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Lockdown: Neue Austrittswelle bei Hamburger Sportvereinen

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Alle Räder still. Fitnessstudios und Sporthallen sind in Hamburg bis auf Weiteres geschlossen. Das kostet viele Mitglieder.

Alle Räder still. Fitnessstudios und Sporthallen sind in Hamburg bis auf Weiteres geschlossen. Das kostet viele Mitglieder.

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa-tmn

Große Hamburger Clubs rechnen mit Verlusten von mehr als zehn Prozent. Auch die Fitnessstudios beklagen massive Abgänge.

Hamburg.  Den Sportvereinen und Fitnessstudios laufen in Zeiten des erneuten Lockdowns die Mitglieder in Scharen weg. Ließ die jüngste Bestandserhebung des Hamburger Sportbundes (HSB) diesen Trend erwarten, belegten die 29 Topsportvereine der Region (175.000 Mitgliedschaften) die zum Teil dramatische Entwicklung jetzt auf einer Pressekonferenz im Haus des Sports am Schlump mit aktuellen Zahlen.

Eine vollständige Erhebung steht aber aus. Der HSB hat diese für seine 822 Clubs für den Februar 2021 angekündigt. Zuletzt waren die Mitgliedschaften im Sportbund von 542.406 Ende Dezember 2019 zum Stichtag 1. Oktober 2020 auf 521.118 um 3,92 Prozent zurückgegangen. Als Sondereffekt zählt der Austritt des Hamburger Hochschulsports mit rund 10.000 Mitgliedern dazu.

Neue Austrittswelle bei Hamburger Sportvereinen

Gerade die großen Vereine mit mehr als 3000 Mitgliedern, die zudem eigene Sportanlagen und Kursräume unterhalten und vermieten, sind von der neuen Austrittswelle zum 31. Dezember personell und finanziell am stärksten betroffen. Diese Daten sind bisher nicht in die HSB-Statistiken eingegangen.

Ihre Mitgliederzahlen sinken zum Jahreswechsel um zehn bis zwölf Prozent, was jedoch unter dem Bundesschnitt für Großvereine von etwa 15 Prozent liegt. Deutschlandweit wird die Zahl der Mitgliedschaften in den rund 90.000 Vereinen um etwa drei auf 24 Millionen zurückgehen.

Hamburger Fitnessstudios verlieren mindestens 55.000 Mitglieder

Noch stärker als die Clubs trifft es die rund 300 kommerziellen Fitnessstudios der Stadt. Sie werden Stand jetzt Anfang 2021 mindestens 55.000 ihrer Mitglieder gegenüber dem Vorjahr verloren haben. Das entspricht einem Rückgang von 18,5 Prozent.

Auch die Lage beim Verein Sportspaß, der Ende 2016 aus dem HSB austrat, scheint bedrohlich. Den kostengünstigen Fitnessanbieter, immer noch Hamburgs größter Club aktiv Sporttreibender, sollen binnen eines Jahres rund 20.000 Sportlerinnen und Sportler verlassen haben. Genaue Zahlen liegen nicht vor, Insider gehen inzwischen aber von nur noch 41.000 Mitgliedern aus. Ende 2016 waren es 73.968.

Vereine rechnen mit 500.000 Euro Mindereinnahmen

Die Gründe sind für Vereine und Studios ähnlich. In diesem Jahr nahm zwar die Zahl der Austritte trotz monatelang fehlender Sportangebote nur moderat um zwei bis drei Prozent zu, die Eintritte blieben dagegen fast vollständig aus oder fielen überschaubar aus.

Sie aber glichen in den vergangenen 15 Jahren die Austritte stets mehr als aus, was seit 2005 zu steigenden Mitgliederzahlen im HSB und bei allen Hamburger Sportanbietern führte. Ulrich Lopatta, Vorsitzender des Walddörfer SV und Sprecher der Topsportvereine, fordert deshalb die Stadt auf, sofort eine stufenweise Wiederaufnahme des Sportbetriebs vorzubereiten, orientiert an den jeweiligen Inzidenzzahlen – erst draußen, dann drinnen. „Wir helfen dabei gern“, sagt er.

