Box-Brüder im Interview

„Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration“

| Lesedauer: 15 Minuten
Björn Jensen
Robert (l.) und Artem Harutyunyan leben seit 1991 in Hamburg.

Robert (l.) und Artem Harutyunyan leben seit 1991 in Hamburg.

Foto: Witters

Artem und Robert Harutyunyan über Alltagsrassismus, Stolz auf ihre Herkunft und Dankbarkeit, in Deutschland verwurzelt zu sein.

Hamburg. Seine aktive Karriere hat Robert Harutyunyan 2019 beendet, dennoch gibt es den 31-Jährigen weiterhin nur im Doppelpack mit seinem Bruder Artem (30). Als Sportdirektor kümmert sich der Ältere der beiden Hamburger um Planung und Struktur im Profiboxstall Universum, während der Jüngere sich an diesem Sonnabend (19.30 Uhr/bild.de) im Universum-Gym an der Großen Elbstraße als Zugpferd seines Stalls beweisen und seinem großen Ziel ein Stück näherkommen möchte.

Das Duell mit Wladislaw Melnyk (22/Ukraine) ist für ihn das erste in einer neuen Gewichtsklasse. Im Abendblatt sprechen die Brüder aber auch über Themen, die sie abseits des Rings bewegen.

Hamburger Abendblatt: Artem, Sie haben wegen eines komplizierten Bruchs in der linken Mittelhand seit 15 Monaten nicht geboxt. Deshalb eine banale und dennoch wichtige Einstiegsfrage: Wie geht es Ihnen?

Artem Harutyunyan: Danke, bestens. Ich habe eine Titanplatte in der linken Hand, denn es war ja bereits der zweite Bruch. Aber alles ist sehr gut verheilt, deshalb bin ich sehr optimistisch, dass ich einen guten Kampf bieten kann. Ich freue mich riesig auf mein Comeback.

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Die Hände sind des Boxers wichtigste Körperteile. Sind sie kaputt, kann das auch mental belastend sein. Haben Sie das in der Vorbereitung gespürt?

Artem: Ich denke immer positiv, deshalb habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Es ist wichtig, sich keine Schranken im Kopf aufzubauen. Ich konnte im Training mit voller Kraft schlagen. Alles gut also.

Nach 15 Jahren im Halbweltergewicht boxen Sie künftig im Leichtgewicht. Was war der Grund für den Abstieg?

Artem: Es ist zwar gewichtstechnisch ein Abstieg, für mich aber ein Aufstieg. Ich habe eine neue Herausforderung gesucht, auch weil im Leichtgewicht in den USA die Superstars zu finden sind. Für mich ist das ein Test, ich will mich selbst auf die Probe stellen. Mein Ziel ist es, in Amerika gegen die Besten anzutreten. Die Chance sehe ich im Leichtgewicht als größer an. Deshalb der Wechsel. Körperlich war das gar kein Problem.

Unter welchem Namen werden Sie am Sonnabend in den Ring steigen?

Artem: Natürlich unter meinem Geburtsnamen. Aber ich kann mir vorstellen, warum Sie fragen.

Nach Ihrem ersten Live-Kampf im ZDF im November 2019 gab es großen Aufruhr, weil es hieß, der Sender habe Sie aufgefordert, aus Gründen der besseren Vermarktbarkeit Ihren Namen zu ändern. Was ist damals wirklich gewesen?

Artem: Ich möchte kein altes Feuer neu entfachen. Aber Fakt ist, dass es diese Forderung gab, und sie hat mich emotional sehr getroffen und verletzt. Ich war vier Jahre bei der Bundeswehr, habe zehn Jahre in der deutschen Nationalmannschaft geboxt. Und dann soll ich plötzlich meinen Namen ändern, weil ich sonst nicht als Deutscher wahrgenommen würde?

Ihr Promoter Ismail Özen-Otto hat dem ZDF deshalb Rassismus vorgeworfen. Würden Sie auch so weit gehen?

Artem: Nein, dieses Wort haben Ismail und ich nie in den Mund genommen, das wurde in den Medien leider falsch dargestellt. Für mich war es Intoleranz. Deutschland ist so international geworden in den vergangenen Jahren, da sollte niemand so engstirnig sein und wegen eines Namens Integrationsfähigkeit oder Vermarktbarkeit anzweifeln.

Aber es gibt, gerade im Boxen, doch eine Reihe an Kämpfern, die ihre Namen geändert haben, um in Deutschland besser vermarktbar zu sein. Adnan Catic, der sich Felix Sturm nannte. Avetik Abrahamyan, aus dem Arthur Abraham wurde. Warum kam eine Änderung für Sie nicht infrage?

Artem: Jeder muss das selbst entscheiden dürfen, und ich respektiere es, wenn andere das für richtig halten. Für Robert und mich kam eine Namensänderung aber aus mehreren Gründen nie infrage. Zum einen, weil wir im Amateurboxen mit unseren Namen so bekannt geworden sind, dass wir gemerkt haben, dass unser Name kein Problem ist. Wir haben uns so gut vermarktet als Harutyunyan-Brothers, dass unser Name im Sport, aber auch in der Wirtschaft und der Politik bekannt ist. Die Aussprache macht sicherlich manchen Schwierigkeiten, aber das ist dann eben der erste Kampf, den man mit uns bestehen muss. Zum anderen gebieten es die Liebe und der Respekt unseren Eltern gegenüber, die uns diese Namen gaben, sie nicht zu ändern.

