Rückkehr im Lockdown

Der lange Weg über den Atlantik zurück in den Alltag

Lesedauer: 6 Minuten
Andreas Hardt
Catharina Streit, Stefanie Kluge, Timna Bicker und Meike Ramuschkat (v.l.) auf ihrem Ruderboot auf der Außenalster.

Catharina Streit, Stefanie Kluge, Timna Bicker und Meike Ramuschkat (v.l.) auf ihrem Ruderboot auf der Außenalster.

Foto: Andreas Laible

Im Winter 2019/20 ruderten vier Hamburgerinnen von La Gomera nach Antigua. Das Abenteuer hat ihre Leben nachhaltig verändert.

Hamburg. „Ich bin immer noch jeden Tag auf dem Meer, gedanklich“, gibt Stefanie Kluge zu. Die Bilder und Eindrücke der einmaligen Reise in einem Ruderboot von La Gomera nach Antigua, die sind eben ständig da. Die werden auch bleiben. Wahrscheinlich für immer. „Es ist ein Teil des Lebens geworden“, sagt auch Catharina Streit.

42 Tage und exakt 46 Minuten waren Streit (33), Kluge (52), Meike Ramuschkat (33) und Timna Bicker (28) unterwegs. Genau 2737 Seemeilen (5069 Kilometer) haben sie in ihrem Ruderboot Doris quer über den Atlantik zurückgelegt, haben Wellen, Wind, Seekrankheit und Einsamkeit getrotzt und dank Sonnenaufgängen, Delfinen und der unendlichen See einmalige Glücksgefühle erlebt, bevor sie am 23. Januar 2020 bei Sonnenaufgang den English Harbour auf der Karibikinsel erreichten.

Hamburgerinnen erleben Abenteuer ihres Lebens

Vier Frauen aus Hamburg und das Abenteuer ihres Lebens. „Doch, das hat Veränderungen hervorgerufen, die nachhaltig zu spüren sind“, erklärt Skipperin „Cätschi“ Streit. Mehr als 14 Monate nach der Ankunft hat sich tatsächlich einiges getan im Leben der vier. Aber nichts anderes war ja auch zu erwarten.

„Es ist viel passiert in diesem vergangenen Jahr, bei jeder“, sagt Kluge. Die gelernte pharmazeutisch-technische Assistentin ahnte ja schon vor ihrem Aufbruch auf den Atlantik, dass dieser Trip der Startschuss zu einem veränderten Leben sein könnte. „Ich muss jetzt etwas für mich tun“, begründete sie den Entschluss zum Einstieg in das Boot. Die Kinder sind erwachsen, eine latente Unzufriedenheit über den Job als Berufsschullehrerin nagte bereits an der Seele.

Kluge kündigte ihren Job

Im Oktober hat sie tatsächlich den Job gekündigt und zählt nun die letzten Wochen. Das Rudern hat sie intensiviert, arbeitet wieder als Trainerin, kümmert sich intensiv um die Mutter. Und hat auch schon Vorträge gehalten über das Leben auf dem Wasser und was man alles schaffen kann, wenn man will und muss. „Man weiß jetzt, dass noch viel mehr möglich ist als das, was man gerade zu leisten hat“, sagt sie.

Natürlich trifft sie sich mit Tochter Timna, soweit das die Corona-Regeln zulassen: „Wenn wir uns sehen, dann sagen wir uns oft: Hey, wir sind über den Atlantik gerudert!“ Für Timna steht eine noch größere Veränderung unmittelbar bevor: Mitte April wird ihr erster Sohn auf die Welt kommen. Ehemann Timo musste seine Frau kurz nach der Hochzeit abreisen lassen. „Umso mehr Zeit haben wir nach der Rückkehr für uns“, versprach ihm Timna damals. Nun sind sie bald zu dritt.

Streit zieht von Hamburg nach Salzburg

„Cätschi“ Streit ist dagegen bald zu zweit. „Ich ziehe im Juni nach Salzburg zu meinem Partner“ erzählt die Ur-Hamburgerin. Als Single ist die Leiterin Qualitätssicherung einer Kaffeerösterei im Oktober 2019 zur Atlantik-Überquerung aufgebrochen – und neben der Lebenserfahrung hat es ihr auch die Liebe gebracht. Mehr Gewinn geht ja nicht.

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Andreas Fankhauser traf sie vor und während ihrer Überfahrt. Der Österreicher war auf einer Begleitjacht tätig. Bei der Challenge 2020 bis 2021 war Streit dann selbst an Bord der „SY Skye“. „Das war eine ganz andere Perspektive. Ich konnte mich gut in die Lage der Sportler versetzen, wie die sich gerade auf dem Boot fühlen“, erzählt sie.

Rückkehr nach Hamburg im Lockdown

Die Rückkehr nach Hamburg allerdings war schwierig für sie, gibt Catharina zu. Mitten im ersten Lockdown ist sie gelandet. „Da bin ich in ein kleines Loch gefallen.“ Plötzlich ging nichts mehr. Anderthalb Jahre lang hatte sie viel organisiert, sich gekümmert, war vollauf mit dem Projekt beschäftigt. Und nun? Außer dem Job nichts mehr.

Schwierig, auch weil es nicht möglich war, Freunde und Familie zu treffen, die sie in der Vorbereitung und während des Rennens arg vernachlässigt hatte. „Ich hatte mich auf dem Boot schon darauf gefreut, die wahren Freunde wieder intensiver zu sehen, denen auch Dankbarkeit zu zeigen“, erzählt sie, „und das konnte gar nicht stattfinden. Das war alles hart.“

Kardiologin während Überfahrt als „Schiffsärztin“ tätig

Auch ihre beste Freundin Maike, mit der sie die Idee zu der Atlantik-Überquerung ausgebrütet hatte, tat sich schwer mit dem alten, neuen Alltag. Die Kardiologin, die während der Überfahrt auch als „Schiffsärztin“ tätig war, hatte Pro­bleme, wieder in Vollzeit in ihren Job einzusteigen. „Wir alle waren ein bisschen nachdenklich, was wir wollen“, sagt Streit. Maike Ramuschkat und ihr Freund Moritz, der am Anfang große Probleme hatte mit dem Abenteuer seiner Partnerin, wissen nun aber, was sie wollen: Im September wird geheiratet.

Geblieben ist die Lust der beiden Freundinnen auf extreme Herausforderungen. Vom 30. Mai an wollen sie gemeinsam mit ihren Partnern am „Tuscany Trail Race“ teilnehmen, 500 Kilometer von Massa nach Orbetello mit Fahrrad und Rucksack durch die Toskana – in kompletter Eigenregie und auf sich selbst angewiesen.

Auftritte der Hamburgerinnen durch Corona abgesagt

Der Kontakt zu Steffi Kluge und Timna Bicker ist etwas abgebrochen durch Corona. „Wir schreiben uns und chatten und schwelgen in Erinnerungen, mehr aber nicht.“ Auch die geplanten Auftritte bei öffentlichen Vorführungen des Dokumentarfilms „Wellenbrecherinnen“ von Guido Weihermüller sind dem Virus zum Opfer gefallen. Statt auf der großen Leinwand gibt es den Film bislang nur als Stream sowie als DVD. „Neulich habe ich den Film noch einmal angeschaut und wieder doll geweint“, sagt Catharina Streit. „Und ja: Ich würde es noch einmal tun.“

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