Sport in der Pandemie

Trotz Corona: Judo-Ass träumt weiter von Olympia

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Sebastian Stiekel
Giovanna Scoccimarro (l.) sitzt neben Anna Monta Olek beim Training im Olympiastützpunkt Niedersachsen in Hannover.

Giovanna Scoccimarro (l.) sitzt neben Anna Monta Olek beim Training im Olympiastützpunkt Niedersachsen in Hannover.

Foto: Giovanna Scoccimarro / dpa

Warum Giovanna Scoccimarro die Hoffnung nicht aufgibt, dass sie in Tokio gegen die Weltspitze antreten kann.

Hannover.  Diese Meldungen gingen kurz vor Ostern durch die Medien: Der Schwimm-Weltverband sagte eine Olympia-Qualifikation der Wasserspringer auch deshalb ab, weil er die Corona-Schutzmaßnahmen in Tokio für unzureichend hielt. Der Deutsche Judo-Bund zog seine Athleten von einem wichtigen Turnier in Tiflis ab, weil es zuvor in einem internationalen Trainingslager zahlreiche Corona-Fälle gab.

Giovanna Scoccimarro war davon auch betroffen. Die deutsche Judo-Hoffnung, die am Olympiastützung Hannover trainiert und für den MTV Vorsfelde in Wolfsburg kämpft, flog an einem Mittwoch nach Georgien und am Samstag nach mehreren Corona-Tests gleich wieder zurück. Die Junioren-Weltmeisterin von 2017 kennt die Risiken: „Wir sind eine Kontaktsportart. Bei wenigen Sportarten kommt man sich so nah wie bei uns.“ Und sie kennt auch alle Fragen, die sich daraus ergeben: Wie will man mitten in einer Pandemie möglichst gefahrlos ein Großereignis wie Olympische Spiele organisieren? Und wie bereitet man sich über Monate auf den wichtigsten Wettbewerb seiner Karriere vor, wenn man nicht genau weiß, ob der überhaupt stattfindet?

"Ich möchte mir meinen Traum erfüllen"

Scoccimarro antwortet darauf trotz Tiflis und trotz des Virus: „Ich hoffe einfach nur: Die Spiele finden statt. An etwas anderes möchte ich gar nicht denken“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. „Die Wettkämpfe, die Reisen, die strengen Corona-Regeln für uns Sportler: Das ist einfach der Weg, den ich gehen muss, um mir meinen Traum zu erfüllen. Und das sind die Olympischen Spiele.“

Die 23-Jährige ist nicht ignorant. Sie ist ehrgeizig, fokussiert – ohne diese Eigenschaften könnte sie auf diesem Niveau nicht kämpfen. „Ich kann alle Bedenken verstehen“, sagte Scoccimarro. „Es ist absolut verständlich, wenn jemand sagt: Die trainiert mit 20 anderen Athleten auf einer Matte und ich muss genau abzählen, ob ich meine Tante, meine Schwester oder meine Schwiegereltern treffe.“

"Olympische Spiele erlebt man vielleicht nur einmal im Leben."

Aber sie sagt auch: „Ich liebe meine Sportart. Olympische Spiele erlebt man vielleicht nur einmal im Leben. Du kannst es einmal schaffen - und vielleicht danach nie wieder. Ich will auch 2024 und 2028 dabei sein. Aber es kann eben auch sein, dass das nicht klappt. Dann schaut man später zurück, weiß genau, dass man sich einmal qualifiziert und alles dafür gegeben hat – und ausgerechnet diese Spiele fanden nicht statt. Dieser Gedanke ist doch frustrierend.“

Der deutsche Tischtennis-Star Timo Boll erzählte in einem dpa-Interview, dass er mit seinen 40 Jahren schon so viel erlebt habe in seiner Karriere. Das mache ihn im Umgang mit der Corona-Krise und ihren Folgen „bestimmt gelassener als einen jüngeren Sportler“.

Scoccimarro kann das bestätigen, für sie waren die vergangenen 13 Monate als Athletin ein ständiges Auf und Ab. Erst im März 2020 wurde sie zum ersten Mal in ihrer Laufbahn für die Olympischen Spiele nominiert. Nur drei Wochen später wurden die erst einmal abgesagt.

„Ich bin an dem Tag aus einem Trainingslager auf Lanzarote zurückgekommen“, sagte die EM-Zweite von 2017. „Nach der Landung kamen zwei Leute in Ganzkörperanzügen in das Flugzeug und sagten: Es ist eine Person an Bord, bei der ein Corona-Verdacht besteht. Der Mann wurde ausgerufen, hatte sich aber auch noch auf einen anderen Platz in unserer Nähe gesetzt. Uns wurde empfohlen, 14 Tage in Quarantäne zu gehen. Und dann kam auch noch die Info, dass die Olympischen Spiele abgesagt wurden. Für mich persönlich war das ein scheiß Tag.“

Bis zum Sommer durfte sie gar kein Judo betreiben

Bis zum Sommer durfte Scoccimarro wegen der Corona-Verordnungen gar kein Judo betreiben, danach begann die gesamte Olympia-Quali noch einmal von vorn. Bei der Europameisterschaft im November schied sie nach dem ersten Kampf aus, beim World Masters im Januar wurde sie dafür Dritte. Die Corona-Zeit erschwert ihr das Training, weil es weniger Trainingspartner gibt. Auf der anderen Seite ist es nicht von Nachteil, dass sie nun im Kraftraum und in der Halle mehr Platz hat.

Dreieinhalb Monate vor dem angepeilten Beginn der Olympischen Spiele am 23. Juli nimmt Niedersachsens beste Judoka vieles von dem in Kauf, was Olympische Spiele während einer Pandemie bedeuten würden: Dass es wahrscheinlich keine Zuschauer gibt. Dass die Frage nach einer möglichen Impfung der Sportler noch nicht geklärt ist. Dass auch jede Reise in dieser Zeit ein Risiko ist.

Nicht die Turniere sondern Trainingslager sind das Problem

„Ich habe schon Vertrauen in die Veranstalter“, sagte Scoccimarro. Selbst in Tiflis sei das Problem nicht das Turnier an sich gewesen, sondern die Bedingungen während eines Trainingslagers im Vorfeld.

Was dort und im türkischen Antalya an Wettkämpfen ausfiel, muss in den nächsten Wochen irgendwie kompensiert werden. Also flogen Scoccimarro und das deutsche Team am Dienstag in ein Trainingslager auf den Kanarischen Inseln und schieben im Mai noch ein großes Turnier in Russland in ihr Vorbereitungsprogramm hinein. Alles mit dem Ziel: „Olympia-Gold! Das ist der größte Traum, den man sich als Sportler erfüllen kann“, sagte Scoccimarro. „Ich will nicht nach Tokio fliegen und gleich den ersten Kampf verlieren. Das wäre die Hölle.“