HSV Handball

Leif Tissier: „Ich traue mir die neue Rolle zu“

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Spielmacher Leif Tissier (22) ist gebürtiger Hamburger, kam einst vom AMTV Hamburg zum HSVH.

Spielmacher Leif Tissier (22) ist gebürtiger Hamburger, kam einst vom AMTV Hamburg zum HSVH.

Foto: Tim Groothuis/WITTERS

Der Spielmacher ist mit 22 Jahren bereits Kapitän beim HSV Hamburg. Er spricht über seine Rolle und schmerzhafte Abgänge.

Hamburg.  Es war ein sonniger Tag im Playitas-Resort auf Fuerteventura, als Leif Tissier einfach nur Ja sagen musste. Wer jetzt an einen schnulzigen Heiratsantrag im Pauschalurlaub denkt, irrt sich. Tatsächlich war es nicht Tissiers Freundin Ann-Cathrin, die den Spielmacher des HSV Hamburg (HSVH) nach dem Jawort gefragt hatte – sondern Torsten Jansen und Blazenko Lackovic.

Das Trainerduo des Handball-Bundesligisten wollte mit dem 22-Jährigen jedoch nicht den Ehebund schließen, sondern ihn als Kapitän ernennen. Und der Aufenthalt auf den Kanaren war auch kein romantischer Liebesurlaub, sondern das einwöchige Trainingslager zum Vorbereitungsstart.

HSV Handball: Tissier künftig Kapitän

Lange überlegen musste Tissier jedenfalls nicht. „Es ist eine Ehre, den Bundesligisten seiner Heimatstadt als Co-Kapitän anzuführen“, sagt der beim TVGH Billstedt und AMTV Hamburg ausgebildete Rechtshänder, als er am Dienstag im Abendblatt-Podcast „Auszeit HSVH“ zu Gast ist. Nachdem Rückraumspieler Lukas Ossenkopp, der das Kapitänsamt bisher mit Kreisläufer Niklas Weller (beide 29) ausgeübt hatte, künftig als Spielertrainer agieren wird, hatten Jansen und Lac­kovic einen neuen Co-Kapitän gesucht.

Doch anstatt Torhüter Johannes Bitter (39) oder Linksaußen Casper Mortensen (32) – beide erfahrene Ex-Weltmeister und Ex-Champions-League-Sieger – sollte in Tissier der drittjüngste Spieler des Kaders künftig auch von Amts wegen als Anführer aktiv sein. Beim Heimspiel-Saisonauftakt gegen die SG Flensburg-Handewitt an diesem Donnerstag (19.05 Uhr/Sky) werden die Augen in der Barclays Arena unweigerlich auch auf ihn gerichtet sein.

„Es kam für mich schon überraschend"

„Es kam für mich schon überraschend, als Toto und Lac mich im Trainingslager gefragt haben, ob ich mir das vorstellen kann“, sagt Tissier. „Ich traue mir die Rolle aber zu. Nach Niklas Weller bin ich derjenige, der am längsten im Verein ist. Ich habe auch schon in der Vergangenheit Verantwortung übernommen.“ Tissier sagt bei den Angriffen seit mehreren Jahren die Spielzüge an, kritisiert Dinge in Auszeiten.

„Es kam mit der Zeit, dass ich immer mehr gesagt habe. Als ich frisch aus der A-Jugend gekommen bin, war es nicht gerade sinnvoll, das Wort zu ergreifen“, sagt er. „Ich bin nicht derjenige, der in der Kabine große Töne spuckt. Ich möchte vor allem für die Kommunikation im Verein einstehen, auch eine Bezugsperson für die jüngeren Spieler sein.“

Tissier hat nun auch andere Aufgaben

Zu seinen Aufgaben zählt nun auch die Integration der Neuzugänge. Rückraumspieler Jacob Lassen (26), Kreisläufer Andreas Magaard (24/beide Dänemark) und Ersatzkeeper Ivan Budalic (25/Kroatien) sprechen kaum Deutsch. „Man merkt, dass die Jungs schon große Fortschritte machen“, sagt Tissier. „Wir müssen den neuen Spielern eine Heimat bieten. Dann werden sie automatisch ihre Leistung bringen.“ Regelmäßig verbringt das Team auch abseits der Trainingshalle Zeit miteinander, Restaurantbesuche mit zehn bis 15 Personen sind keine Seltenheit. „Es ist schwierig, den Spirit sofort wieder hinzubekommen. Das geht nicht von heute auf morgen, wie bei allen anderen freundschaftlichen Beziehungen auch“, weiß Tissier.

