Ocean Race

Angeschlagener Boris Herrmann bangt um seinen Mast

| Lesedauer: 7 Minuten

Boris Herrmann spricht über weiteren herben Rückschlag

Beschreibung anzeigen

Hamburger Skipper muss „ganz schönen Rückschlag“ verarbeiten. Äußert heikle Mission auch für ausgeschiedenes Konkurrenzboot.

Hamburg/Kapstadt. Das Team von Boris Herrmann hat beim Ocean Race einen weiteren Rückschlag zu verkraften. Bei einer Kontrolle des Mastes hat Co-Skipperin Rosalin Kuiper einen etwa 30 Zentimeter langen Riss im Mast entdeckt. Der Schaden, so vermutet der Hamburger Extremsegler, ist am Abend zuvor entstanden, als das Segel sich oben am Mast löste. „Der Haken, der das Segel am Mast hält, ist anscheinend gebrochen und das Fall hat den Schaden verursacht“, sagt er in einem Video von Bord. Man sieht dem Extremsegler die Sorge an. „Ich bin etwas angeschlagen“, so Herrmann.

Erst einmal hat die Crew die Segel verkleinert, um den Druck aus dem Mast zu nehmen. Am Donnerstag sollen nach Tagesanbruch dann die Reparaturen in großer Höhe von 28 Metern vorgenommen werden. Dann erwarte das Team kleinere Wellen. „Wir müssen den Mast abschleifen und laminieren“, sagt Herrmann in einem Video von Bord. Aber ob das so gelingt, ist bisher noch nicht klar.

Tapfer lächelt er in die Kamera. „Das ist ein ganz schöner Rückschlag für uns“, so der Hamburger. Und weiter: „Aber erstmal sind wir noch im Rennen.“ Das klingt, als sei er sich nicht sicher, wie lange noch. Dann wird Herrmann zum Schluss des Videos geradezu philosophisch: „Die Sonnenstrahlen scheinen hier so durch die Wolken. Also wollten sie uns zeigen, dass es um mehr geht als nur das Rennen zu gewinnen oder nicht zu gewinnen.“

Konkurrenz-Boot von Boris Herrmann droht die Evakuierung

Um gewinnen oder nicht gewinnen geht es beim Guyot environment – Team Europe seit der vergangenen Nacht nicht mehr, sondern erst einmal nur darum, heil in den Hafen von Kapstadt zu kommen. Der fünfköpfigen Crew ist in der vergangenen Nacht genau das passiert, von dem sich die Segler wünschen, dass es nie geschehe. Ein Schaden am Rumpf zwingt die Mannschaft um Skipper Benjamin Dutreux und den Berliner Robert Stanjek zum Aufgeben. Gerade sind die fünf Segler unterwegs zurück in den sicheren Hafen von Kapstadt. „Es ist sehr enttäuschend, diese Königsetappe aufgeben zu müssen“, sagt Stanjek am Mittwochabend von Bord. „Wir sind sehr gut gesegelt. Das Team hatte eine gute positive Konzentration. Vor allem nach den ersten beiden Etappen hatten wir gehofft, dass wir endlich unser Potenzial zeigen können. Dann macht es zweimal knack und innerhalb von Sekunden wurde dieser Plan zerstört.“

Co-Skipperin Annie Lush war die erste, die den Schaden am frühen Mittwochmorgen entdeckte. „Ich hatte gerade meine Wache beendet und versuchte aus meinen Kleidern herauszukommen, was bei den ziemlich großen Wellen war nicht so leicht ist“, sagt sie. „Eigentlich wollte ich gerade ins Bett steigen. Mir gegenüber stand ein Koffer, der fest an den Boden gebunden ist. Doch plötzlich bewegte sich dieser Koffer.“ Erst habe sie gedacht, nun sei sie vielleicht ein wenig verrückt geworden, berichtet die Seglerin. „Aber dann habe ich gesehen, wie es sich noch einmal bewegte. Also bin ich rüber, um es mir anzusehen und da konnte ich das Geräusch der Delaminierung hören.“ Sofort habe sie ihre Mitsegler geweckt. Alle hätten wenig später dann das Geräusch gehört. „Ich legte meine Hand auf den Boden und konnte spüren, wie sie sich wirklich auf und ab bewegte", so Annie Lush weiter.

Massiver Schaden kann nicht auf dem Wasser repariert werden

Skipper Benjamin Sutreux berichtet: „Wir haben sofort das Boot aufgestoppt um zu sehen, was passiert ist.“ Tatsächlich habe auch er gesehen, dass sich der Boden auf der Backbordseite am Boden des Rumpfes stark bewegte. „Wir rollten die Segel ein und versuchten, eine ruhige Position zu finden. Aber es war nicht einfach, weil sich das Boot viel bewegte. Wir hatten zu dieser Zeit Wellen von sechs bis sieben Metern.“

Sofort habe man Kontakt zum Team an Land aufgenommen. Anfangs habe noch Hoffnung bestanden, die Etappe fortsetzen zu können. „Aber wir hatten noch so viele Tage auf See vor uns bis nach Australien, es war einfach nicht sinnvoll weiterzufahren.“ Ein solch massiver Schaden sei nicht auf See zu reparieren. „Wir müssen das Boot aus dem Wasser nehmen, es auseinander nehmen, reparieren und wieder zusammenkleben.“

„Im Falle einer Extremsituation ist alles griffbereit“

Ganz langsam fährt die Rennyacht nun zurück in den sicheren Hafen, auch um den Boden des Rumpfes nicht zu sehr zu bewegen. Gleichzeitig habe das Team alle Vorkehrungen für eine mögliche Evakuierung der Yacht getroffen, schließlich besteht durchaus die Gefahr, dass das Boot bei den hohen Wellen im Laufe der kommenden Stunden und Tagen noch mehr Schaden nimmt. Das gesamte Team müsse nun hoch konzentriert das Schiff Richtung Hafen navigieren, heißt es von Bord. „Wir haben den delaminierten Bereich stark mit Geräten beschwert, damit der Sandwichboden nicht so stark spielt und von den Wellen durchgedrückt wird“, so Stanjek. „Wir segeln mit einer reduzierten Geschwindigkeit von acht Knoten in Richtung Kapstadt.“ Alle Schotten im Schiff seien geschlossen. „Im Falle einer Extremsituation ist alles griffbereit.“

Deutscher Co-Skipper: „Es ist ein harter Schlag“

Für den deutschen Co-Skipper Robert Stanjek, der sein Debüt beim Ocean Race segelt, ist die Rückkehr nach Kapstadt eine besonders bittere Erfahrung. Am Mittwoch ist sein Traum geplatzt, durch das Südpolarmeer zu segeln. „Es ist ein harter Schlag, sowohl sportlich, als auch für das gesamte Team. Jeder hat so hart und so lange gearbeitet. Aber es zerbricht auch einen persönlichen Traum, der mich seit Jahren antreibt. Ich wollte dieses Meer und diese Etappe erfolgreich segeln. Und dann kommt das Ende so schnell. Sport ist manchmal so brutal.“

Das Ende der Etappe bedeutet aber nicht zwingend auch das Ende des Ocean Race für GUYOT environnement - Team Europe. In Kapstadt soll nun erst einmal der Schaden begutachtet werden. Danach will das Team über einen möglichen Wiedereintritt in das Rennen entscheiden. Annie Lush zeigte sich am Mittwochabend zuversichtlich: „Zum Glück ist es nicht die Vendée Globe, sondern ein Rennen mit mehreren Etappen. Wir werden wiederkommen - sobald wir können.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Sport