Stellenwert

Andy Grote: „Sport braucht im Bund mehr politisches Gewicht“

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Innen- und Sportsenator Andy Grote (53) auf der Treppe der Behörde für Inneres und Sport.

Innen- und Sportsenator Andy Grote (53) auf der Treppe der Behörde für Inneres und Sport.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Hamburgs Sportsenator über die Lehren der Pandemie, Geisterspiele, die Aufwertung der Sportministerkonferenz und neue Arenen.

Hamburg.  Andy Grote war beim Friseur. Sein Redebedarf schien danach aber nicht erschöpft, als er das Abendblatt bei Wasser und Tee zum Gespräch in seinem Arbeitszimmer in der Innenbehörde am Johanniswall empfing. Ein Anliegen war Hamburgs Sport- und Innensenator während der gut einstündigen Unterhaltung besonders wichtig: der politische Stellenwert des Sports.

„Der Sport“, sagte der SPD-Politiker, „braucht im Bund mehr politisches Gewicht.“ Bei einer außerordentlichen Sportministerkonferenz am 7. und 8. April in Hamburg, die auch auf Initiative Grotes zurückgeht, wollen die Ressortleiter der 16 Bundesländer dafür die entsprechenden Maßnahmen auf den Weg bringen.

Hambuger Abendblatt: Herr Grote, wann waren Sie in Hamburg zuletzt bei einer Sportveranstaltung?

Andy Grote: Das muss beim King of the Court, beim internationalen Beachvolleyballturnier im vergangenen August am Rothenbaum, gewesen sein.

Fußball-, Basketball- oder Handballspiele haben Sie danach nicht mehr besucht?

Grote: Wegen der Begrenzung der Zuschauerkapazitäten wollte ich da keinen der knappen Plätze in Anspruch nehmen.

Nach der Ministerpräsidentenkonferenz am Mittwoch dieser Woche scheinen Geisterspiele auf absehbare Zeit der Vergangenheit anzugehören. War es im Rückblick nicht übertrieben vorsichtig, Zuschauer wiederholt komplett auszuschließen?

Grote: Mit dem Wissen von heute hätten wir einige Dinge, besonders im ersten Jahr der Pandemie, vermutlich differenzierter gehandhabt. Auf der anderen Seite spitzte sich die Lage in den vergangenen Monaten erneut dramatisch zu. Wegen der massiven Steigerung der Corona-Fälle wurden sogar Ausfälle bei kritischen In­frastrukturen befürchtet. Vorsicht war daher durchaus angemessen. Es war eine Situation, wie wir sie seit Beginn der Pandemie vor zwei Jahren noch nie erlebt haben. Die Ministerpräsidentenkonferenz war sich deshalb schnell einig: Sie wollte „Geisterspiele“. Wobei wir in Hamburg zuletzt relativ zügig dazu übergegangen sind, wenigstens 2000 Zuschauer in den Stadien zuzulassen.

Unverständnis erregte allerdings, dass in der Elbphilharmonie und im 25-mal größeren Volksparkstadion dieselben Kapazitätsgrenzen, nämlich 2000 Besucher, galten.

Grote: Ich kann da manchen Unmut verstehen. Andererseits sind solche Kapazitätsvergleiche immer schwierig. Wenn Sie in der Elbphilharmonie und beim HSV 50 Prozent Zuschauer zulassen, sind das im ersten Fall gut 1000, in zweiten knapp 30.000. Bei annähernd 30.000 Besuchern entstehen ganz andere Gedrängesituationen, auf dem Weg zum Stadion, beim Einlass, im Cateringbereich oder in und vor den Sanitäranlagen. Die Frage bleibt immer: Bekommen wir das wirklich vernünftig gesteuert?

Dennoch ist der Eindruck entstanden, dass der Sport stärker zurückstecken musste als andere gesellschaftliche Bereiche.

Grote: Den Eindruck teile ich nicht. Die größten Zuschauerzahlen hatten wir in Hamburg während der Pandemie beim Sport: im vergangenen Jahr jeweils 25.000 beim Marathon und Ironman, 60.000 beim Triathlon, und das in einer Zeit, in der in anderen Städten diese Events abgesagt wurden. Das Herrenturnier am Rothenbaum im September 2020 war weltweit die erste Zuschauerveranstaltung im Tennis nach dem Ausbruch der Pandemie. Und die Triathleten konnten auf ihrer Weltserie 2020 nur in Hamburg starten, bei der WM im Stadtpark, ebenfalls im September.

