Ausgerüstet von Adidas

Hockey: Entscheidend ist das Gefühl

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Björn Jensen
Die gebürtige Berlinerin Lena Micheel (23) spielt seit 2016 für den Uhlenhorster HC.

Die gebürtige Berlinerin Lena Micheel (23) spielt seit 2016 für den Uhlenhorster HC.

Foto: THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES

Zum Start der Olympiaserie stellt die Hamburger Hockeyspielerin Lena Micheel die Geheimnisse ihres Schlägers vor.

Hamburg. Am 23. Juli beginnen in Japans Hauptstadt Tokio die Olympischen Sommerspiele. Rund 400 Aktive wird das Team Deutschland umfassen, und eine ganze Reihe von diesen Sportlerinnen und Sportlern kann sich nicht allein auf die Stärke ihres Körpers verlassen. Sie sind angewiesen auf ihr sportliches Werkzeug, um Höchstleistung zu bringen. In einer Abendblatt-Serie stellen bis zum Start der Spiele sechs Tokio-Reisende die Geheimnisse ihres Sportgeräts vor. Den Auftakt macht Hockey-Nationalstürmerin Lena Micheel (23) vom Uhlenhorster HC.

Früher, als sie noch zur Grundschule ging und in Berlin bei Zehlendorf 88 spielte, da waren Besuche im Hockeyshop für Lena Micheel wie ein Ausflug ins Paradies. „Ich habe jeden Schläger angefasst und in den Händen gedreht. Dann habe ich einen Ball genommen und gespürt, wie er am Schläger liegt, wie ich damit dribbeln konnte. Dieses Einspüren war für mich unglaublich wichtig. Erst wenn ich das Gefühl hatte, dass der Schläger und ich eine Einheit bilden, haben wir ihn gekauft“, erinnert sich die 23-Jährige, die im Sommer 2016 vom TuS Lichterfelde aus ihrer Geburtsstadt Berlin zum Uhlenhorster HC nach Hamburg kam.

Maßanfertigungen für Hockey-Nationalstürmerin

Die Zeiten sind andere heute, keine Frage. Seit ihrem Eintritt in die U-18-Nationalmannschaft vor sechs Jahren wird die Jurastudentin von Adidas ausgerüstet und genießt mittlerweile das Privileg, dass ihre Schläger für sie maßgefertigt werden. Was sich allerdings nicht verändert hat, das ist ihr Anspruch, ihr Sportgerät fühlen zu müssen. „Auch wenn ich heute weiß, was für eine Art Schläger ich brauche, ist das Gefühl beim Dribbeln und Schlagen entscheidend“, sagt sie.

In den Spielregeln des Weltverbands FIH ist in der Sektion „Equipment Specifications“ unter Punkt 2 auf mehreren Seiten die zulässige Beschaffenheit des Schlägers festgelegt. Maximal 105 Zentimeter Länge und 737 Gramm Gewicht sind erlaubt, der Durchmesser darf 51 Millimeter nicht überschreiten. Der Vorspann, der die Höhe der Krümmung entlang der Spielfläche des Stocks von der Oberseite des Griffes bis zur Keule am unteren Ende beschreibt, ist mit maximal 25 Millimetern limitiert.

Gemisch aus Carbon, Aramid und Glasfaser

Holzschläger, mit denen Lena Micheel das Spiel erlernte, sind zwar nicht verboten, gespielt wird auf Topniveau aber mit einem Gemisch aus Carbon, Aramid und Glasfaser. In Deutschland sind Adidas, Malik und TK die wichtigsten Anbieter, gefertigt wird heutzutage hauptsächlich in China, das Pakistan den Rang abgelaufen hat.

Wer wie Lena Micheel einen Ausrüstervertrag abgeschlossen hat, der ist verpflichtet, in jedem Jahr mit der aktuellen Kollektion zu spielen. Bei ihren ersten Olympischen Spielen wird sie mit dem Modell „Fabela Kromaskin 2“ agieren, das laut Listenpreis 310 Euro kostet. Die Torjägerin hat pro Jahr ein festes Budget zur Verfügung, aus dem sie ihre Ausrüstung zusammenstellen kann. Drei Schläger pro Saison erhält sie, was dazu führt, dass sie zu ihrem wichtigsten Werkzeug keine so innige Beziehung aufbaut wie beispielsweise Biathleten zu ihren Waffen, die oft Namen erhalten und manchmal sogar mit ins Bett genommen werden.

Micheel lebt in Hamburg in einer Einzimmerwohnung

Sie lagert die Schläger in ihrer Einzimmerwohnung im Stadtteil Fuhlsbüttel im Schuhschrank. Besondere Pflege hält sie nicht für notwendig; im Gegensatz zu Mitspielerinnen, die ihre Stöcke nach jeder Benutzung zum Trocknen in die Sonne oder einen geschützten Raum legen.

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Besonders wichtig ist ihr, dass ihr 585 Gramm schweres und 95,25 Zentimeter langes Sportgerät einen tieferen Schwerpunkt als durchschnittliche Schläger hat. „Das ist notwendig, da ich bei Strafecken schlage und deshalb einen kopflastigen Schläger bevorzuge, um mehr Härte in den Schlag zu bekommen“, sagt sie.

Vizeeuropameisterin nimmt alle drei Schläger mit

Andererseits dürfe sich der Schläger auch nicht wie ein Klotz in der Hand anfühlen, „weil sonst das Gefühl im Dribbling nicht optimal ist“. Um den perfekten Griff kümmert sich Lena Micheel persönlich, indem sie alle drei bis vier Wochen das Griffband erneuert – in zwei Schichten am oberen Ende des Stocks, dazu kommt eine Schicht am unteren Ende, wo sie den Stock führt.

Zu jedem Spiel trägt die Vizeeuropameisterin von 2019 und 2021 ihre drei Schläger mit sich. Dass sie während einer Partie wechselt, kommt so gut wie nie vor. Einmal jedoch hatte sie aus Versehen den Stock einer Mitspielerin gegriffen, die das gleiche Modell benutzt. „Das ist uns aber recht schnell aufgefallen, man kennt seinen eigenen Schläger eben doch“, sagt sie.

Lena Micheel steht nicht auf Markenfetischismus

Einen Schlägerbruch hat sie noch nicht erlebt, „einmal ist mir aber ein Stück aus der Keule herausgebrochen. Und manchmal brechen innen Teilchen ab, die kann man aber ganz einfach ausschütten, indem man den Schläger am Kopf aufschraubt“, sagt sie. Die gebrauchten Schläger einer abgelaufenen Saison kommen nicht in den Müll, sondern werden gespendet und weiterverwendet, vorrangig über soziale Projekte im Ausland.

Lena Micheel ist das wichtig, denn mit dem Markenfetischismus, der in Deutschland schon bei Kindern oft ausgeprägt ist, kann sie wenig anfangen. „In der Jugend habe ich am liebsten mit dem Modell ‚Dita Banana Bow‘ gespielt. Aber ein Schläger muss nicht mehrere Hundert Euro kosten, um viel wert zu sein“, sagt sie. Entscheidend ist, dass das Gefühl stimmt.

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