Hamburg. Der Polizeibeamte Patrick Ittrich war als TV-Experte bei der WM im Einsatz. Was er über diese Erfahrung zu berichten hat.

Am Dienstag musste Patrick Ittrich endlich den Weihnachtsbaum besorgen. Und Kochen. Er war schließlich vier Wochen praktisch nie zu Hause. Da bleibt etwas liegen an familiären Pflichten. So eine Fußball-Weltmeisterschaft ist halt fordernd, auch für die Fernsehexperten. Das gesamte Turnier hat der Hamburger Bundesliga-Schiedsrichter beim Streamingkanal MagentaTV im Studio begleitet, um seine Fachkunde in Sachen Unparteiische und Regeln den Zuschauern nahe zu bringen.

„Es war sehr intensiv und sehr anstrengend“, erzählt der 43-Jährige dem Abendblatt, „aber ich habe auch viel gelernt, wie Fernsehen gemacht wird und wirklich neue Freunde und gute Bekannte kennengelernt. Es war großartig.“

Patrick Ittrich nahm sich zwei Sabbatical-Monate

Zwei Sabbatical-Monate von seinem Job als Verkehrserzieher bei der Hamburger Polizei hat sich Ittrich für das TV-Abenteuer genommen. In einem Hotel in Garching bei München war die gesamte Produktionscrew untergebracht, auch Moderatoren wie Johannes B. Kerner, Experten wie Michael Ballack und Lars Stindl, aber auch redaktionelle Mitarbeiter, Regisseure und so fort. „Morgens nach dem Frühstück kam dann der Shuttlebus und hat uns ins Studio nach Ismaning gefahren. Das war wie früher ein Ausflug in der Schule.“

Bei den langen Sendestrecken, die MagentaTV als exklusiver Rechteinhaber für wirklich jedes einzelne WM-Spiel zu bewältigen hatte, reichte es nicht, im Studio zu stehen und bei kritischen Entscheidungen den verbalen Daumen über die Schiedsrichterkollegen zu heben oder zu senken. Stattdessen wurden Schwerpunktthemen vorbereitet, über Stellungsspiel, Laufwege, Kommunikation untereinander und mit dem VAR (Video Assistant Referee). „Es war mir auch ganz wichtig zu erklären, warum ein Spielleiter so oder so entschieden haben könnte, wie er gedacht hat“, erzählt Ittrich, „ich weiß schließlich, wie sich ein Kollege fühlt, wenn etwas gut oder nicht so gut gelaufen ist.“

"Es gab schwankende Leistungen"

Und, wie gut ist es gelaufen? Wie offen kann man sein mit Kritik an Kollegen. „Na ja, man hat schon gemerkt, dass die Schiedsrichter aus unterschiedlichen Verbänden kamen, da gab es schon schwankende Leistungen“, sagt der Hamburger. Schon deshalb, weil es eben immer unterschiedliche Interpretationen der Spielleitung gibt.

Auch bis sich die Eingriffsschwelle der Videoassistenten vereinheitlicht hatte, war Zeit vergangen, meint Ittrich: „Die war am Anfang höher bei Fußvergehen als bei Haltevergehen. Das wurde geändert. Es hat sich aber gezeigt, dass selbst sieben Leute am Video keine Garantie dafür sind, dass alles immer richtig ist.“

„Es war grandios, wie er gepfiffen hat"

Zum Glück war Final-Schiedsrichter Szymon Marciniak (43) aus Polen dem großartigen Endspiel zwischen Argentinien und Frankreich nicht nur gewachsen. „Es war grandios, wie er gepfiffen hat. Trotz kleiner Fehler bei der Vorteilsauslegung“, sagt Ittrich, „aber die Klarheit und Schnelligkeit bei den großen Entscheidungen war absolut beeindruckend.“

Dabei bewundert Ittrich weniger die drei Elfmeterpfiffe, die es gegeben hat, sondern einen, der ausblieb: „Die Gelbe Karte gegen Marcus Thuram wegen einer Schwalbe war für mich der entscheidende Pfiff des Finals.“ Der Franzose Thuram spielt in der Bundesliga bei Borussia Mönchengladbach. Und irgendwie mag Ittrich nicht an einen Zufall glauben, dass ein in Deutschland tätiger Spieler da auffällig geworden ist. Der ehemalige Dortmunder Achraf Hakimi bei Marokko oder Jude Bellingham bei England haben ständig reklamiert – „das war schon auffällig.“

Extrem lange Nachspielzeiten bei der WM

Und ist möglicherweise ein Diskussionspunkt, wenn sich die Bundesliga-Schiedsrichter vom 4. bis 10. Januar im portugiesischen Lagos an der Algarve zu ihrem Lehrgang treffen. Die WM-Auswertung steht da auf dem Programm, jeder deutsche Schiri hatte die Aufgabe, ein WM-Spiel zu sehen und zu analysieren.

Auffällig bei der WM waren die extrem langen Nachspielzeiten. Ist so etwas jetzt auch in der Bundesliga zu erwarten? „Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Ittrich, „in Katar haben sie bei Unterbrechungen sekundengenau mitgezählt, was die Spielzeit reduziert hat. Sie haben sehr restriktiv nachspielen lassen.“ Allerdings gäbe es durchaus Trainer, die sich solch ein Vorgehen auch in der Bundesliga wünschen. Sie werden darüber sprechen, die deutschen Schiedsrichter. In Lagos ist dann Ittrich auch wieder als Aktiver dabei, nachdem er seit dem Spiel Mönchengladbach gegen Leipzig am 17. September kein Spiel mehr gepfiffen hatte. Mittelfußbruch.

Patrick Ittrich freut sich auf den Platz

Jetzt ist die Reha praktisch geschafft, auch in Garching hat er jeden Morgen zwischen 8 und 11 Uhr nach dem Frühstück an seiner Fitness gearbeitet, bevor es ins Studio ging. Nun fühlt sich der kommunikative Hamburger bereit wieder anzugreifen. „Ich gehe davon aus, dass ich zunächst in der Dritten Liga eingesetzt werde“, sagt er, „auch wir Schiedsrichter brauchen etwas Spielpraxis.“ Ittrich freut sich darauf: „Der Job als Experte war schön und spannend. Aber ich bin doch in erster Linie Sportler.“