Helga Cup in Hamburg

Kristina Vogel segelt für Frauen und Behinderte

| Lesedauer: 6 Minuten
Andreas Hardt
Kristina Vogel (29/l.) und Anastacia Winkel (26) trainieren auf der Außenalster für den Helga Cup inklusiv, der am Freitag beim Norddeutschen Regatta Verein (NRV) startet.

Kristina Vogel (29/l.) und Anastacia Winkel (26) trainieren auf der Außenalster für den Helga Cup inklusiv, der am Freitag beim Norddeutschen Regatta Verein (NRV) startet.

Foto: Sven Jürgensen

Die querschnittgelähmte Bahnrad-Olympiasiegerin tritt auf der Hamburger Außenalster beim Helga Cup inklusiv an.

Hamburg. „Als wir plötzlich ganz schräg im Boot saßen, habe ich schon gedacht: Oh, krass.“ Mit bis zu 29 km/h pustete der Wind über die Alster, da blähen sich schon die Segel, da neigt sich so ein Schiff ziemlich. Für einen Anfänger und eingestandene „Landratte“ wie Kristina Vogel kann sich das dann schon mal – sagen wir: ungemütlich anfühlen. War aber nicht. „Es war sehr cool“, sagte die zweimalige Olympiasiegerin nach ihrer ersten Trainingsstunde für den Helga Cup, „es hat wirklich sehr viel Spaß gemacht.“

Vogel ist Schirmherrin der ersten inklusiven Regatta im Rahmen des weltweit größten Segelevents für Frauen, das von Freitag bis Sonntag auf der Außenalster steigt. 44 Teams in der Klasse J/70 und sechs inklusive Mannschaften im SV-14 sind dann am Start. Wie kam die ehemalige Bahnradfahrerin denn dazu? „Ich bin vom Norddeutschen Regattaverein (NRV) gefragt worden, ob ich mir das vorstellen kann“, erzählt die 29-Jährige, nachdem sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, „und da habe ich rotzfrech gesagt: Aber nur wenn ich mitsegeln kann.“

Vogel ist für das Vorsegel verantwortlich

Jetzt ist die Erfurterin hier und muss segeln. Natürlich nicht allein, sondern mit Anastasia, „Nastia“, Winkel (26) vom NRV, die das kentersichere Boot wie mit einem Fahrradlenker steuert, das speziell für die Nutzung von Menschen mit (und ohne) Behinderung konstruiert wurde (siehe auch Artikel auf Seite 26). „Kristina hat das ganz toll gemacht“, lobte die Steuerfrau ihre neue Teamkameradin, „ich war schon überrascht, wie schnell sie alles gelernt hat.“

Vogel sitzt vorn im Boot, Winkel dahinter. Die Sitze sind fest installiert, können aber der Krängung (Neigung) angepasst werden. Vogel ist für das Vorsegel verantwortlich, muss Leinen ziehen oder loslassen. Immer besser spielt sich das Team bei den Proberunden aufeinander ein. Irgendwann kann auch der Gennaker (dreieckiges Vorsegel) gehisst werden. Trainerin Luisa Krüger (27) schaut sich alles vom Motor-Beiboot aus an, ruft manchmal Anweisungen rüber. „Die beiden haben das gut gemacht mit der Abstimmung“, urteilt Krüger. Auch als drei junge Männer etwas planlos in einem Paddelboot mit dem Namen „Chaos 2“ den Kurs der Frauen kreuzen, ist das keinerlei Problem. „Ich habe mich immer sehr sicher gefühlt“, sagt Vogel.

„Manchmal bin ich sogar ein bisschen dankbar für den Unfall“

Leistungssport treibt die 29-Jährige seit dem schweren Trainingsunfall vom 26. Juni 2018 in Cottbus nicht mehr, bei dem sie ihre Querschnittlähmung erlitt: „Ich habe das lange genug gemacht, irgendwann ist dann auch mal gut“, sagt die elfmalige Weltmeisterin. Eigentlich war der Zeithorizont dafür bis 2020, Olympia in Tokio, gedacht. Nun ist es eben anders gekommen. „Manchmal bin ich sogar ein bisschen dankbar für den Unfall. Ich erlebe ganz viele neue Dinge und lerne Menschen kennen, die ich sonst nie kennenlernen würde“, sagt sie, „zum Beispiel hier auf der Alster mit Nastia segeln.“

Die 26 Jahre alte Anastasia Winkel segelt normalerweise als Vorschoterin mit Luise Wanser (23) im 470er und versucht, sich für Olympia in Tokio zu qualifizieren. Als sie gefragt wurde, ob sie mit Kristina Vogel ins Boot steigen möchte, hat sie sofort zugesagt: „Es ist für mich eine Ehre, mit solch einem Star zu segeln.“ Kristina Vogel ist das etwas unangenehm: „Da werde ich ja rot.“ Nein, Nastia lässt nicht locker: „Ich habe 2016 den Gewinn ihrer olympischen Goldmedaille in Rio de Janerio am Fernseher verfolgt. Ich weiß, wie viel Mühe nötig ist, um so etwas zu erreichen, und ich habe ihre Geschichte verfolgt.“

Vogel sitzt als Parteilose für die CDU seit 2019 im Erfurter Stadtrat

Na gut. Das lässt Kristina Vogel dann gelten. Diese Unfallgeschichte ist halt auch ihre, sie soll sie immer wieder erzählen – und tut das gern. „Durch mich ist eine Stimme für Inklusion und Menschen mit Handicap dazugekommen“, sagt sie, „ich wäre ja blöd, das nicht zu nutzen. Ich habe das Gefühl, ich kann für andere etwas bewegen.“

Das versucht sie an unterschiedlichen Stellen. Sie sitzt als Parteilose für die CDU seit 2019 im Erfurter Stadtrat, sie kommentiert im Fernsehen Radsportwettbewerbe, tritt als Laudatorin auf, hat ein Buch über ihr Leben geschrieben, das im nächsten Frühjahr erscheinen soll, und arbeitet als Radsporttrainerin für ihren Arbeitgeber, der Bundespolizei. Im November will sie ihre A-Lizenz erwerben. Da ist so einiges los, „ich brauche gutes Zeitmanagement“.

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Ein Wochenende wie jetzt in Hamburg und segeln auf der Alster sind da willkommene Abwechslungen. Und eine neue Erfahrung. Auch das Einsteigen in das Segelboot ging mithilfe von Nastia Winkel sehr gut. „Ach, runter geht es immer“, sagt Kristina Vogel auf dem Steg. Für die Alltagsfragen im Handling mit dem Rollstuhl hat sie sich oft mit der Hamburger Parakanutin Edina Müller (37) ausgetauscht: „Bei YouTube findet man tausend Tipps zur Haarpflege, zum Kochen oder wie man Zimmerpflanzen gießt“, hat sie festgestellt, „aber praktisch nichts, wie man als Rollifahrer durch den Alltag kommt.“

Doch, da ist noch viel zu tun, auch deshalb segelt Kristian Vogel nun begeistert auf der Alster mit: „Für mich als Feministin ist das absolut super: Der Helga Cup verbindet Aufmerksamkeit für Frauen und für Menschen mit Behinderung miteinander.“

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