Corona-Folgen für den Sport

Hamburger Schwimmer gehen ohne Praxis in Kampf um Olympia

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Björn Jensen
Die Hamburger Olympiakandidaten Björn Kammann, Max Nowosad und Rafael Miroslaw (v.l.) in der Schwimmhalle am Olympiastützpunkt.

Die Hamburger Olympiakandidaten Björn Kammann, Max Nowosad und Rafael Miroslaw (v.l.) in der Schwimmhalle am Olympiastützpunkt.

Foto: Marcelo Hernandez

Die nationale Tokio-Qualifikation ist für die Athleten der erste Wettkampf seit rund eineinhalb Jahren.

Hamburg.  Erschreckend ist die Antwort, die Julia Mrozinski auf die Frage gibt, wann sie ihren letzten ernsthaften Wettkampf bestritten hat. Eine Leistungssportlerin, die das Ziel vorgibt, im Sommer an den Olympischen Spielen in Tokio teilzunehmen, sollte Datum und Resultat aus dem Ärmel schütteln können. Julia Mrozinski schweigt lange, weil sie in ihrem Gedächtnis kramt. Dann sagt sie: „Das müsste die deutsche Meisterschaft im August 2019 gewesen sein.“ Wer über von der Corona-Krise besonders benachteiligte Athleten berichten will, der landet unweigerlich bei den Schwimmern.

Auch wenn es kaum logisch erscheint, warum ein Sport, bei dem die Aktiven durch die Begrenzung ihrer Bahnen naturgemäß Abstand halten, von der Pandemie lahmgelegt werden musste, ist es ein Fakt, dass 2020 bis auf die International League of Swimming, die im Herbst die Weltelite für fünf Wochen in einer Blase in Budapest versammelte, kein internationaler Wettkampf stattfinden konnte.

National trafen sich vereinzelt einige Bundesstützpunkte zu Vergleichsrennen. Aber mit dem, was die Besten im Becken sonst gewohnt sind, hatte all das nichts zu tun.

Endlich soll Bewegung ins Wasser kommen

Umso größer ist die Erleichterung, dass am Osterwochenende nun endlich Bewegung ins Wasser kommen soll. Wobei Erleichterung der falsche Begriff ist angesichts dessen, dass die ersten Wettkämpfe gleichzeitig die wichtigsten des Jahres werden. In Heidelberg (3./4. April), Eindhoven (Niederlande), Magdeburg (beide 10./11. April) und Berlin (16. bis 18. April) haben die deutschen Topschwimmer die Chance, die Olympianorm zu knacken. Innerhalb von 15 Tagen gilt es also, die notwendige Leistung zu erbringen, um beim Karriere-Höhepunkt nicht nur Zuschauer zu sein.

Wie es funktionieren soll, nach gut eineinhalb Jahren ohne echten Leistungsvergleich in Topform zu sein, versucht Veith Sieber zu erklären. Der 41-Jährige, dessen Vertrag vor Kurzem entfristet wurde, ist seit 2017 Bundesstützpunkttrainer am Olympiastützpunkt in Dulsberg und damit verantwortlich für die Hamburger Elite, zu der auch Julia Mrozinski (21) gehört.

Alle zwei bis drei Wochen Wettkämpfe simuliert

„Wir haben alle zwei bis drei Wochen Wettkämpfe simuliert, um den Turnus beizubehalten, den die Gruppe von früher gewohnt war“, sagt er. Um das Gefühl zu vermitteln, nicht in einer gewöhnlichen Trainingssituation zu schwimmen, wurden eine Startanlage aufgebaut und diverse Kameras, die die Athleten von oben, von der Seite und unter Wasser aufnahmen.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

„Daraus haben wir viele Erkenntnisse gezogen. Weil wir das auch vor Corona schon praktiziert haben, war es für meine Gruppe auch nicht ungewohnt“, sagt Sieber. Vormachen will er sich jedoch auch nichts. „Natürlich ist das kein Ersatz für richtige Wettkämpfe.“ Zwar sei er der Überzeugung, dass seine Schützlinge physisch in einer vergleichbar guten Form sind wie vor einem Jahr, als die Tokio-Spiele um ein Jahr verschoben wurden.

