HSV, FC St. Pauli – und dann kam ganz lange nichts. Jetzt will der FC Teutonia 05 Ottensen den Sprung zu den Profis wagen.

Die Saison 1974/75 erwies sich als eine richtungsweisende Spielzeit für den Hamburger Profifußball. Der HSV erreichte unter Trainer Kuno Klötzer Rang vier in der Bundesliga. Es war der Auftakt zur großen Zeit der fußballerischen Nummer eins der Stadt. Drei Meistertitel, zwei DFB-Pokalsiege, der Europapokal der Pokalsieger und der Europapokal der Landesmeister folgten bis 1987.

Den ewigen Underdog FC St. Pauli führte Trainer Kurt Krause in der Spielzeit 1974/75 in der neu geschaffenen 2. Bundesliga Nord auf den dritten Platz. Der knapp verpasste erstmalige Aufstieg in die Bundesliga wurde zwei Jahre später nachgeholt, und am 3. September 1977 schlugen die Kiezkicker den HSV im Volksparkstadion sensationell mit 2:0.

Aber noch etwas Bedeutendes geschah in der Saison 1974/75: Hamburg verlor endgültig seine dritte Kraft im Profifußball. Nach einem desaströs misslungenen Abenteuer stieg der HSV Barmbek-Uhlenhorst mit 500.000 ­D-Mark Schulden als Letzter aus der 2. Bundesliga Nord ab. Immerhin: Auf der Solidaritäts-Langspielplatte „Stars singen für BU“ trällerte Sänger Tony „Mein letztes Geld geb ich für Fußball aus“. Der kultige Song ist bis heute das BU-Vereinslied und die lebendigste Erinnerung an eine Zeit, in der in Hamburg drei Profifußballclubs spielten.

FC Teutonia 05 will den Sprung in den Profifußball wagen

Diese Zeit soll nun wiederkommen. 46 Jahre nach dem BU-Abstieg will der FC Teutonia 05 den Sprung in den Profifußball wagen. „Starke Vision: Wir beantragen die Zulassung für die Dritte Liga“, betitelte der aus 838 Mitgliedern (31 Jugendteams, sechs Herrenmannschaften) bestehende Fußballclub aus Ottensen seine Pressemitteilung und bekannte sich dazu, so schnell wie möglich in die 2008 als weitere Profi-Liga eingeführte eingleisige dritte Spielklasse aufsteigen zu wollen. Genauer gesagt „in spätestens zwei Jahren“.

Für den Club von der Kreuzkirche wäre dieser Schritt ein weiterer Meilenstein einer atemberaubenden Metamorphose: vom noch im Winter 2015 auf einem bei den Gegnern gefürchteten Grandplatz gegen den Abstieg aus der sechstklassigen Landesliga Hammonia kämpfenden Verein zum Proficlub nicht einmal eine Dekade später.

Teutonia 05 ist in Ottensen eine Institution

Dieser Weg ist maßgeblich verbunden mit Liborio Mazzagatti (47), einem eloquenten und ab und an heißblütigen Italiener. Mazzagatti ist in Ottensen aufgewachsen. Er spielte für Altona 93 und Ottensen 93. Bei Teutonia 05 war er schon so ziemlich alles. Als Trainer wurde er mal gefeuert, kam als Co-Trainer zurück, wurde 2018 stellvertretender Vorsitzender des Clubs und bekleidet mittlerweile auch die Ämter als Sportlicher Leiter und Geschäftsführer.

Teutonia 05 ist in Ottensen eine Institution, der Verein wurde vielfach für seine Stadtteil- und Integrationsarbeit ausgezeichnet, Bayerns Eric Maxim Choupo-Moting spielte fünf Jahre in Teutonias Jugend.

