Profisport in Pandemie-Zeiten

EM-Teilnehmerin Lucht: „Judo ist kein Superspreader-Sport“

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Björn Jensen
"Wenn die Regeln befolgt werden, die in der Blase gelten, dann fühle ich mich wirklich sicher", sagt Schwergewichtlerin Renée Lucht über Kontaktsport in Zeiten der Corona-Pandemie.

"Wenn die Regeln befolgt werden, die in der Blase gelten, dann fühle ich mich wirklich sicher", sagt Schwergewichtlerin Renée Lucht über Kontaktsport in Zeiten der Corona-Pandemie.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Die Hamburgerin Renée Lucht hofft bei der EM in Portugal auf die Finalrunde und funktionierende Hygienekonzepte.

Hamburg. Wie es sich anfühlt, Teil eines Superspreading-Events zu sein, diese Erfahrung kann Renée Lucht als gemacht verbuchen. Ende März war das, beim Judo-Grand-Slam in Georgiens Hauptstadt Tiflis. Luise Malzahn, die wie die Hamburgerin am Olympiastützpunkt Berlin trainiert, musste wegen eines positiven Corona-Tests isoliert werden.

Mit ihr diejenigen, die als Kontaktpersonen galten, und zu denen zählte auch Renée Lucht. „Zum Glück musste ich nur zwei Tage im Hotelzimmer bleiben, dann war ein weiterer Test bei mir negativ und ich durfte das Land verlassen“, sagt sie. Andere hatten weniger Glück. Bis zu 50 Infizierte aus verschiedenen Nationalmannschaften soll es gegeben haben, das deutsche Team zog seine Teilnahme noch vor Turnierstart zurück.

Judo-EM in Portugal: Hamburgerin fühlt sich sicher

Am Donnerstag nun flog die Sportlerin von der HT 16 zum nächsten internationalen Großevent. In Portugals Hauptstadt Lissabon steht an diesem Wochenende die Europameisterschaft an, zu der knapp 400 Aktive aus 46 Ländern erwartet werden. Für die 22-Jährige ist es die erste Kontinentalmeisterschaft im Erwachsenenbereich, entsprechend hoch ist für sie der Stellenwert des Turniers. Aber wer glaubt, dass Renée Lucht angesichts der Erlebnisse der vergangenen Wochen mit Sorge auf die Matte gehen wird, der irrt. „Mir ist wichtig, dass Judo nicht das Image eines Superspreader-Sports angehängt bekommt“, sagt die Sonderpädagogikstudentin.

Das Problem in Tiflis sei gewesen, dass es vor dem Event ein großes internationales Trainingslager gegeben hatte, bei dem das Hygienekonzept anscheinend nicht so ernst genommen wurde, wie es bei Veranstaltungen unter der Ägide des Europa- oder Weltverbands passiert. „Wenn die Regeln befolgt werden, die in der Blase gelten, dann fühle ich mich wirklich sicher“, sagt Renée Lucht.

In Portugal, das vor wenigen Monaten noch Hochinzidenzgebiet war, die Lage aber mittlerweile unter Kontrolle gebracht hat, bedeutet das: Vom Flughafen direkt ins Hotel, von dort lediglich per Shuttle in die Wettkampfstätte, tägliche Tests und Kontakt abseits der Matte nur mit derselben Kleingruppe. „Etwas schade in einer Stadt wie Lissabon, aber es geht nicht anders, und ich finde das richtig, damit wir uns und alle anderen schützen“, sagt sie.

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Schließlich haben viele der EM-Teilnehmenden in diesem Jahr ein noch viel größeres Ziel. Lucht, die im Schwergewicht über 78 Kilogramm startet und am Sonntag zum Auftakt auf die Ukrainerin Ruslana Bulawina trifft, ist für die Olympischen Spiele in Tokio (23. Juli bis 8. August) nicht eingeplant.

Es müsste schon sehr viel zusammenkommen, dass sie anstelle der bislang nominierten Jasmin Grabowski (29/Zweibrücken) nach Japan reisen dürfte. „Für mich geht es darum, so viele Erfahrungen wie möglich zu sammeln“, sagt sie. Die WM in Wien im September könnte infrage kommen, doch so weit will die 1,72 Meter große Absolventin der Eliteschule des Sports am Alten Teichweg aktuell gar nicht in die Zukunft denken.

Was zählt, ist das Hier und Jetzt. Anfang März schaffte Renée Lucht, die als Vierjährige beim Bramfelder SV mit dem japanischen Kampfsport begann, beim Grand-Slam-Turnier in Taschkent (Usbekistan) mit Rang sieben das beste World-Tour-Resultat ihrer noch jungen Karriere. „Das hat mir gezeigt, dass ich auf einem guten Weg bin“, sagt sie. Das Corona-Jahr, in dem seit März 2020 bis zum Event in Taschkent kein Wettkampf möglich war, hat sie genutzt, um im Kraftraum Muskelmasse aufzubauen, die sie benötigt, um ihre oft jenseits der 120 Kilogramm schweren Kontrahentinnen aushebeln zu können. Ihr Gefühl sage, „dass ich gewappnet bin, bei der EM die Finalrunde zu erreichen. An einem richtig guten Tag sollte das möglich sein.“ Vielleicht wird der Sonntag ja ein richtig guter Tag für Renée Lucht.

Judo-EM in Portugal: Deutsches Team startet mit Dämpfer

Nicht so gut lief es dagegen zum Auftakt am Freitag für die deutsche Mannschaft. Die zweite Hamburger Starterin Mascha Ballhaus (20/TH Eilbeck) bezwang in ihrem Auftaktkampf in der Klasse bis 52 Kilogramm zwar die Polin Agata Perenc, musste sich dann aber Gili Cohen aus Israel geschlagen geben.

Ebenfalls in die zweite Runde schaffte es Jana Ziegler (Potsdam/bis 57 kg). Maximilian Heyder (Bamberg/bis 66 kg), Annika Würfel (Rostock/bis 52 kg) und Pauline Starke (Hannover/bis 57 kg) scheiterten bereits an ihren Auftakthürden. Dario Kurbjeweit Garcia (bis 100 kg) vom Hamburger Judo-Team ist einziger Hamburger Starter. Sein Auftaktgegner ist am Sonntag der Ungar Zsombor Veg.

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