Ammar Riad Abduljabbar

Erst Profi werden, dann Olympiagold für Deutschland holen

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Ammar Riad (l.) im Duell mit Muslim Gadschimagomedow.

Ammar Riad (l.) im Duell mit Muslim Gadschimagomedow.

Foto: Buda Mendes / Getty Images

Der Hamburger Boxer hat in Tokio seine Geschichte einem breiten Publikum erzählen können. Nun hat er große Pläne.

Hamburg. „Hunger“ steht auf seinem schwarzen Cap, aber es hätte diesen dezenten Hinweis nicht gebraucht, um zu verstehen, dass der Mann, der da vor einem sitzt, alles andere ist als satt. Nicht mehr als fünf Tage Pause habe er ausgehalten, sagt Ammar Riad Abduljabbar, „dann musste ich wieder zurück in die Trainingshalle. Ich weiß ja nicht, was kommt, deshalb möchte ich bereit sein.“ Bereit für die nächste Stufe auf der Karriereleiter, für die sich der 25 Jahre alte Hamburger bei den Olympischen Spielen in Tokio empfohlen hat.

Fünf Tage Pause sind keine lange Zeit, um den Höhepunkt seines bisherigen Lebens zu verarbeiten. Auch deshalb zehrt der im Irak geborene Boxer, der seit 2018 deutscher Staatsbürger ist, noch immer von den Erlebnissen bei seiner Premiere unter den fünf Ringen. „Das Tollste war für mich zu sehen, wie Zehntausende Menschen aus mehr als 200 Nationen mit so verschiedenen religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Hintergründen so friedlich und fröhlich miteinander in einem Dorf gelebt haben“, sagt er, „in diesen Momenten habe ich gespürt: Genau so sollte das Leben funktionieren.“

Boxer Ammar Riad Abduljabbar setzt sich niemals Grenzen

Ammar Riad Abduljabbar ist ein Mensch, der sich niemals Grenzen setzt. Nur deshalb hat er es überhaupt geschafft, sich von einem Haudrauf mit unerschütterlichem Kämpferherzen, dem niemand, der ihn in seinen ersten Auftritten für das Bundesligateam der Hamburg Giants sah, je eine Olympiateilnahme zugetraut hätte, zu einem taktisch und technisch klugen Boxer zu entwickeln. Einem Boxer, der in der Klasse bis 91 Kilogramm im Viertelfinale dem späteren Silbermedaillengewinner Muslim Gadschimagomedow (24/Russland) alles abverlangte. Es liegt in seinem Wesen begründet, sich niemals zufrieden zu geben, dass Ammar Riad den fünften Platz nicht als Erfolg empfindet.

Aber er ist glücklich darüber, dass er mit seinem Abschneiden als bester der nur drei Tokio-Reisenden des Deutschen Boxsport-Verbands (DBV) die Gelegenheit bekam, auf sich aufmerksam zu machen. Im Tokioter ZDF-Studio seine Geschichte erzählen zu dürfen, habe für großartige Resonanz gesorgt, „auch wenn ich unglaublich aufgeregt war und das Gefühl hatte, die deutsche Sprache vergessen zu haben“, sagt der Mann, der über einen bemerkenswerten deutschen Wortschatz verfügt.

Muster an Integration

Seine Geschichte, die das Abendblatt schon mehrfach beleuchtet hat, ist die eines Musters an Integration. Die eines Menschen, dessen Bruder wegen eines schweren Herzfehlers in Deutschland operiert wurde, und der aus Dankbarkeit dem Land, das seine Heimat wurde, nun mit seinem sportlichen Einsatz zurückzahlen möchte.

Die Olympiateilnahme empfindet Ammar Riad Abduljabbar als Erfüllung eines Traums. Aber nun, da er es einmal erlebt hat, will er unbedingt ein zweites Mal dabei sein, 2024 in Paris. „Und dann werde ich das schaffen, was ich dieses Jahr nicht geschafft habe: die Goldmedaille für Deutschland holen“, sagt er. Der Weg dorthin soll jedoch über das Profilager führen, denn er hat gespürt, dass ihm die olympische Kampfdistanz von dreimal drei Minuten Grenzen setzt, die ihn unnötig limitieren. „Ich will wissen, wie es ist, über acht oder zwölf Runden zu kämpfen, und ob ich es schaffen kann, auch bei den Profis an die Spitze zu kommen“, sagt er.

Verband will Ammar Riad ermöglichen, Erfahrungen als Profi zu sammeln

Der DBV, der seinen erfolgreichsten Tokio-Starter unbedingt halten will, hat dem Plan zugestimmt, Sportdirektor Michael Müller hat ein entsprechendes Angebot bereits während der Sommerspiele formuliert. Der Verband will Ammar Riad ermöglichen, Erfahrungen als Profi zu sammeln und dann für die Paris-Qualifikation zum olympischen Boxen zurückzukehren, was seit 2016 erlaubt ist. Angepeilt ist, dass er im Halbschwergewichtslimit bis 79 Kilogramm startet.

Gemeinsam mit seinem Hamburger Cheftrainer Christian Morales wird er in den kommenden Wochen Gespräche mit Promotern aufnehmen. Mitglied der Sportfördergruppe der Bundeswehr will er bleiben, zudem möchte er den Realschulabschluss und das Abitur nachholen. Sein Hunger, er ist grenzenlos.

( bj )

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