Attraktivität des Clubs wuchs

Als im Januar 2016 der neue Kunstrasenplatz eingeweiht wurde, wuchs auch die Attraktivität des Clubs. Mazzagatti nutzte den Moment mit seinen Mitstreitern, um eine ehrgeizige Vision mit Leben zu füllen. „Wir wollen uns hinter dem HSV und dem FC St. Pauli als dritte Kraft im Hamburger Fußball etablieren“, sagt Mazzagatti. Sportlich lief es schnell glänzend.

Nach dem Oberligaaufstieg 2017 setzte sich Teutonia sofort in der Spitzengruppe des Hamburger Oberhauses fest und stieg im Sommer 2020 (coronabedingt kampflos als einziges gemeldetes Team) in die Regionalliga Nord auf. Dort rangiert der von Ex-St.-Pauli-Torwart Achim Hollerieth (47) trainierte Aufsteiger seit dem zweiten pandemiebedingten Saisonabbruch mit erneuten Aufstiegschancen auf einem starken zweiten Tabellenplatz der Staffel Nord.

Eine Frage begleitet den Verein

Seitdem Teutonias Aufschwung immer neue Höhen erreicht, begleitet den Verein eine Frage: Wo kommt das Geld dafür her? Denn Visionen alleine steigen nicht auf. Die Fans des nur wenige Hundert Meter entfernt an der Adolf-Jäger-Kampfbahn kickenden Regionalliga-Staffelkonkurrenten und Lokalrivalen Altona 93 (der eigentlich selbst die Nummer drei in Hamburg sein will) taten ihre Meinung dazu vor dem Derby gegen Teutonia im Oktober 2020 kund.

„Øl statt Öl“ stand auf einem ihrer Plakate. Øl ist das dänische Wort für Bier, Öl eine Anspielung auf Teutonias Haupt- und Trikotsponsor Lukoil. Die Botschaft: Wir sind der linksalternative Club im Klassenkampf, ihr die von einem Ölgiganten gepimpten Neureichen. Mazzagattis Impulsivität kommt zum Vorschein, wenn das Thema Geld zur Sprache kommt.

„Die häufige Darstellung, dass uns ein milliardenschwerer russischer Mineralölkonzern mit Millionen vollpumpt, ist grundfalsch. Uns unterstützt eine Niederlassung von Lukoil – Lukoil in Deutschland – im Jugendbereich und im Herrenbereich, wie mittlerweile viele neu dazu gewonnene Sponsoren und Partner. In unserem Förderverein engagieren sich mehr als 20 Sponsoren“, stellt Mazzagatti klar.

Mazzagatti ärgert die immerwährende Skepsis

Auf Teutonias Webseite sind sie aufgeführt. Neben Luk­oil als Haupt- und Trikotsponsor befinden sich dort drei Premium-Sponsoren: Hansa Safety Services, Marine Hamburg und Finanzdienstleister Petingo. Unter den weiteren Partnern sind Namen wie BMW, REWE und die Rechtsanwaltskanzlei Hein.

Mazzagatti ärgert die immerwährende Skepsis durchaus. „So viele Menschen leisten hier so viel ehrenamtliche Arbeit, um Teutonia 05 nach vorne zu bringen. Viel Herzblut wird von allen Beteiligten in das Projekt gesteckt, unser gemeinsames Hobby. Wenn diese Zusammenarbeit unter Freunden so wackelig wäre, wäre dann nicht schon alles längst zusammengebrochen?“, fragt Mazzagatti rhetorisch. Und fügt hinzu: „Wir geben als gute Hamburger Kaufleute nur das aus, was wir auch einnehmen.“

Sein Standpunkt ist nachvollziehbar. Sportlich machte der FC Teutonia 05 in den vergangenen Spielzeiten sehr viel richtig. Zudem ist die Vision einer neuen dritten Kraft im Hamburger Fußball, die sich einen Platz im Profibereich erkämpft, sportlich sehr reizvoll. Einer von vielen Vorteilen könnte eine Kooperation des HSV und des FC St. Pauli mit Teutonia sein, um einigen Akteuren Spielpraxis nur eine Liga tiefer zu verschaffen. Bei diesen Aussichten nervt es Teutonias Verantwortliche, ständig kritisch beäugt zu werden.

