Laura Ludwig

Ein Trainingslager in Rio de Janeiro für Körper und Kopf

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Björn Jensen
Laura Ludwig (r.) mit ihrer Partnerin Margareta Kozuch am Strand von Ipanema in Rio de Janeiro, wo Ludwig 2016 Olympiagold holte.

Laura Ludwig (r.) mit ihrer Partnerin Margareta Kozuch am Strand von Ipanema in Rio de Janeiro, wo Ludwig 2016 Olympiagold holte.

Foto: PedroSerra

Die Beachvolleyballerin erklärt, warum sie sich trotz mancher Bedenken für ein zweiwöchiges Camp in Rio de Janeiro entschieden hat.

Hamburg. Neid oder Missgunst zu erzeugen mit dem, was sie tut, das liegt Laura Ludwig so fern wie Hamburg von Rio de Janeiro. Als Frohnatur ist Deutschlands beste Beachvolleyballerin zum Publikumsliebling geworden, sie versteht es meisterhaft, mit ihrer positiven Art Menschen für sich einzunehmen. Aber natürlich weiß die Hamburgerin, die seit einer Woche 35 Jahre alt ist, dass ihr aktueller Aufenthaltsort in der Heimat für Diskussionen sorgt. Mitten in einer Zeit, in der Deutschland unter dem zweiten harten Lockdown ächzt, hat Laura Ludwig mit ihrer Spielpartnerin Margareta Kozuch (34) ihr Trainingslager in Brasilien aufgeschlagen. In Ipanema, einem der schönsten Stadtviertel direkt am Atlantikstrand in der Olympia-Gastgeberstadt Rio, hat das HSV-Duo am vergangenen Sonnabend ein Apartment bezogen.

Mit dabei sind Cheftrainer Imornefe „Morph“ Bowes, der auch Ludwigs Partner ist, und eine Physiotherapeutin, am Sonntag fliegt noch Teampsychologin Anett Szigeti ein. Bei Temperaturen von 32 Grad, die sich angesichts der hohen Luftfeuchtigkeit im südamerikanischen Sommer wie weit über 40 Grad anfühlen, wird ein- bis zweimal pro Tag im Sand trainiert, dazu kommen Athletik- und Krafteinheiten. Harte Arbeit also, die noch bis zum Sonntag der kommenden Woche auf die beiden Athletinnen wartet.

8,5 Millionen Corona-Infektionen in Brasilien

Warum diese Arbeit angesichts der Nachrichten, die aus Brasilien (mehr als 8,5 Millionen Corona-Infektionen, rund 211.000 Todesfälle, Inzidenz rund 180) um die Welt gehen, ausgerechnet in Rio verrichtet werden muss, hat man sich auch im Deutschen Volleyball-Verband (DVV) gefragt. Bilder von überfüllten Stränden und Menschen, denen eine Schutzmaske im Gesicht offensichtlich zu warm ist, dazu die Nachrichten von einer in Manaus im Amazonasgebiet aufgetauchten Corona-Mutation – wohl ist nicht jedem im DVV bei der Auswahl des Camps. „Grundsätzlich war unsere Empfehlung, nicht so weit wegzufliegen. Ich gehe aber davon aus, dass sich Laura und Maggi an alle Regeln halten und vertraue ihnen“, sagt Niclas Hildebrand, Sportdirektor der Strandsparte im DVV.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Tatsächlich gibt es gute Gründe dafür, dass Ludwig/Kozuch dieses Vertrauen nicht nur verdienen, sondern die Reise absolut sinnvoll ist. „Wir können hier auf höchstem Niveau mit den besten brasilianischen Teams trainieren, und das unter den klimatischen Bedingungen, die uns im Sommer bei Olympia in Tokio auch erwarten“, sagt Laura Ludwig am Telefon. Der Strandabschnitt in Ipanema, an dem geübt wird, ist abgesperrt und wird nur von den Profisportlerinnen genutzt. Gegessen wird entweder im eigenen Apartment oder in Restaurants (die in Rio alle geöffnet sind), in denen sie in abgeschirmten Bereichen sitzen können. Eine brasilianische Managerin organisiert alles für die Gäste aus Germany, die sich vorab auch bei einem für zwei Monate in Rio einquartierten kanadischen Team über die aktuellen Umstände informiert hatten.

Eigene kleine Blase

„Wir haben uns hier unsere eigene kleine Blase geschaffen, halten uns an die Maskenpflicht und die Abstandsregeln“, sagt Laura Ludwig, die seit ihrem Olympiasieg 2016, damals noch an der Seite von Kira Walkenhorst (30), in Brasilien sehr bekannt ist. Der ursprüngliche Anlass der aktuellen Reise war eine gut dotierte Offerte für ein zur „Olympia-Revanche“ hochgejazztes Showmatch gegen das einheimische Topduo Agatha/Duda, das am Sonntag vor ihrer Abreise stattfinden und im brasilianischen Fernsehen live übertragen wird. Agatha hatte 2016 mit ihrer damaligen Partnerin Barbara das Olympiafinale gegen Ludwig/Walkenhorst verloren. „Man hat immer ein schlechtes Gewissen, in dieser Zeit in Risikogebiete zu reisen. Aber letztlich haben wir alle Fakten abgewogen und glauben, dass es die richtige Entscheidung war“, sagt Ludwig.

Ein gewichtiger Grund für diese Annahme ist die psychologische Komponente, nach Monaten im nassgrauen Hamburg wieder Sonne tanken zu können. Die Alternative wäre ein Trainingslager auf Fuerteventura gewesen, wo die anderen vier Nationalteams – Victoria Bieneck/Isabel Schneider bei den Frauen sowie Julius Thole/Clemens Wickler, Nils Ehlers/Lars Flüggen und Philipp-Arne Bergmann/Yannick Harms – aktuell schuften. „Aber ich habe eine besondere Verbindung zu Brasilien, war in den vergangenen Jahren immer hier und schätze die Lebensfreude der Brasilianer sehr. Ich bin sehr dankbar für dieses Privileg“, sagt Laura Ludwig, deren zweieinhalb Jahre alter Sohn Teo bei ihren Eltern in Berlin geblieben ist. „Für mich war das hart, aber Teo genießt es bei den Großeltern sehr, er hat nicht einmal Zeit, um mit uns zu telefonieren“, sagt sie.

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Die Sorge, sich in Übersee mit der noch weitgehend unerforschten CoronaMutante zu infizieren, schieben die beiden für die Ende Juli anstehenden Sommerspiele in Japans Hauptstadt bereits qualifizierten deutschen Topspielerinnen beiseite. Zum einen ist Manaus fast 3000 Kilometer von Rio entfernt, zum anderen versuchen sie, mit der Konzentration auf den Sport auch die Dauerpräsenz der Pandemie zu durchbrechen, was ihnen niemand verdenken dürfte. Eine Quarantäne ist für Profisportler während der Ausübung ihres Berufs bei der Rückkehr aus dem Ausland zwar nicht vorgeschrieben, allerdings müssen beide zwei negative Tests im Abstand von acht Tagen vorlegen, bevor sie wieder am Dulsberger Olympiastützpunkt in den Sand dürfen. „Wir werden alle Vorschriften befolgen und nach den zwei Wochen wissen, ob unsere Wahl richtig war“, sagt Laura Ludwig. Große Zweifel daran hat sie nicht.

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