in diesem Zusammenhang sinnvoll.

Mit solchen Regeländerungen würden nicht nur die zu PR-Kampagnen-Begriffen reduzierten Werte Fairness und Respekt auch wieder (vor)gelebt. Das Spiel an sich wäre sehr viel attraktiver, der Imagegewinn immens, und das Publikum würde die Regel-Renovierung ohne Zweifel begrüßen.

Also, lieber DFB: Mach mal!