Weltreise mit Katamaran

In fünf Jahren um den Globus – und nun zurück in Hamburg

Die Norderstedterin Sarah von  Hardenberg und ihr Lebensgefährte Sven Erhorn haben nach ihrer fünfjährigen Weltumseglung mit ihrem Katamaran ,,Schironn'' im Hamburger Sportschiffhafen festgemacht.

Die Norderstedterin Sarah von  Hardenberg und ihr Lebensgefährte Sven Erhorn haben nach ihrer fünfjährigen Weltumseglung mit ihrem Katamaran ,,Schironn'' im Hamburger Sportschiffhafen festgemacht.

Foto: Jörg Riefenstahl

In einer dreiteiligen Serie berichten Sarah von Hardenberg und ihr Freund Sven Erhorn vom Abenteuer ihres Lebens.

Norderstedt. Wie eine überdimensionale Flunder liegt die ,,Schironn“ neben den blinkenden Yachten an den Landungsbrücken in Hamburg. Vor wenigen Tagen hat der grauschimmernde Katamaran im Hamburger City-Sporthafen zwischen Michel und Elbphilharmonie festgemacht. An Bord die Weltumseglerin Sarah von Hardenberg (37) aus Norderstedt, ihr Lebensgefährte Sven Erhorn (41), Weltumsegler aus der Gemeinde Rosengarten in Harburg. Und Bordhündin Odin, ein acht Monate alter Dingo aus einem Tierheim auf Sri Lanka.

Für Sarah und Sven geht in diesen Tagen ein Segelabenteuer zu Ende, das vor fünf Jahren auf Sizilien begann und das Paar auf mehr als 38.000 Seemeilen einmal rund um den Globus trieb. Die Fahrt führte sie entlang der sogenannten Barfußroute über den Atlantik in die Karibik nach Zentralamerika. Von dort ging es durch die Weiten des Pazifiks nach Asien, über den Indischen Ozean bis ins Rote Meer. Über den Suez-Kanal gelangten die Segler zurück ins Mittelmeer – und von dort aus wieder nach Hause.

Weltumsegler: wegen Corona-Krise drei Monate staatenlos

Die beiden erlebten Geschichten, die jedes Abenteurerherz höherschlagen lassen. Gegen Ende ihrer Seereise fand sich das Paar nach Durchqueren des Suez-Kanals drei Monate lang als Staatenlose in Europa wieder, da alle europäischen Grenzen wegen Covid-19 geschlossen waren. Neben fernen Ländern und tiefer Gastfreundschaft haben die Weltenbummler überdies hautnah erlebt, was Verschmutzung der Ozeane, fehlende Meeresschutzzonen, Überfischung und Überbevölkerung auf unserem Planeten bedeuten.

Sanft wiegt sich die ,,Schironn“ im Sporthafen. Bunte Fähnchen sind über die Toppen geflaggt – zu Ehren der 40 Länder, die Kapitänin Sarah und ihr ,,Admiral“, wie sie ihren Lebensgefährten hin und wieder gern nennt, mit ihrem Fahrtensegler bereist haben. Ihre Kajaks, mit denen sie zu so mancher Dschungelexkursion aufgebrochen sind, sind an der Reling und unter der Solaranlage am Heck des Schiffs verzurrt.

„Schironn“ hat vorher als Hausboot gedient

Das selbst gezimmerte Holzdach über dem Cockpit der ,,Schironn‘‘ ist reparaturbedürftig, die Außenhaut des Alu-Katamarans verwittert – Spuren einer Weltreise. Was niemand ahnt: Hinter den getönten Scheiben verbirgt sich im Rumpf des Schiffs ein gediegener Salon mit roten Lederfauteuils, Messinglampen und einer gemütlichen Innenausstattung mit verschwenderisch viel Teakholz.