Viele Visionäre sind gescheitert

Andererseits hat der Hamburger Amateurfußball in seiner Geschichte schon viele Träume von Visionären wie Seifenblasen zerplatzen sehen. Wenngleich häufig auf einem lokaleren Level. Man betrachte beispielsweise im vergangenen Jahrzehnt den VfL 93, den SC Poppenbüttel oder Germania Schnelsen.

Sportlichen Husarenritten mit dem Ziel Oberliga Hamburg (VfL 93, Poppenbüttel) oder in deren Spitzengruppe (Schnelsen) folgten heftige Abstürze in die Niederungen des Hamburger Fußballs. Das verbindende Element: In der Außenwirkung stand vor allem ein Macher für den Erfolg der Clubs.

Laut Mazzagatti ist dies bei Teutonia nicht so. Auch dem Gesamtverein drohe kein Schaden. „Natürlich werden wir uns weiter in der Jugendarbeit und für die Menschen in unserem Viertel engagieren, so wie es viele Vereine im Breitensportbereich tun“, verspricht Mazzagatti. Der Streit aus dem Mai 2019, als Teutonias Jugendabteilung sich in einem Brandbrief gegen eine zu starke Professionalisierung der Jugendabteilung wandte, ist längst beigelegt.

Identifikation und Arbeitseifer sind vorhanden

Aber ist die Debatte um mögliche Gefahren der Drittligapläne damit erledigt? Ein Blick in den „Saisonreport 3. Liga 2019/20“ zeigt, in welchen Größenordnungen sich Teutonia beim Sprung ins Profilager bald bewegen würde. 4,2 Millionen Euro gab jeder der 20 Drittligisten alleine für den Personalaufwand im Spielbetrieb aus. Drittligaspieler verdienen in der Regel also pro Jahr sechsstellige Summen.

Der Anteil der Gesamtaufwendungen pro Verein lag in der Saison 2019/20 bei 12,4 Millionen Euro, der Erlös nur bei 10,8 Millionen Euro. Macht im Schnitt pro Verein 1,6 Millionen Euro Verlust. Selbst wenn Teutonia sparsam haushaltet, liegen die Fragen nach der Finanzierung eines solch großen Unternehmens für einen kleinen Stadtteilclub auf der Hand. Sich in der Dritten Liga festzubeißen ist eine Herkulesaufgabe, die hohen finanziellen Einsatz und einen sehr langen Atem erfordert.

Am 23. Februar 2020 besiegte Teutonia 05 den TSV Sasel in der Oberliga Hamburg mit 1:0 – und stieg kurz darauf in die Regionalliga Nord auf.
Am 23. Februar 2020 besiegte Teutonia 05 den TSV Sasel in der Oberliga Hamburg mit 1:0 – und stieg kurz darauf in die Regionalliga Nord auf. © Andre Matz | Andre Matz

An Identifikation und Arbeitseifer mangelt es dabei nicht. „Die Leute hier bei Teutonia“, sagt der Administrative Leiter und Pressesprecher Deniz Ercin (23), „sind immer, wenn es möglich ist, für ihren Club im Einsatz und positiv verrückt. Deshalb trauen wir uns dieses Projekt zu.“

Eine geeignete Spielstätte ist notwendig

Ein Projekt, für das Teutonia viele Auflagen zu erfüllen hat. Drittligisten müssen, so will es das „DFB-Statut 3. Liga“, für die Lizenzerteilung sowohl ihre wirtschaftliche als auch ihre technisch-organisatorische Leistungsfähigkeit nachweisen. Auf den imposanten 117 Seiten des DFB-Dokuments finden sich Vorschriften zu Gewinn-und-Verlustrechnungen, einem durch einen Wirtschaftsprüfer testierten Jahresabschluss, Werbe- und Sponsorenverträgen (alle über 50.000 Euro müssen vorgelegt werden), vielen rechtsverbindlichen Erklärungen (beispielsweise die Einräumung des Rechts gegenüber dem DFB, Auskünfte über den Club vom Betriebsfinanzamt einzuholen) und eine ganze Menge mehr. Sprich: Der Verein wird finanziell auf Herz und Nieren geprüft.