Das Gewinnen fehlt

Mental jedoch gebe es kaum kalkulierbare Verwerfungen. Dabei sei das größte Manko nicht die fehlende Wettkampfhärte. „Was ihnen am meisten fehlt, ist das Gewinnen. Sie machen den Sport, weil sie sich mit Konkurrenz messen wollen. Immer nur gegen die eigenen Trainingsgefährten zu schwimmen kann dieses Gefühl nicht ersetzen. Es fehlt Belohnung für die harte Arbeit.“

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Aus Gründen der Trainingssteuerung hat Sieber mit seinem Team entschieden, Heidelberg auszulassen und nur in Eindhoven und Berlin anzutreten. „Über einen Zeitraum von sieben, acht Tagen Topleistung zu konservieren, das ist auch bei Olympia gefragt“, sagt er. Obwohl in anderen Bundesländern teilweise mehr möglich war als in Hamburg, bleibt er für die Ausscheidung optimistisch. „Die geforderten Normzeiten sind sehr sportlich, da muss vieles passen. Aber alle, die wir starten lassen, haben das Potenzial, es zu schaffen“, sagt er.

Veith Sieber denkt längst über 2021 hinaus

Neben Mrozinski, die über 100 und 200 Meter Freistil in jedem Fall für die Staffel infrage kommen dürfte, gehen aus Hamburg Hannah Küchler (18/50 und 100 m Freistil), Sonnele Öztürk (23/100 und 200 m Rücken), Rafael Miroslaw (20/100 und 200 m Freistil), Björn Kammann (19/100 m Schmetterling), Max Nowosad (26/100 und 200 m Freistil) und Silas Beth (17/400 und 800 m Freistil) auf Normenjagd. Die aus Syrien stammende Yusra Mardini (23) schwimmt außer Konkurrenz. Da sie für das Flüchtlingsteam des Internationalen Olympischen Komitees nominiert werden soll, muss sie keine Norm erfüllen.

Unterdessen denkt Veith Sieber längst über 2021 hinaus. Die aktuellen Olympiakandidaten bereiten ihm weniger Sorgen, „sie konnten immerhin komplett durchtrainieren. Im Vergleich zu den Nachwuchssportlern waren das Luxusprobleme, die sie hatten“, sagt er.

Wahrscheinlich keine Hamburger zur Altersklassen-DM

Weil Hamburg als letztes Bundesland erst in der vorvergangenen Woche Training für Landeskader wieder erlaubte, sind die Altersklassen der 10- bis 17-Jährigen seit einem Jahr nicht mehr unter Leistungssportbedingungen im Wasser gewesen. „Noch hat zwar niemand aufgehört. Aber in drei, vier Jahren, wenn wir feststellen müssen, dass dieses Jahr Trainingsrückstand nicht aufzuholen ist, wird uns das einholen“, sagt Veith Sieber.

Man versuche zwar gegenzusteuern. „Aber die Generation für die Spiele 2028 und 2032 macht mir große Sorgen, da verlieren wir gerade unsere Zukunft.“ Zur Altersklassen-DM werde man in diesem Jahr wahrscheinlich keine Hamburger entsenden, weil der Wettbewerbsnachteil gegenüber den Bundesländern, in denen Landeskader dauerhaft trainieren konnten, zu gravierend sei.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 89 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 78.830), 36 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 18), 1613 Todesfälle (+4). Sieben-Tage-Wert: 31,8 (Stand: Donnerstag).
  • Schleswig-Holstein: 118 neue Corona-Fälle (65.169), 29 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 8). 1636 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 21,2 (Stand: Donnerstag).
  • Niedersachsen: 372 neue Corona-Fälle (264.598), 19 intensivmedizinisch behandelte Covid-19-Patienten in Krankenhäusern, 5816 Todesfälle (+3). Sieben-Tage-Wert: 16,4 (Stand: Donnerstag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 22 neue Corona-Fälle (44.414), 6 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 0), 1179 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 8,8 (Stand: Donnerstag).
  • Bremen: 27 neue Corona-Fälle (27.841), 9 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 1), 490 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 21,3; Bremerhaven: 15,8 (Stand: Donnerstag; Bremen gibt die Inzidenz getrennt nach beiden Städten an).

Perspektiven sind das, die verheerend klingen. Seinen Optimismus will Sieber dennoch nicht aufgeben. „Wenn ich sehe, wie hart meine Gruppe arbeitet, dann weiß ich, dass es sich immer zu kämpfen lohnt.“ Zu kämpfen dafür, dass die Wettkämpfe, die kommen, Wettkämpfe sein werden, an die sich seine Aktiven gern und schnell erinnern.