Weltmeisterschaft

Hamburg-Triathlon: Laura Lindemann zählt zur Weltspitze

Die Wechselzone – aus dem Wasser aufs Rad und vom Rad auf die Laufstrecke – war oberhalb des Stadtparksees eingerichtet, in dem die Aktiven bei 19,5 Grad schwammen.

Die Wechselzone – aus dem Wasser aufs Rad und vom Rad auf die Laufstrecke – war oberhalb des Stadtparksees eingerichtet, in dem die Aktiven bei 19,5 Grad schwammen.

Foto: FrankPeters / WITTERS

Die deutsche Sportlerin gewinnt in Hamburg mit Bronze ihre erste WM-Medaille. Franzosen mit zweimal Gold top, auch Briten überzeugen.

Hamburg. Laute Schreie hallten durch die Wechselzone oberhalb des Stadtparksees. Schreie der Wut waren es, und den, der sie ausstieß, musste man verstehen. Casper Stornes hatte nach dem Schwimmen versucht, sich vor dem Wechsel aufs Rad seines Neoprenanzugs zu entledigen.

„Dabei ist mir die lange Lasche, mit der der Reißverschluss geöffnet werden kann, abgerissen. Also hatte ich keine andere Chance, als mir von meinem Trainer helfen zu lassen“, sagte der norwegische Triathlet, als er sich wieder beruhigt hatte, im Gespräch mit dem Abendblatt. Folge der unerlaubten Hilfeleistung war Stornes’ Disqualifikation, dennoch zog er das komplette Rennen durch. Schließlich, und das machte sein Malheur so bitter und seine Wut so verständlich, wird es in dieser Saison sein einziges gewesen sein.

Nabel der Triathlon-Welt

Hamburg war am Wochenende der Nabel der Triathlon-Welt. Weil alle anderen Rennen der Weltserie infolge der Corona-Pandemie abgesagt werden mussten, hatte der Weltverband ITU entschieden, die Weltmeisterschaften über die Sprintdistanz (750 m Schwimmen, 18,9 km Radfahren und 5 km Laufen) sowie in der Mixed-Staffel (je zwei Frauen und Männer pro Nation über je 300 m Schwimmen, 6,5 km Rad und 1,7 km Laufen) in Hamburg auszutragen. Nicht in der Innenstadt, wie in normalen Jahren gewohnt, sondern im Stadtpark, und nach allen gültigen Corona-Regeln.

Aber dennoch in einer Form, die einer Doppel-WM würdig war. Das erkannten auch die Aktiven an, die, bis auf den bemitleidenswerten Norweger Stornes und die ausgeschiedenen Staffeln aus Portugal, Polen und Irland, sehr glücklich waren und der Stadt sowie Veranstalter Ironman Germany mit großer Dankbarkeit begegneten.

Britin kam ohne Erwartungen nach Hamburg

Besonders glücklich waren die Franzosen, die in Vincent Luis (31) am Sonnabend den alten und neuen Einzelchampion und mit Léo Bergere (24) den Bronzegewinner stellten und es sich am Sonntag erlaubten, auch ohne den erfolgreichen Titelverteidiger in der Besetzung Leonie Periault (26), Bergere, Cassandre Beaugrand (23) und Dorian Coninx (26) die Staffel zu gewinnen – zum dritten Mal in Serie. Mit einer Zeit von 1:18:25 Stunden hatten sie im Ziel neun Sekunden Vorsprung auf die USA und 35 auf Großbritannien. „Es ist einfach großartig, dass wir so eine Breite haben, dass wir auch ohne Vincent hier gewinnen konnten“, sagte Coninx, der auf dem Rad 16 Sekunden Vorsprung herausfuhr und diesen bravourös ins Ziel lief.

