Olympia

Tobias Hauke geht mit der bittersten Pleite seiner Karriere

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Björn Jensen
Nach der Niederlage gegen Indien brauchte Tobias Hauke ein wenig Zeit für sich.

Nach der Niederlage gegen Indien brauchte Tobias Hauke ein wenig Zeit für sich.

Foto: Getty Images

Hamburger Kapitän verliert mit Hockeyherren das Spiel um Bronze. Schlechteste Bilanz für den Deutschen Hockey-Bund seit Sydney 2000.

Hamburg/Tokio.  Gäbe es ein Drehbuch für Abschiede großer Sportler, dann wäre der Donnerstagmorgen im Oi Hockey Stadium anders verlaufen. Dann hätte Tobias Hauke nach seinem letzten Auftritt für sein Land nicht das schlechteste olympische Abschneiden des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) seit Sydney 2000, als letztmals beide Teams ohne Medaille blieben, erklären müssen, sondern sich über eine weitere Bronzemedaille freuen dürfen. Doch nach dem 4:5 im Spiel um Platz drei gegen Indien musste der 33 Jahre alte Kapitän, der in der Bundesliga für den Harvestehuder THC aufläuft, ein bitteres Fazit ziehen.

„Diese Niederlage war die härteste meines Lebens, die tut richtig weh. Es war ein harter Weg über die vergangenen eineinhalb Jahre, jetzt ist er doppelt so hart. Ich wäre sehr gern mit einer Medaille abgetreten“, sagte der Mittelfeldspieler, der während des olympischen Turniers zum Rekordnationalspieler aufstieg und sich nach nun 369 Einsätzen im DHB-Dress auf die Übernahme des familieneigenen Handelshauses für Kohlenwertstoffe und Mineralölprodukte fokussieren möchte.

In der Bundesliga wird Tobias Hauke weiterspielen

Offen ließ er sich einen letzten internationalen Einsatz bei der Hallen-EM im Januar 2022 in seiner Heimatstadt Hamburg, in der Bundesliga wird er auch weiterspielen. Aber seine olympische Mission, die er mit den Goldtriumphen 2008 und 2012 krönte und mit Bronze 2016 in Rio ergänzte, die ist nun endgültig beendet.

Dass sie mit einer tiefen Enttäuschung endete, hatte sich die Auswahl des Hamburger Bundestrainers Kais al Saadi selbst zuzuschreiben. Nach dem unnötigen 1:3 im Halbfinale gegen Australien, das am Donnerstagmittag das Finale gegen Belgien im Penaltyschießen mit 2:3 verlor und dem Weltmeister damit dessen ersten Olympiasieg überließ, hatte sich der Vizeeuropameister gegen den Rekordolympiasieger (acht Titel) noch einmal zur Höchstleistung aufschwingen wollen. Das gelang – allerdings nur in den ersten 25 Minuten, in denen der Kölner Timur Oruz (2.), der Krefelder Niklas Wellen (24.) und der Mülheimer Benedikt Fürk (25.) eine komfortable 3:1-Führung herausschossen.

Umstrittener Siebenmeter für Indien

Umso unverständlicher war, was danach passierte. Al Saadi hatte vor der Partie explizit vor der Konterstärke und der starken Strafecke des Gegners gewarnt. Nicht alle schienen ihm zugehört zu haben. Noch vor der Pause glichen die Inder, die die Vorrunde auf Rang zwei hinter Australien abgeschlossen hatten, durch zwei Eckentore aus. Nach der Halbzeit wendeten sie das Blatt mit einem – allerdings umstrittenen – Siebenmeter und einem sauber ausgespielten Konter vollends.

Mit seinem siebten Turniertor schaffte der Mülheimer Lukas Windfeder zwölf Minuten vor dem Spielende zwar noch den Anschluss, aber auch weil es die einzige von 13 Strafecken war, die die Deutschen nutzen konnten, blieb es beim 4:5, das den Indern den ersten Medaillengewinn seit den Sommerspielen 1980 in Moskau bescherte.

DHB-Sportdirektor mit ausführlicher Analyse

Kais al Saadi wollte mit seiner Mannschaft nicht allzu hart ins Gericht gehen. „Das Halbfinale war schwer zu verdauen, die Jungs haben eine großartige Reaktion gezeigt. Sie haben noch einmal alles reingeworfen, aber leider aus den vielen Möglichkeiten nicht genug Kapital schlagen können. Heute ist für uns eine kleine Welt zusammengebrochen“, sagte er. Tatsächlich war es jedoch diesmal nicht die mangelnde Effektivität, die die Halbfinalschlappe gegen Australien verursacht hatte, sondern wie beim 3:4 im Gruppenspiel gegen Südafrika fehlende Disziplin im Umschalt- und Defensivverhalten, die die Niederlage verursachte. „Vier Tore sollten für eine deutsche Hockeymannschaft zum Sieg reichen“, sagte Tobias Hauke.

DHB-Sportdirektor Christoph Menke-Salz erbat sich nach dem Viertelfinal­aus der Damen und Platz vier der Herren etwas Zeit für eine ausführliche Analyse. „Es ist ein bitterer Moment für die Teams, den Staff und das gesamte Umfeld. Es wird eine ganze Weile brauchen, um das zu verdauen“, sagte der frühere Nationalspieler. Es mag kurios klingen, aber allzu viel wird sich nicht ändern müssen in den drei Jahren bis zu den nächsten Sommerspielen.

Damen-Bundestrainer Xavier Reckinger, dessen Vertrag bis Paris 2024 läuft, muss seinem Team nach den Abschieden der Führungsspielerinnen Janne Müller-Wieland (34), Franzisca Hauke (31) und Lisa Altenburg (31) eine neue Führungsstruktur geben und mehr Zielstrebigkeit beim Torabschluss vermitteln. Grundsätzlich jedoch hat die Mannschaft das Potenzial, dauerhaft zu den Top vier der Welt zu zählen und Titel zu gewinnen.

Weitere deutsche Spieler beenden voraussichtlich ihre Karrieren

Bei den Herren dürften neben Hauke und dem Berliner Abwehrchef Martin Häner (32) auch dessen Clubkollege Martin Zwicker (34) und der in den Niederlanden spielende Hamburger Florian Fuchs (29) ihre internationalen Karrieren beenden. Der Umbruch war jedoch bereits im vergangenen Jahr eingeleitet worden.

Um die Weltspitze wieder zu übernehmen, fehlen aktuell ein Weltklasse-Kreisstürmer und ein zweiter Top-Eckenschütze neben Windfeder, um die Standardquote zu stabilisieren. Gespräche mit al Saadi, dem allseits sehr gute Arbeit bescheinigt wird, über eine Verlängerung seines bis Tokio datierten Vertrags sollen in Kürze aufgenommen werden.

Zunächst jedoch gilt es, bis zum Start der Feldbundesliga am ersten Septemberwochenende die Enttäuschungen zu verarbeiten und die nötigen Schlüsse zu ziehen, damit bei den WM-Turnieren im kommenden Jahr wieder Edelmetall glänzt und nicht Tränen fließen.

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