Ein paar Muscheln, ein ausgeblichener Schildkrötenschädel schmücken ein kleines Regal. Mitbringsel der Seereise. An einer Wand hängen Hochseeangeln. Es riecht nach Meer und frisch gebrühtem Kaffee. ,,Das ist unser Salon de Paris“, schwärmt Sarah, der die Begeisterung über das Schiff auch nach fünf Jahren Weltumseglung ins Gesicht geschrieben steht. Zwei Niedergänge führen zu den beiden Schlafkojen mit Doppelbetten, zwei Bädern, einer kleinen Küche und einer winzigen Werkstatt. ,,Außen Panzer, innen,Bounty’, was willst Du mehr?“, frotzelt Sven, ein mit allen Wassern gewaschener Hamburger Jung mit Herz und Humor.

Rückblick, Frühsommer 2015: Sven, gelernter Elektrotechniker, arbeitet als Clubbetreiber auf der Reeperbahn. Sarah entwickelt als Magister-Ethnologin Pisa-Tests an einem internationalen Bildungsinstitut. ,,Ich hatte die Nase voll vom Nachtleben“, erzählt Sven. Als Sarahs Arbeitsvertrag für das Pisa-Projekt ausläuft, entschließen sich die beiden, ihren Traum von der Weltumseglung in die Tat umzusetzen.

Das junge Paar hat zum Beginn der Reise kaum Segelerfahrung – und von einem Atlantik-Törn trotz ruhigem Segelwetters auf einer Ketsch (Zweimaster) vor allem blaue Flecken davongetragen. ,,Als Langfahrtsegler kam für uns damit nur ein Katamaran infrage“, erinnert sich Sarah.

In Sizilien steht die „Schironn“ zum Verkauf. Ein interessantes Angebot. Als der Preis für das Schiff purzelt, düsen die beiden mit ihrem VW-Bus kurzentschlossen zur Mittelmeerinsel. ,,Es war das erste Boot, das wir uns angeschaut haben“, erzählt Sarah. Das Schiff, Jahrgang 1983, war bisher als Hausboot genutzt worden und macht einen soliden Eindruck. Der Preis ist günstig. Sarah und Sven machen den Kauf perfekt.

Meerwasserentsalzungsanlage Marke Eigenbau

Nur zwei Monate später – am 31. August 2015 – gehen die zukünftigen Weltenbummler im Hafen von Licata in Sizilien an Bord und nehmen mit ihrem Segelkatamaran Kurs auf Sardinien. Es folgen Mallorca, Cartagena, Gibraltar, Tarifa, Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria. ,,Das Segeln haben wir uns selbst beigebracht“, verrät Sven, der einen Sportbootführerschein, aber bis heute keinen Segelschein besitzt. Da es an Bord der ,,Schironn‘‘ keine Meerwasserentsalzungsanlage gibt, nimmt der findige Techniker die Sache selbst in die Hand: Auf Gran Canaria konstruiert er aus einer Hochdruckpumpe eine Entsalzungsanlage – und passt den Eigenbau mit einem Gewirr aus Kabeln und Schläuchen in einen der Schwimmkörper des Kat-Seglers ein. Für Trinkwasser ist gesorgt, die Vorräte sind verstaut, die Atlantiküberquerung kann beginnen.

Doch Sarah und Sven sind nicht allein: Zwei Freunde, Surflehrer Ralf und Jens (Name geändert), ein Vollblutsegler, gehen mit an Bord. Gut 3000 Seemeilen bis zum Ziel Barbados in der Karibik liegen vor ihnen.

Alles läuft gut – doch ausgerechnet Jens, der die jungen Leute mit seiner Erfahrung unterstützen sollte, bekommt Magenprobleme. Hat er sich zu viel zugemutet? Ist er seekrank? ,,Jens zeigte immer wieder auf seinen Blinddarm“, erzählt Sven. Per Satellitentelefon konsultiert der Skipper einen Arzt in Deutschland. Anhand der Symptome und einiger Tests, die Sven mit Jens durchführt, dürfte es eigentlich keine Blinddarmentzündung sein. Aber sicher ist sicher. ,,Wir schlugen Jens vor, ihn auf den Kapverdischen Inseln abzusetzen“, sagt Sarah. Doch Jens entscheidet sich, an Bord zu bleiben.