TSG Bergedorf: Mitgliederzahl ging um 12,1 Prozent zurück

Boris Schmidt ist geschäftsführender Vorsitzender der TSG Bergedorf, zugleich Vorsitzender des Freiburger Kreises, einer bundesweiten Vereinigung der Großvereine. In seinem Club gab es in diesem Jahr 1200 Austritte, 200 mehr als im vergangenen Jahr – jedoch rund 1000 Eintritte weniger. Die Mitgliederzahl ging dadurch um 12,1 Prozent zurück.

„Gerade der Lockdown in den Monaten November, Dezember und wohl auch noch im Januar trifft alle Vereine besonders hart“, sagt Schmidt. Dies sei der Zeitraum, in dem sich gewöhnlich die meisten Menschen zu einem Eintritt in einen Sportclub oder ein Fitnessstudio entschließen würden.

Doch Sporthallen, Spielflächen und Schwimmbäder sind geschlossen, nur draußen darf sich unter Einhaltung der Abstandsregeln auf öffentlichen Anlagen einzeln bewegt werden, nicht aber in Gruppen oder gar in Mannschaftsstärke.

Gleichbleibende Kosten bei weniger Umsatz

Die fehlenden Mitglieder wären für die Vereine noch zu verkraften, könnten sie gleichzeitig ihre Kosten reduzieren. In Zeiten des Lockdowns, wenn Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und die die Betriebskosten heruntergefahren werden, sei das möglich, sagt Schmidt.

Wenn der Sportbetrieb jedoch unter Einschränkungen wieder läuft wie im vergangenen Sommer, sei an der Kostenstruktur nur schwer etwas zu ändern: „Wenn ein Kurs dann mit 17 statt 20 Teilnehmern läuft, haben Sie dieselben Ausgaben für Trainer, Räume, Reinigung, aber drei Beitragszahler weniger.“

ETV rechnet mit Beitragsrückgängen von 180.000 Euro

Die Bergedorfer beziffern ihre Mindereinnahmen bei Beiträgen für 2020 auf 300.000 Euro und erwarten 2021 Ausfälle von 500.000 Euro. Ähnlich rechnet der Eimsbütteler Turnverband, der größte Topsportverein mit einem Jahresetat von 6,68 Millionen Euro (2019). Beitragsrückgänge 2020: rund 180.000 Euro, nächstes Jahr geschätzte 440.000.

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Dazu kommen Ausfälle beim Rehasport, bei Kursen von weiteren 260.000 Euro 2020, mutmaßlich 85.000 Euro 2021. „Wir brauchen von der Politik ein starkes Signal, wie uns langfristig geholfen werden kann. Die großen Probleme kommen erst noch auf uns zu“, sagt Schmidt. Sein Wunsch: Der Bund oder die Stadt sollten bis 2023 Zuschüsse von 50 Prozent der Einnahmeausfälle gewähren.

Topsportvereine: Sena hat schnell auf Nöte der Clubs reagiert

Bisher, darin sind sich die Topsportvereine einig, habe der Hamburger Senat schnell und unbürokratisch auf die Nöte der Clubs reagiert. Bisher wurden aus dem im November aufgelegten Nothilfefonds Sport 2 bereits 1.726.714,50 Euro an 64 Antragsteller ausgezahlt. Weitere 2,273 Millionen Euro stehen zur Verfügung. Im Frühjahr waren beim Nothilfefonds Sport 1 insgesamt 1,1 von fünf Millionen Euro abgerufen worden.

Dass die Stadt auch künftig helfen wird, hat Sportsenator Andy Grote (SPD) angekündigt. Angedacht sind unter anderem Förderprogramme zur Mitgliedergewinnung der Vereine.