Robert, ist Ihre Standhaftigkeit ein Zeichen dafür, dass es heute Normalität sein sollte, dass ein Deutscher Harutyunyan heißt?

Robert Harutyunyan: Auf jeden Fall. Wir sind Deutsche und sind diesem Land sehr dankbar dafür, dass es uns das gegeben hat, was wir heute haben. Aber wir sind auch stolz auf unsere Herkunft, die wir niemals leugnen wollten und werden. Auch wenn wir beide nur ein einziges Mal nach unserer Flucht in Armenien waren, spüren wir eine Verbundenheit mit unserer Heimat, die uns wichtig ist. Wir wollen als Beispiel dafür dienen, dass man es schaffen kann, sich selbst treu zu bleiben und sich trotzdem zu verändern.

Sie kamen 1991 als Kleinkinder mit Ihren Eltern aus Armenien nach Hamburg. Ohne Geld, ohne Sprachkenntnisse, in eine andere Kultur. Was war für Sie der wichtigste Faktor dafür, in Deutschland anzukommen?

Robert: Dass wir die Sprache gelernt und uns integriert haben. Das sagen wir auch all den Menschen, die in diesen Zeiten als Flüchtlinge herkommen. Man muss bereit sein, sich für die neue Heimat zu öffnen. Niemand darf seine Kultur, seine Herkunft vergessen. Aber der Wille, sich zu integrieren, sich anzupassen, der ist wichtig. Und Sprache ist der Schlüssel. Unsere Eltern haben mit uns zu Hause Armenisch gesprochen, aber sie sagten immer: Wenn ihr draußen seid, sprecht Deutsch. Und das haben wir getan. Heute sprechen wir auch Englisch und verstehen Russisch.

Artem: Wir kamen, wie die meisten Flüchtlinge heute auch, mit nichts nach Deutschland. Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückschaue, dann kann ich mit gewissem Stolz sagen: Wir haben die Schule abgeschlossen, für Deutschland geboxt, ich habe Olympiabronze gewonnen, bin von der Stadt Hamburg und unserem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck mit Ehrenpreisen ausgezeichnet worden. Bei unseren Eltern in der Wohnung hängt ein Bild, das mich mit Angela Merkel zeigt, von ihr signiert. Das haben wir gemeinsam geschafft. Und wir möchten allen, die in dieses Land kommen, sagen: Das könnt ihr auch schaffen!

Was ist der wichtigste Rat, den Sie Zuwanderern geben?

Robert: In erster Linie, dass sie vernünftig sein und sich hier an alle Regeln und Gesetze halten sollen. Damit vermeidet man Probleme. Und in zweiter Linie, dass sie wissbegierig und fleißig sein müssen, sich nicht auf die faule Haut legen und nur fordern dürfen, sondern der Gesellschaft etwas zurückgeben sollten. Einen Mehrwert für alle schaffen mit dem, was man tut, das ist wichtig.

Artem: Unsere Eltern waren immer bestrebt, selbstständig zu sein, unabhängig vom Staat. Und sie haben uns Offenheit gelehrt gegenüber Neuem und Fremden. So haben wir gelernt, was wichtig ist in einer Gesellschaft.

Große Teile der deutschen Gesellschaft tun viel für Integration von Flüchtlingen, andere wiederum machen es Fremden schwer. Wie oft erleben Sie das, was man mit dem hässlichen Wort Alltagsrassismus meint?

Artem: In Hamburg ist das sehr selten, die Stadt ist einfach sehr weltoffen und tolerant. In Schwerin, wo wir sechs Jahre gelebt haben, war das etwas anders. Da gab es öfter mal einen Spruch. Wenn wir zum Beispiel mit unseren Trainingsklamotten mit dem Bundesadler drauf durch die Stadt gingen, hieß es: „Nimm mal den Adler runter.“

Wie haben Sie darauf reagiert?

Robert: Da standen wir drüber. Das waren manchmal Typen, die jünger waren als wir. Da haben wir geantwortet, dass wir schon länger in Deutschland leben als die. Manchmal haben wir den Leuten auch erklärt, wo wir herkommen und was wir erreicht haben, dann war alles gut. Und manchmal gab es einen Spruch zurück, im Sinne von „Hol du dir erst mal selber einen Adler auf die Brust.“ Aber es ist zum Glück nie eskaliert.

Artem, als Sie sich 2015 als Weltmeister der halbprofessionellen Serie APB für Rio qualifizierten und dann 2016 Olympiabronze gewannen, war Ihre Geschichte ein großes Thema in den Medien, Sie beide wurden als Botschafter für Integrationspolitik zu vielen Podiumsdiskussionen eingeladen. Man hat das Gefühl, dass das abgeebbt ist. Engagieren Sie sich noch, oder würden Sie gern mehr tun?