Breiten-, Kinder- und Jugendsport litten dagegen unter der Schließung von Hallen und Fitnessstudios. Renommierte Mediziner warnten davor, dass der staatlich verordnete Bewegungsmangel langfristig zu größeren gesundheitlichen Schäden führen könnte als das Virus selbst. Warum haben diese Warnungen in der Politik kaum Gehör gefunden? Weil der Sport immer noch nicht den Stellenwert hat, den er in seiner Bedeutung für die Volksgesundheit und den Zusammenhalt der Gesellschaft haben sollte?

Grote: Wir haben es geschafft, nach dem Aufkommen der Omikron-Variante einen erneuten Lockdown für den Sport zu vermeiden, und haben an vielen Stellen in Hamburg auch gute Regelungen gefunden, um den Sportbetrieb aufrechterhalten zu können. Obwohl wir die bisher höchsten Corona-Zahlen hatten, ist fast alles offengeblieben.

Sie scheint trotzdem das Gefühl beschlichen zu haben, dass der Sport in der Politik nicht das Gehör findet, das Sie sich wünschen. Andernfalls hätten Sie wohl nicht umgehend den Impuls Ihres rheinland-pfälzischen SPD-Innenministerkollegen Roger Lewentz aufgegriffen, der jährlichen Sportministerkonferenz künftig größere Bedeutung geben zu wollen.

Grote: Ich bin überzeugt davon, dass wir dem Sport auf Ebene der Bundespolitik noch mehr Wahrnehmung verschaffen können. Zum Beispiel ist der Sport in den Beschlüssen der Ministerpräsidentenkonferenz nur kurz oder gar nicht vorgekommen, und wenn, dann eher als Risikofaktor. Das wird der Bedeutung des Sports in dieser Gesellschaft, und auch in dieser Pandemie, nicht gerecht. Wir müssen aber auch selbstkritisch sagen: Da hätten wir als Sportministerkonferenz mehr Input geben, uns stärker, lauter zu Wort melden können. Das ist ein Grund dafür, dass ich jetzt zusammen mit Roger Lewentz, dem Vorsitzenden der Sportministerkonferenz, zum 7./8. April zu einer außerordentlichen Sitzung nach Hamburg einlade.

Außerordentlich? Das gab es unseres Wissens noch nie. Was wird im April auf der Tagesordnung stehen?

Grote: Wir wollen dem Sport auch auf Bundesebene mehr politisches Gewicht geben. Von der Sitzung in Hamburg soll ein Aufbruchsignal ausgehen. Wir wollen künftig häufiger tagen, nicht nur wie bisher einmal im Jahr, anlassbezogen möglicherweise mehr als zweimal im Jahr. Zu unserer Zusammenkunft im April, und das werte ich als starkes Zeichen, wird die neue Bundesinnenministerin Nancy Faeser nach Hamburg kommen. In meiner nun sechsjährigen Amtszeit als Innen- und Sportsenator war kein einziges Mal der auch für Sport zuständige Bundesinnenmister bei unseren Treffen dabei. Das hätte sich kein Bundesinnenminister bei einer Innenministerkonferenz getraut. Das allein zeigt den bisherigen Stellenwert des Sports auf Bundesebene.

Welche Botschaft soll von der Tagung in Hamburg ausgehen?

Grote: Dass wir für eine gute Entwicklung unserer Gesellschaft auf die Kraft des Sports nicht verzichten können, in diesen Zeiten noch weniger als vorher. Dass der Sport künftig auf der politischen Agenda weiter nach oben gehört – wie in Hamburg mit der ressortübergreifenden Active-City-Strategie, die jede Hamburgerin, jeden Hamburger, in jedem Stadtteil, mit jedem sozialen, ethnischen und kulturellen Hintergrund erreichen will. Alles, was wir jetzt gerade als Ziele festschreiben wollen, soll den Senat darauf verpflichten, dass wir in Hamburg so viele Menschen so umfassend wie möglich in Bewegung bringen. Die Pandemie macht das noch dringender.

Was hat Corona in den vergangenen zwei Jahren in der Gesellschaft angerichtet?

Grote: Die Pandemie hat vorhandene Tendenzen wie Polarisierung und Vereinzelung verstärkt. Corona hat uns in die soziale Distanz, in die Isolation getrieben. Jetzt brauchen wir wieder Begegnung, Gemeinschaft, Zusammenhalt – dafür brauchen wir den Sport und die Vereine. Corona hat uns auch in die Bewegungsarmut geführt, unser Alltag, gerade der bei Kindern und Jugendlichen, hat sich vielfach zu Hause abgespielt. Auch diese Tendenz müssen wir dringend umkehren. Wir brauchen den Sport, um hier eine positive gesellschaftliche Entwicklung zu unterstützen.

Welche Maßnahmen stellen Sie sich da vor?