Januar 2016. Rund 400 Seemeilen westlich der Kapverden gerät die „Schironn“ in ein Unwetter. Sturmtief „Otto“ fegt mit 46 Knoten über den Atlantik, peitscht die „Schironn“ durch meterhohe Wellen. Unter Deck bereitet die Mannschaft Sushi-Röllchen zu, während Ralf draußen am Ruder steht. ,,Solange der Wind von hinten kommt, ist das für einen stabilen Katamaran kein Problem“, sagt Sven.

Doch der Sturm legt zu. Alle gehen an Deck, um die Genua, das Vorsegel, zu reffen. Jens wirkt angeschlagen. Hat er einen Seeschock erlitten? Mit vereinten Kräften gelingt es der Crew, das Segel über der tosenden See zu bergen. ,,Ralf, unser Surflehrer, saß wie versteinert auf dem Kapitänssitz und schaute wie gebannt auf den Windmesser, und sagte nur: 72 Knoten, 72 Knoten!“, erinnert sich Sven. 72 Knoten? Das bedeutet, dass der Sturm mit mehr als 130 km/h über das Schiff hinwegfegt.

Als Jens’ Schmerzen unerträglich werden, löst er die Seenotrettung in Bremen aus. Die setzen alle Hebel in Bewegung, den offenbar in Todesgefahr befindlichen Hamburger zu bergen. Doch die „Schironn“ befindet sich mitten auf dem Atlantik, gut 800 Kilometer westlich der Küste außer der Reichweite von Hubschraubern – und kein Schiff weit und breit. Bremen Rescue verständigt die französische Seenotrettung. Die bittet die „L’Adroit“, ein Patrouillenboot der französischen Marine, um Hilfe. Die ist ,,am nächsten‘‘ dran: Gut 600 Seemeilen – mehr als 1100 Kilometer – trennen die Schiffe voneinander.

Ein Mitreisender erkrankt unterwegs schwer

Die ,,L’Adroit“ ändert ihren Kurs und fährt mit voller Kraft der „Schironn“ entgegen. Zur Unterstützung entsendet die französische Marine von Dakar (Senegal) ein Suchflugzeug. ,,Es war unglaublich. Plötzlich tauchte das Militärflugzeug im Tiefflug über uns auf“, sagt Sarah. Der Pilot dreht ein paar Runden, nimmt Funkkontakt mit der Crew auf, will von Sarah alles über die Situation an Bord und den Zustand des Patienten wissen. Fast zwei Stunden dauert die Befragung aus der Luft. ,,Dabei war der Pilot unglaublich charmant“, so die Skipperin.

Anderthalb Tage dauert es, bis das 40 km/h schnelle französische Kriegsschiff mitten in der Nacht in der Dunkelheit näher kommt. ,,Wir mussten uns ruhig verhalten, alle Lichter löschen“, erzählt Sarah. ,,Wir saßen wie angewurzelt an Deck.“ Französische Marinesoldaten umrunden die „Schironn“ mit ihrem Schlauchboot mit aufgepflanztem Maschinengewehr, leuchten den Segler erst einmal mit Scheinwerfern ab.

Ein Ärzteteam der französischen Marine geht an Bord des Katamarans und kümmert sich um Jens. Die „L’Adroit“ bringt Jens in ein Hospital auf den Kapverden, wo er endlich medizinisch versorgt werden kann. ,,Es ist unglaublich, was Bremen Rescue international alles in Bewegung setzt, wenn es um Leben und Tod geht“, sagt Sarah.