Artem: Wir kümmern uns noch immer sehr um das Thema, aber es könnte nicht schaden, wenn wir noch mehr eingebunden würden.

Robert: Wir sind jederzeit bereit zu helfen. Wer Rat braucht, bekommt ihn gern. Aber wir sind keine Politiker und wollen es auch nicht werden. Wir haben unsere Jobs und versuchen auf dem Weg, uns einzubringen.

Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach, der auch Ihre Eltern die Flucht ergreifen ließ, ist aufgeflammt. Wie geht es Ihnen, wenn Sie in den Nachrichten die Bilder sehen?

Artem: Es ist furchtbar, dass mehr als 30 Jahre nach unserer Flucht dieser Konflikt immer noch ungelöst ist und so viel Leid über die Menschen bringt. Wir haben noch Verwandte in Armenien, mein Trainer Artur Grigorian stammt aus der Region, deshalb bekommen wir viele schlechte Nachrichten mit. Es ist wirklich traurig und sollte nicht sein. Es sollte Frieden herrschen.

Robert, Sie haben selbst erlebt, wie tief der Hass zwischen Armenien und Aserbaidschan sitzt. 2015 sollten Sie in Aserbaidschans Hauptstadt Baku zur Olympiaqualifikation antreten und haben verzichtet, aus Angst um Ihr Leben. Was war passiert?

Robert: Man konnte mir vonseiten des deutschen Verbands meine Sicherheit nicht garantieren. Olympia war immer mein großer Traum. Aber mein Leben dafür zu riskieren, dazu war ich nicht bereit. Also haben wir beschlossen, dass ich nicht nach Baku reise. Der Verband hat mich dann als Trainer für Artem mit nach Rio genommen. Damit war das Thema für mich erledigt.

Der Sport schmückt sich gern mit dem Ruf, zu einen und zur Völkerverständigung beizutragen. Aber bei diesem Konflikt scheint auch er machtlos.

Robert: Nein, es ist die Politik, die spaltet. Wir Sportler untereinander haben uns immer gut verstanden. Armenier und Aserbaidschaner haben Umkleiden geteilt, und wenn jemand Gummibärchen hatte, hat er dem anderen davon abgegeben. Der Sport verbindet, das zeigen wir ja auch im Universum-Stall.

Tatsächlich ist Ihr Promoter türkischer Kurde, die Türkei ist als Bruderstaat Aserbaidschans ein Erzfeind Armeniens, der von Türken verübte Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg war einer der ersten systematischen Genozide des 20. Jahrhunderts. Senden Sie mit Ihrer Zusammenarbeit ein bewusstes Zeichen?

Artem: Auf jeden Fall! Genauso wie unsere Beziehung mit Ismail und anderen türkischen Sportfreunden könnte die Beziehung zwischen den Nationen sein. Aber das ist meine Sicht als Sportler. Mir ist das Menschliche wichtig, deshalb halte ich mich auch aus Politik heraus.

Es hieß bei Ihrem Wechsel ins Profilager, Sie müssten in die USA gehen, da Ihre Gewichtsklasse in Deutschland zu uninteressant sei. Sind Sie heute mit Ihrer Entscheidung zufrieden?

Artem: Absolut. Es gab Angebote aus den USA. Aber wir haben uns bewusst für Deutschland entschieden, wollten hier etwas aufbauen. Dass ich innerhalb von vier Jahren den Schritt zum WM-Kandidaten bei den Profis geschafft habe, zeigt mir, dass wir damit richtig lagen. Und für die großen Kämpfe kann ich immer noch in die USA gehen und trotzdem in Hamburg leben. Und ich kann versprechen, dass ich keine Gnade zeigen und keine Rücksicht nehmen werde, um mein Ziel zu erreichen. Mein Ziel ist klar: Ich möchte alle Titel vereinigen und der Beste der Welt werden. Es klingt vielleicht utopisch, aber man kann alles schaffen, wenn man es will. Robert und ich sind dafür doch gute Beispiele.

Robert, warum wird Artem das Ziel, der Beste zu werden, erreichen?

Robert: Weil er das Zeug dazu hat. Er war Weltmeister der APB, hat Bronze bei Olympia geholt. Er hat bereits Geschichte geschrieben. Artem ist für Größeres bestimmt. Er kann, er will und er wird Weltmeister werden.

Und wie oft juckt es Sie noch in den Fäusten, es auch noch einmal zu wagen?

Robert: Immer wenn ich Artem im Sparring sehe, dann vermisse ich das Boxen. Wir machen regelmäßig Partnerübungen. Aber ich habe mich für den neuen Weg entschieden und mich gut reingefuchst. Meine Aufgabe ist es jetzt, die Strukturen zu optimieren und unseren Sportlern die bestmögliche Unterstützung zu geben. Artem und ich hatten immer das Ziel, es gemeinsam nach oben zu schaffen. Wir arbeiten weiterhin gemeinsam daran, unserem Namen Ehre zu machen.

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