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Überrascht von ihrer eigenen Leistung war die einzige Athletin, die am Wochenende zwei Medaillen gewinnen konnte. Die Britin Georgia Taylor-Brown war, nachdem sie wegen des Lockdowns in ihrer Heimat erst Ende Juni wieder reguläres Schwimmtraining betreiben konnte, ohne Erwartungen nach Hamburg gekommen – und verließ die Stadt als Einzelweltmeisterin und Staffeldritte. „Ich bin selbst ein bisschen geschockt“, sagte die 26-Jährige, die besonders auf der Laufstrecke begeisterte und dort am Sonnabend die zweifache Weltmeisterin Flora Duffy (32/Bermuda) mit zehn Sekunden Vorsprung auf den Silberrang verwies.

Trotz ihrer Glanzleistung fühle sie sich angesichts der Umstände nicht als echte Weltmeisterin, sagte Georgia Taylor-Brown. „Natürlich ist der Titel toll. Aber normalerweise wird er in einer Serie vergeben, deshalb ist für mich nächstes Jahr Katie Zaferes immer noch Titelverteidigerin.“ Die US-Amerikanerin (31) wurde im Einzel Fünfte, freute sich aber über Staffelsilber.

Lindemann kann in der Weltspitze mithalten

Und die Deutschen? Die hatten ihre Freude an Laura Lindemann. Die 24-Jährige aus Potsdam wies einmal mehr nach, dass sie im Hinblick auf die in den Sommer 2021 verlegten Olympischen Spiele von Tokio die einzige Athletin der Deutschen Triathlon-Union (DTU) ist, die in der Weltspitze mithalten kann. Trotz ihrer Schwierigkeiten bei beiden Wechseln, die sie auf die vor Kälte tauben Hände und Füße schob, sicherte sich die Sprint-Europameisterin von 2017 ihre erste WM-Medaille im Erwachsenenbereich und war trotz der 24 Sekunden Rückstand auf die Siegerin sehr zufrieden. „Über die Wechsel habe ich mich sehr geärgert, aber ich habe dann alles gegeben, um so weit wie möglich nach vorn zu kommen. Deshalb bin ich super glücklich, dass es zu einer Medaille gereicht hat“, sagte sie.

Fist Bump statt Umarmung

Wie ungewohnt die aktuellen Hygieneauflagen für die Athleten sind, zeigte sich im Ziel, als Lindemann Georgia Taylor-Brown umarmen wollte, die Britin sich aber rechtzeitig an die Vorgaben erinnerte und den rechten Arm zum „Fist Bump“ ausstreckte.

Auch die Medaillen mussten sich die Platzierten selbst von einem Teller nehmen und umhängen. Dazu vermissten alle die besondere Atmosphäre, die Hamburg zum unter Athletinnen und Athleten beliebtesten Rennen gemacht hat. „Im Rennen ist man im Tunnel, da denkt man darüber nicht nach. Aber natürlich wünschen wir uns alle, dass im nächsten Jahr alles wieder so ist wie gewohnt“, sagte Laura Lindemann, die am Sonntag nicht verhindern konnte, dass die deutsche Staffel in der Besetzung Lisa Tertsch (21/Darmstadt), Jonas Schomburg (26/Hannover), Lindemann und Lasse Lührs (24/Potsdam) als Achte ihr Ziel, unter die besten fünf zu kommen, deutlich verfehlte.

Im Nachwuchs auf dem richtigen Weg

Dennoch zog DTU-Sportdirektor Jörg Bügner ein positives Fazit des WM-Wochenendes. Rang zwölf von Lührs im Einzelrennen und auch der 17. Rang von Tim Hellwig (21/St. Ingbert) „haben gezeigt, dass wir im Nachwuchs auf dem richtigen Weg sind. In der Staffel sind wir Risiko gegangen und haben einiges ausprobiert. Und über Laura müssen wir nicht reden, sie ist in der Weltspitze angekommen. Mit dem gesamten Team sind wir davon noch ein Stück entfernt, aber die Richtung stimmt“, sagte er.

Versöhnlich zeigte sich letztlich auch der Pechvogel aus Norwegen. „Besser, das passiert mir hier als in Tokio. Und noch schlimmer wäre es gewesen, wenn meine Form nicht gestimmt hätte“, sagte Casper Stornes. Auch wenn er das Gegenteil nicht beweisen durfte: Das ist der Optimismus, den es braucht, um schwierige Phasen zu überstehen.