Sport in Corona-Zeiten

Für die Leichtathleten heißt es Braunschweig statt Tokio

Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo (26/LG Kurpfalz) ist der Star der deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Braunschweig.

Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo (26/LG Kurpfalz) ist der Star der deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Braunschweig.

Foto: picture alliance

Deutsche Leichtathletik-Meisterschaften mit Weltmeisterin Malaika Mihambo hoffen auf globale Wahrnehmung.

Braunschweig. Zuschauer dürfen nicht ins Stadion, insgesamt maximal 999 Personen zur selben Zeit, einige Stars haben abgesagt, andere kommen bloß zur Formüberprüfung. Dennoch sind die Macher stolz, dass sie mit ihrem Hygienekonzept die deutschen Meisterschaften in diesem Jahr gerettet haben. „Die ganze Leichtathletik-Welt wird am Wochenende nach Braunschweig schauen“, sagte DLV-Verbandspräsident Jürgen Kessing vor den Titelkämpfen an der Hamburger Straße.

Endlich wieder laufen, springen und werfen – die olympische Kernsportart meldet sich auf der großen Bühne zurück. ARD (Sonnabend, 17.10 bis 19.55 Uhr) und ZDF (Sonntag, 17.10 bis 18.55 Uhr) berichten knapp fünf Stunden live. „Wir nehmen eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Leichtathletik wahr, weil es vielen anderen Sportarten bis heute nicht gelungen ist, hochwertige Wettkämpfe zu organisieren“, sagte die neue Chef-Bundestrainerin Annett Stein. 477 Athletinnen und Athleten haben für die 34 Disziplinen gemeldet.

Das Highlight wird vermutlich der Auftritt von Weltmeisterin Malaika Mihambo, die erstmals in diesem Sommer im Weitsprung antritt (Sonntag, 17.15 Uhr). Es sei „wirklich schön“ und „ein Hoffnungsschimmer“, dass das Leichtathletik-Jahr mit den deutschen Meisterschaften an Fahrt aufnimmt, sagte die 26-Jährige. In diesen Zeiten haben die Titelkämpfe „für uns alle einen besonderen Stellenwert“. Mihambo startet mit verkürztem Anlauf, mit 16 statt 20 Schritten, um sich zu schonen: „Ich bin erst seit zwei Monaten wieder im Training. Nach der Olympia-Absage gab es keinen Grund zur Eile. Ich konnte meine Rückenverletzung aus der Hallensaison auskurieren. Wir haben uns für eine nicht ganz so intensive Saison entschieden, weil sie nicht den Stellenwert hat, den sie normal gehabt hätte. Das Ziel ist es, technisch sauber zu springen.“

Auch der Speerwurf der Männer ist gut besetzt

Auch der Speerwurf der Männer (Sonntag, 17.30 Uhr) ist mit dem ehemaligen Weltmeister Johannes Vetter und Titelverteidiger Andreas Hofmann gut besetzt. Zudem wird der Auftritt von Sprint-Aufsteiger Deniz Almas über 100 Meter (Sonnabend, 19.50 Uhr) mit Spannung erwartet. Das Hamburger Talent Lucas Ansah-Peprah (HSV) hofft, einer seiner finalen Konkurrenten zu werden. Ansah-Peprah startet auch über die 200 Meter – dort mit Medaillenchancen. Zudem haben sich Anna Holzmann (23/SC Poppenbüttel), 100 und 200 Meter, HSV-Weitspringer Bennet Vinken (20) und Lisa Hausdorf (17/AG Hamburg West) über 1500 Meter für die Meisterschaften qualifiziert.

Zahlreiche prominente Athleten haben nach der Verschiebung der Olympischen Spiele allerdings für Braunschweig mit unterschiedlichen Begründungen abgesagt: So sind Mittelstrecken-Ass Konstanze Klosterhalfen, Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler, Sprinterin Gina Lückenkemper ebenso nicht dabei wie Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul oder Christoph Harting, 2026 Diskus-Olympiasieger in Rio de Janeiro.

Speerwerfer Vetter (27) hat die Absagen am Freitag stark kritisiert. „Es gab vor dem festen Termin der deutschen Meisterschaften große Sorge um den Sport, im Bundesinnenministerium wurde ein Nachtragshaushalt für den Sport eingeräumt, um die wirtschaftliche Bedrohung regulierbar zu machen. Dadurch ist es für mich nicht nachvollziehbar, dass manche Athleten die Meisterschaften aus nicht eindeutigen Gründen absagen“, klagte der Weltmeister von 2017 und deutsche Rekordhalter (94,44 m). „Da sind einige, die machen vor und nachher munter Wettkämpfe – aber bei den deutschen Meisterschaften zeigen sie sich nicht.“ Das gebe vor allem für die Nachwuchsathleten ein schlechtes Bild ab, wenn sie ihre Idole nicht sehen und sich fragen: Warum kommen die nicht? „Und was denken die Mitarbeiter vom Gesundheitswesen, die Ärzte und Krankenschwestern und Pflegekräfte, die während der harten Corona-Zeiten immer rund um die Uhr für alle da waren und sich nie gedrückt haben?“

Dass die Meisterschaften stattfinden können, grenzt an ein kleines Wunder

Dass die Meisterschaften überhaupt stattfinden können, grenzt an ein kleines Wunder. Im Gegensatz zu den Fußball- oder Basketball-Profis können Leichtathleten, die meist noch einem Beruf nachgehen oder studieren, nicht pro­blemlos in Quarantäne gesteckt werden. So musste ein umfassendes Hygienekonzept erarbeitet werden, um die Auflagen der Behörden zu erfüllen. Natürlich gilt: Abstand halten und Maskenpflicht. Außerdem wird das Stadion in vier Zonen aufgeteilt, in denen man sich im Einbahnstraßen-System bewegen darf.

Die Wettkämpfe werden in vier Sessions durchgeführt, auch um genügend Zeit zur Desinfektion zu haben. Umkleiden und Duschen bleiben geschlossen, was kein Problem darstellt, da die meisten dies ohnehin lieber im Hotel erledigen. Die Werfer müssen ihre eigenen Arbeitsgeräte mitbringen, dürfen nicht wie sonst untereinander tauschen. Die Sieger müssen sich ihre Medaillen selbst umhängen. Corona-Schnelltests sind wegen einer neuen niedersächsischen Landesverordnung nicht mehr nötig.

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Insgesamt betreibt der DLV einen riesigen Aufwand. Natürlich auch, um die finanziellen Einbußen wegen Corona so gering wie möglich zu halten. „Der Verlust wäre im hohen sechsstelligen Bereich gewesen“, sagte Kessing, wären die Meisterschaften ausgefallen.

400-m-Hürdenläuferin Jackie Baumann, Tochter des 5000-m-Olympiasiegers von 1992 Dieter Baumann, hat überraschend ihre Karriere beendet. Die 24-Jährige kam offenbar mit dem mentalen Druck vor Wettkämpfen nicht mehr zurecht, auch professionelle Unterstützung half nicht weiter. 2016 hatte die zweimalige deutsche Meisterin an Olympia teilgenommen.