Grote: Im ersten Schritt müssen wir die Vereine stärken, damit sie wieder ihre Mitglieder zurückgewinnen. Das tun wir seit vergangenem August zum Beispiel mit dem Active-City-Starter-Gutschein, der einen Vereinseintritt mit 80 Euro bezuschusst. Rund 14.000 der möglichen 20.000 Gutscheine sind bisher abgerufen worden. Anders als bei den kommerziellen Studios fielen die Mitgliederverluste in den Vereinen mit rund 6,4 Prozent relativ moderat aus. Ich bin optimistisch, dass wir die alten Mitgliederzahlen bald wieder erreichen.

Sport braucht Vorbilder, zur Active-City-Strategie gehören deshalb auch regelmäßige Großveranstaltungen. Was dürfen wir in diesem Jahr erwarten?

Grote: Eines unserer Ziele war es, alle Veranstalter heil durch die Pandemie zu bringen. Das scheint uns gelungen. Ich gehe davon aus, dass in diesem Jahr alle Veranstaltungen wie geplant stattfinden können, dass wir keine verlieren. Wenn wir Menschen für Sport begeistern wollen, brauchen wir auch den Spitzensport.

Die Ausrichtung des im August geplanten Beachvolleyballturniers am Rothenbaum scheint jedoch an den finanziellen Konditionen des Weltverbandes FIVB zu scheitern. In Wien versuchen sie deshalb, eine preiswertere europäische Serie zu organisieren.

Grote: Unser Anspruch bleibt es, Veranstaltungen in der jeweils höchsten internationalen Kategorie auszutragen. Das gilt auch für Beachvolleyball. Wir sind mit der Agentur des Weltverbandes und mit möglichen lokalen Vermarktern in guten Gesprächen. Die FIVB hat ausdrücklich erklärt, dass sie ein Turnier in Hamburg austragen möchte. Das stimmt mich sehr zuversichtlich.

Wie steht es um die Akquise neuer Veranstaltungen oder Formate?

Grote: Beim Tennis am Rothenbaum werden dieses Jahr erstmals nach 20 Jahren wieder Damen und Herren gemeinsam aufschlagen, der Ironman wird im Juni als Frauen-Europameisterschaft ausgetragen. Im Dezember folgt die Hallenhockey-EM der Herren und Damen. 2023 richten wir die Triathlon-WM aus, 2024 sind wir Gastgeber der Fußball-EM. Wir haben also einiges vor.

Sport braucht auch Platz. Auch das ist eine der Landmarken der Active-City-Strategie, mehr Sportflächen zu schaffen, etwa drei Prozent jedes Jahr. Was weiter fehlt, sind Stadien und Hallen mittlerer Größe, wie zum Beispiel der für 8000 Zuschauer geplante Elbdome der Basketballer der Hamburg Towers oder ein Regionalliga- oder Drittligastadion für Altona 93 und den FC Teutonia 05. Warum geht es bei diesen Projekten kaum voran?

Grote: Bei allen größeren Bauprojekten – nicht nur im Sport – sind die Prozesse fast immer lang und zäh. Ich kann die Ungeduld mancher gut verstehen. Am Ende zählt aber das Ergebnis. Wir treiben die Projekte voran und haben allein in den vergangenen zwei Jahren 20 Millionen Euro zusätzlich für Sportinfrastrukturvorhaben bereitgestellt. Beim neuen Trainingsgelände für den FC St. Pauli an der Niendorfer Kollaustraße ist der Durchbruch jetzt geschafft. Für den Elbdome bin ich zuversichtlich, dass wir einen Standort im Bereich der Elbbrücken realisieren können. Und beim Stadion für Altona 93 erwarten wir, dass es bis Ende des Jahres einen Bebauungsplan für das Thyssen-Krupp-Gelände am Diebsteich gibt. Es geht also voran!

Teutonia 05 reklamiert aber, dass Sie an diesem Standort zu klein denken. Der Verein und seine zahlungskräftigen Sponsoren würden hier gern für die Dritte Fußball-Liga, dort will der Club in den nächsten Jahren spielen, eine Arena für bis zu 15.000 Zuschauer bauen lassen. Auch die American Footballer hätten Bedarf in dieser Größenordnung. Die Stadt beharre indes auf ihren bisherigen Plänen, klagt der Club.

Grote: Wir unterstützen grundsätzlich jeden ambitionierten Verein in der Stadt und haben auch mit Teutonia nach einer geeigneten Fläche gesucht. Am Standort Diebsteich ist ein doppelt oder dreimal so großes Stadionprojekt aber nicht realistisch umsetzbar. Für Altona 93 als Hauptnutzer, und bei dem Club stehen wir seit Jahren im Wort, ist ein 5000er-Stadion die richtige Größe, alles andere wäre für den Spielbetrieb in der Fußball-Regionalliga Nord überdimensioniert.

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