,,Eine Weltumseglung ist nicht immer toll. Es ist eine harte Geschichte. Es gibt extreme Situationen, in denen Du Dich einfach durchbeißen musst. Das wird in gängigen Büchern von Weltumseglern gern weggelassen“, ergänzt Sven. Aber es gibt sie natürlich, die vielen positiven Erlebnisse. Beim Schnorcheln in der Karibik tauchen Sarah und Sven erstmals ein in die bunte Unterwasserwelt. Sarah, eine begeisterte Tierfotografin, gelingen tolle Aufnahmen. Sie besuchen die berühmten Pyramiden in Chichen Itza auf der Halbinsel Yucatan in Mexiko und sind fasziniert von der Kultur der Maya. In einem Fluss in Guatemala lebt das Paar eine Weile am Fuße des Urwaldes, in dem nachts die Brüllaffen toben. ,,Am Rio Dulce haben wir viele junge Segler aus Kanada, Schweden, Norwegen und Deutschland getroffen, die wie wir die Welt umsegeln wollten“, sagt Sarah.

Damit ihr Schiff schlanker, leichter und schneller wird, entfernen sie den alten Anstrich und zentimeterdicken Spachtel von der „Schironn“. Zum Vorschein kommt blankes Metall. ,,Die ,Schironn’ war alt, und man sah es auch“, sagt Sarah. ,,Danach haben alle gesagt, wow, das ist ja toll, alles aus Aluminium.“

Mit ihrem glänzenden Schiff machen sie sich auf Richtung Panama-Kanal. ,,Wir wussten, dass unterwegs vor Nicaragua Piraten lauern“, sagt Sven. Das gefährliche Gebiet mit Riffen und unzähligen kleinen Inseln umfasst etwa 100 mal 200 Kilometer. ,,Du musst im Bogen drum herum fahren“, sagt Sven. Doch ein Gewitter treibt den Kat direkt hinein in die kritische Zone. Weil die Entsalzungsanlage unterwegs zu viel Plastikmüll aufgesogen hatte, ist zu diesem Zeitpunkt das Trinkwasser knapp. ,,Wir haben tagelang die Reste aus dem Tank abgekocht und nur Tee getrunken“, erzählt Sven. Auf einer kleinen Insel suchen die beiden Schutz vor dem Unwetter. ,,Wir kamen näher. Ich sagte, wenn ich Pirat wäre, dann wäre das meine Insel. Und genau so war es“, sagt Sven.

Nicaragua: Flucht vor den Piraten

Am Ufer bewegen sich finstere Gestalten; Motorboote sind zu sehen. Sarah und Sven winken freundlich – aber niemand winkt zurück. Die Stimmung ist eisig. Sarah und Sven werfen ihren Plan über Bord, hier vor Anker zu gehen. Sie reparieren ihr Großsegel, werfen die Motoren an – und fahren wieder hinaus aufs Meer. „Als die Piraten sahen, was wir vorhatten, sprangen sie in ihre Boote mit den Außenbordern und verfolgten uns“, sagt Sven. ,,Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Angst bekam“, sagt Sarah.

Die Männer in den Booten kämpfen sich näher und näher an sie heran. ,,Dann fiel auch noch einer unserer beiden Schiffsmotoren aus. Was tun? Ich hatte meine Schrotflinte geladen. Ich sagte mir, lieber ein gepflegtes Feuergefecht als aufgeben“, sagt Sven, der einen Jagdschein besitzt. Für Sarah gab es einen Platz an Bord, wo sie sich zur Not verstecken konnte. ,,Da fiel uns plötzlich ein, dass wir ja noch das Segel hatten. Wir dachten, damit sind wir vielleicht schneller“, sagt Sarah.

Die Gewitterfront drischt inzwischen mit 25 Knoten auf ihr Boot ein. Sie setzen die Genua. Der Katamaran nimmt Fahrt auf und pflügt kraftvoll durch die Wellenberge. Der Abstand zu ihren Verfolgern wächst. Glück gehabt: Bei so starken Wellen haben die Männer in ihren tänzelnden Booten mit den Außenbordern gegen die „Schironn“ keine Chance.