Sport-Marketing

Was Hamburg und Los Angeles verbindet

Robert Zitzmann (r.) und Holger Hansen im Banc of California Stadium des Los Angeles FC. Im Hintergrund die Lücke auf der Tribüne

Robert Zitzmann (r.) und Holger Hansen im Banc of California Stadium des Los Angeles FC. Im Hintergrund die Lücke auf der Tribüne

Foto: Jung von Matt SPORTS GmbH

Die Hamburger Kreativ- und Beratungsagentur Jung von Matt Sports will in die USA expandieren. Die Geschäftsleitung hat dort bereits vorgefühlt.

Hamburg. Da ist diese Lücke im Banc of California Stadium. Und weil Holger Hansen und Robert Zitzmann dank ihrer Herkunft auf Effizienz konditioniert sind, fragten sie sich, warum dort, wo die Lücke zwischen den Tribünen klafft, keine Sitzplätze installiert sind. Locker 500 Zuschauer verschenkt der Los Angeles Football Club (LAFC) pro Heimspiel – außerhalb von Corona-Zeiten, versteht sich – mit dieser extravaganten Konstruktion. Den Gästen aus Germany leuchtete das nicht ein. Bis LAFC-Vizepräsident Rich Orosco ihnen den Tipp gab, auf das zu achten, was man beim Blick durch die Lücke sieht: die Skyline der kalifornischen Weltmetropole. „Alle Bilder, die so entstehen, transportieren unsere Verbundenheit zur Stadt“, erklärte er.

Mut zur Lücke also, um die Vermarktung zu optimieren und ein besonderes Image zu transportieren – Anregungen wie diese waren es, die sich Hansen (41) und Zitzmann (36) von ihrer Bildungsreise erhofft hatten. Die beiden Managing Partner der Kreativ- und Beratungsagentur Jung von Matt (JvM) Sports waren Ende Februar an die Westküste der USA gereist, um erste Schritte auf dem Weg zu gehen, auf einem der wichtigsten Weltmärkte Fuß zu fassen. „Wenn wir wachsen wollen, müssen wir uns international behaupten“, sagt Robert Zitzmann. „China und die USA sind neben Deutschland die Kernmärkte für uns. In China haben wir mit JvM Tonghui bereits eine Partneragentur. Als wir 2018 bei einem Pitch von Budweiser nicht mitbieten durften, weil wir kein Büro in den USA haben, wussten wir, dass wir etwas verändern müssen.“

Politische Bedeutung des Sports zeigt sich in diesen Tagen

Los Angeles als Standort rückte schnell in den Fokus der JvM-Sportmarketeers, die in Deutschland für Spitzenclubs wie Bayern München und Borussia Dortmund ebenso arbeiten wie für Weltmarken wie Adidas oder BMW. Die Me­tropolregion am Pazifik mit rund vier Millionen Einwohnern beheimatet nicht nur weltbekannte Franchise-Teams wie die Lakers und Clippers (beide Basketball), Rams und Chargers (beide Football), Kings (Eishockey), Angels und Dodgers (beide Baseball) oder Galaxy (Fußball). Sie ist 2026 auch Spielort der Fußball-WM und zwei Jahre später Gastgeber der Olympischen Sommerspiele 2028. „Los Angeles ist die wichtigste Sportstadt der kommenden zehn Jahre“, sagt Hansen.

Welche Bedeutung dem Sport in den USA nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch zukommt, zeigt sich in diesen Tagen, in denen die Rassismusproteste zum Boykott diverser Großveranstaltungen führten. „Die USA sind aktuell nicht nur ein Brandherd für gesellschaftlich-politische Feuer, sondern seit vielen Jahren auch ein Leuchtturm für gesellschaftliche Verantwortung, die von Sport und Sportlern übernommen wird. Ligen und Athleten reden hier nicht nur populistisch über Rassismus, sondern schaffen kraftvolle und global wirksame Symbole, über die die ganze Welt spricht“, sagt Hansen. „Die Profisportler nutzen endlich wieder die Aufmerksamkeit, die sie haben, und zeigen, wie kraftvoll der Sport sein kann, um die Gesellschaft wachzurütteln und zu verändern.“

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Eine „Champions League der Begegnungen“

Was die beiden Hamburger vor Ort erlebten, beschreiben sie als „die Champions League der Begegnungen“. Die exklusive Stadionführung beim LAFC war nur der Auftakt. Sie besuchten ein Lakers-Spiel, trafen Mitglieder des Olympia-Organisationskomitees, Führungskräfte des Gaming-Riesen EA Sports, zwei E-Sport-Clans und Vertreter diverser Agenturen. „Dadurch hat sich ein Portfolio an Kontakten und Marktbeziehungen gebildet, die unsere globale Spannkraft stärken“, sagt Zitzmann.