Für den vierten Neuzugang, Dani Baijens (24/Niederlande), ist die deutsche Sprache keine Herausforderung mehr, der Positionspartner von Tissier kann sich fließend verständigen. „Ich bin froh darüber, dass wir dieses Jahr rotieren können und ich nicht diese hohe Belastung habe. Das hilft, um die ganze Saison fit zu bleiben“, sagt Tissier, der sich mit dem stets gut gelaunt wirkenden Kraftwürfel Baijens hervorragend versteht. „Er wirkt, als würde man ihn nachts in eine Steckdose stecken, damit er tagsüber sein Programm abspult. Er ist teilweise unberechenbar, ein bisschen verrückt“, sagt Tissier und lacht.

„Dieses Jahr hat es sehr wehgetan“

Neue Freundschaften innerhalb der Mannschaft tragen zum Teamgeist bei – und sind bei Tissier zurzeit auch herzlich willkommen. Mit den Rückraumspielern Finn Wullenweber (24/zum TV Großwallstadt) und Jan Kleineidam (23/zu Vitoria Setubal nach Portugal) sowie Linksaußen Jonas Gertges (24/vereinslos) hat sich seine gesamte Freundesgruppe in diesem Sommer aus Hamburg verabschiedet. „Dieses Jahr hat es sehr wehgetan“, gibt Tissier zu. „Wir waren eine Vierergruppe, die auch viel außerhalb der Halle zusammen gemacht hat.“

Bereits zu Drittligazeiten hatte das Quartett gemeinsam auf der Platte gestanden, ehe mit den beiden Aufstiegen auch die Leistungsansprüche stiegen. Nur Tissier konnte ihnen bis jetzt genügen. „Weil wir nicht schon fünf Jahre als Profimannschaft in der Bundesliga spielen, fällt es schwer, diese Abschiede als Teil des Geschäfts zu sehen“, sagt er. „In der Dritten Liga haben wir mit vielen Freunden von früher gespielt. Mittlerweile sind die bis auf Dominik Axmann alle weg.“

Freundesgruppe bleibt weiter in Kontakt

Mit Facetime-Anrufen bleibt die Freundesgruppe wöchentlich in Kontakt. Kleineidam, der nun in Lissabon lebt, wolle Tissier bald besuchen kommen – wenn es die Spielpläne zulassen. „Er ist einer meiner besten Freunde, das war schon schwer“, sagt Tissier, der einen Vertrag bis Sommer 2024 besitzt. „Das sind alles Jungs gewesen, die man vier oder fünf Jahre lang jeden Tag gesehen hat. Mit denen hat man mehr Zeit verbracht als mit der Familie.“

Dass sich die Stimmung in der Mannschaft im Vergleich zur Vorsaison verändert hat, hat auch der 22-Jährige bemerkt. „Es ist ein bisschen professioneller geworden. Das heißt nicht, dass wir in der vergangenen Saison nicht professionell gearbeitet haben. Trotzdem sind wir in diesem Jahr etwas fokussierter auf die Arbeit“, sagt er.

HSV Handball: Tissier freut sich auf Saisonstart

Während in der Vergangenheit nach den Trainingseinheiten häufig kleine Spielchen stattfanden, geht es vielen neuen Profis mittlerweile vor allem um die optimale Regeneration. Die Verhinderung eines Muskelfaserrisses ist da wichtiger als teaminterne Boccia-Wettkämpfe mit Handball und Trainingshütchen. Trotzdem, betont Tissier, „machen wir immer noch unsere Späße“.

Da Siege in der Bundesliga aber weiterhin noch den größten Spaß machen, freut sich der neue HSVH-Kapitän vor allem auf den Saisonstart am Donnerstagabend: „Es wird Zeit, dass es endlich losgeht.“

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