Jedoch nicht nur das. Notwendig ist auch eine geeignete Spielstätte. Eine Stadionkapazität von 10.001 Zuschauern ist in der Dritten Liga vorgeschrieben. Weder das neue Stadionprojekt am Diebsteich für Altona 93, noch das Hoheluft-Stadion des Oberligisten SC Victoria (Kapazität jeweils 5000 Fans), in dem Teutonia aktuell seine Heimspiele austrägt, sind eine potenzielle Heimat in der Dritten Liga.

Club will den Bezug zu Hamburg nicht verlieren

Der eigene enge Platz an der Kreuzkirche (Kapazität etwas mehr als 1000 Zuschauer) sowieso nicht. Also schlossen die Teutonen eine Absichtserklärung für die Anmietung des Dietmar-Scholze-Stadions des VfB Lübeck (Kapazität 17.869 Zuschauer, 10.800 Plätze nutzbar) an der Lohmühle ab. Ab Sommer könnte Teutonia dort spielen, möchte aber lieber in Hamburg bleiben.

Die Stadionfrage ist neben dem sportlichen Reiz ein zentraler Anker in Teutonias Vision. Der Club will den Bezug zu Hamburg nicht verlieren – und darüber hinaus Vorreiter sein. „Wir machen das nicht nur für uns, sondern auch für Hamburg. Wenn es in Hamburg eine drittligataugliche Spielstätte geben würde, würden vielleicht auch andere unserer vielen tollen Hamburger Clubs ein Interesse daran haben, dort zu spielen und Hamburgs Fußball höherklassig vertreten“, sagt Mazzagatti.

Ein öffentliches Signal der Behörde gibt es bereits

Diese Spielstätte kann nach Stand der Dinge nur ein neues Stadion sein. Sowohl der HSV als auch der FC St. Pauli lehnten einen Untermieter Teutonia im Volksparkstadion beziehungsweise am Millerntor ab. Der HSV begründete dies damit, dass die Austragung externer Spiele einen Eingriff in den eigenen Trainingsbetrieb darstellen würde, der nicht kompensiert werden könnte.

Der Profitrakt, zu dem neben der Kabine auch der Athletikbereich und Physioräume gehören, müsste komplett geräumt werden. Der tägliche Trainingsbetrieb würde darunter leiden. Der FC St. Pauli äußerte sich offiziell nicht zu seiner Absage.

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Bei der Stadt Hamburg sind die Teutonen ebenfalls bereits vorstellig geworden, um sich über ein langfristig angelegtes Stadionprojekt für die Dritte Liga zumindest auszutauschen. „Ich befinde mich im regelmäßigen Kontakt mit Sportstaatsrat Christoph Holstein. Er ist sich der Problematik bewusst“, sagt Mazzagatti. Bezüglich der Stadionfrage setze man „ganz klar auf die Unterstützung der Stadt Hamburg“, hieß es bereits in der Pressemitteilung.

Ein öffentliches Signal der Hamburger Behörde für Inneres und Sport gibt es schon. „Wir haben mit dem FC Teutonia 05 über seine Pläne gesprochen. Dass der Verein den Aufstieg in die 3. Liga anpeilt, unterstreicht die Ambitionen des Sports in der Active City. Die Stadt unterstützt den Verein im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Wir sind weiterhin im Austausch“, so Behördensprecher Daniel Schaefer gegenüber dem Abendblatt. Teutonia wird aber noch einige dicke Bretter bohren müssen, bevor die verheißungsvolle Vision der neuen dritten Kraft im Hamburger Profifußball Wirklichkeit werden kann.