Drei Felder seien es gewesen, auf denen die wichtigsten Lerneffekte zu ernten waren. „Die Professionalisierung von Marketing, die Wertschätzung von dessen Bedeutung sowie die Verbindung von Sport, Entertainment und Technologie sind Themenbereiche, bei denen uns die Amerikaner weit voraus sind“, sagt Zitzmann, der den erfrischenden und daueroptimistischen Blick der Gastgeber auf den Wirtschaftszweig der Vermarktung besonders schätzen gelernt hat. „Unser Fokus war, zu lernen und zu verstehen, was wir in Deutschland besser machen können“, sagt Hansen.

Jung von Matt will US-Teams helfen, in Europa anzukommen

Interessant sei in dieser Hinsicht auch die Erfahrung gewesen, wie sehr Sport und dessen kommerzialisierte Auswüchse in der US-Gesellschaft verankert sind. „Der Stellenwert des Sports ist in den USA immens. Das war keine Überraschung und dennoch spannend zu erfahren“, sagt Zitzmann. Die Bevölkerung in Los Angeles sei stolz darauf, ein Großevent wie Olympia ausrichten zu dürfen. „Allerdings spielt dabei auch eine Rolle, dass fast alle Sportstätten aufgrund der Tatsache, dass Los Angeles schon zweimal Olympia-Gastgeber war, vorhanden und kaum teure Neubauten notwendig sind“, sagt Hansen.

Das JvM-Duo war indes nicht nur zum Lernen angereist, sondern auch, um die eigene Expertise einem neuen Kundenkreis anzubieten. „Bei jedem Termin haben wir unsere Nice-to-meet-you-Präsentation gehalten, um uns vorzustellen und über unsere Arbeit in Europa zu sprechen“, sagt Hansen. Unter dem Slogan „Making Sports a better business“ referierte man zu drei Themen: Fußball als Kultur- und Kommerzobjekt, E-Sports und soziale Verantwortung.

Hansen und Zitzmann wollen Beziehungen in den kommenden Monaten vertiefen

„Wir glauben, dass wir US-Teams helfen können, eine Brücke zu europäischen Fans und deren Kultur schlagen zu können“, sagt Zitzmann. Außerdem sei die US-Wirtschaft deutlich charity-orientierter als die in Deutschland, was Jung von Matt Sports mit seinem Engagement für das Fußball-Sozialprojekt „Common Goal“ mit US-Unternehmen verbinden könnte. Nicht zuletzt könnte Los Angeles als Olympia-Gastgeber von Hamburg im Bereich des öffentlichen Nahverkehrs lernen. All diese Fäden im Geschäftsgeflecht wollen Hansen und Zitzmann in den kommenden Monaten aufnehmen und die Beziehungen zu Partnern vertiefen. Mit Craig Thompson, Inhaber der Agentur Mindspring Sport sowie ehemaliger CEO des America’s Cup der Segler und des europäischen Fußballverbands Uefa, haben sie einen freien Berater engagiert, der in Los Angeles basiert ist. 2021 startet das erste Mandat mit einem Sportkunden vor Ort. Im Hamburger Hauptsitz an der Karolinenstraße fängt in Kürze ein Mitarbeiter im Bereich E-Sports an, der vier Jahre lang in Los Angeles gelebt hat.

Offen ist, wann Hansen und Zitzmann das nächste Mal nach Kalifornien reisen. Mitte März verließen sie die Stadt eine Woche früher als geplant mit dem letzten Flieger vorm Lockdown. Nun haben sie sich geschworen, erst zurückzukehren, wenn Präsident Donald Trump Geschichte ist. Gewählt wird am 3. November; wenn alles gut geht mit der Abstimmung und dem Virus, soll im März 2021 der nächste Besuch stattfinden – mit unbefristetem Aufenthalt. Vielleicht können sie dann bereits die Suche nach einem eigenen Büro starten