Corona-Regeln

13 Zentimeter bremsen Hamburgs Ruderer aus

Trainer Martin Blüthmann, Gert-Rüdiger Wüstney und Cornelius Grajecki (v. l.), Vorsitzender Sport, in der Bootshalle des RC Favorite Hammonia.

Trainer Martin Blüthmann, Gert-Rüdiger Wüstney und Cornelius Grajecki (v. l.), Vorsitzender Sport, in der Bootshalle des RC Favorite Hammonia.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Weil zwischen den Rollsitzen Abstand fehlt, droht der RC Favorite Hammonia nicht in der Bundesliga starten zu können.

Hamburg.  Freitagnachmittag an der Außenalster: 24 Grad Celsius, Sonnenschein, etwas Wind, leicht kräuseliges Wasser. Ideale Bedingungen für den Wassersport. Am Steg des Ruderclubs Favorite Hammonia am Alsterufer 9 ziehen zahlreiche Segelboote vorbei, vereinzelt auch Ruderboote; Einer, andere sind derzeit nicht erlaubt.

„Mir blutet bei diesen Bildern das Herz, dass der Rudersport in Hamburg weiter nur sehr eingeschränkt aufs Wasser darf“, klagt Gert-Rüdiger Wüstney, den alle bei Favorite nur „Spiddel“ nennen und verweist auf die 80, bis 50.000 Euro teuren Mannschaftsboote, Zweier bis Achter, die ungenutzt in den Bootshallen stehen. Ein paar jugendliche Leistungssportler dürfen im Abstand von 15 Minuten ihre Einer auf die Alster setzen.

Der Breitensport ist in Deutschlands größtem Ruderverein mit 820 Mitgliedern, darunter 380 Aktive, dagegen ausgebremst. Im Kraftraum können trotz Einhaltung der Abstandsregeln zwischen den Geräten (2,5 Meter) nur drei Personen ihre Muskeln stählern. Von Montag an ist die doppelte Zahl erlaubt. Umkleidekabinen und Duschen müssen wie in allen Hamburger Vereinen und Fitnessclubs weiter geschlossen bleiben.

„Active City Express“ holte leistungsstarke Athleten ins Boot

„Spiddel“ (75) ist das Herz des Clubs, immer für jeden und alle da, und seine Herzensangelegenheit ist die Ruder-Bundesliga (RBL). Bis zu fünf Hamburger Vereine stellten einst Frauen- und Männer-Achter für die nationale Rennserie, die seit 2009 auf verschiedenen Binnengewässern gerudert wird, immer über 350 Meter. Vor drei Jahren war dann in Hamburg plötzlich Schluss, und das gleich bei allen Vereinen. „Das war Zufall. Es gab keine Absprachen“, versichert Wüstney. Die Kosten, 20.000 Euro pro Saison, aber auch, dass sich immer weniger Frauen und Männer fanden, die bereit waren, sich auf die sportlich anspruchsvollen Regatten über Monate vorzubereiten, waren die Hauptgründe.

2020 sollte es wieder losgehen. Wüstney sammelte mit Sportvorstand Cornelius Grajecki (33) Geld, organisierte den Kader, motivierte den ehemaligen Spitzenruderer Martin Blüthmann (56), die Crew zu trainieren. Der RC Favorite bildete mit dem Hamburger und Germania Ruderclub eine Renngemeinschaft. Sie nannten den Achter „Active City Express“, holten dazu leistungsstarke Athleten der RG Hansa und des ARV Hanseat ins Boot. „Die Jungs waren heiß“, erzählt Blüthmann. Bis Corona kam. Trainiert wurde weiter, zu Hause, an Ruder-Zugmaschinen, mit Liegestützen, Sit-ups und Klimmzügen. Blüthmann schrieb die Programme: „Die haben ihre Muskeln richtig aufgepumpt, waren alle voll fit.“

In anderen Bundesländer kann wieder trainiert werden

Jetzt droht das Projekt ins Wasser zu fallen. „Wenn wir im Juli nicht wieder gemeinsam im Boot sitzen dürfen, melden wir uns ab“, sagt Blüthmann. Für September sind in der RBL weiter zwei Renntage angesetzt. Ein Wettbewerbsnachteil besteht bereits. Während in vielen Bundesländern Rudern in Mannschaftsbooten gestattet ist, verlangt Hamburg 1,5 Meter Abstand zwischen den Sportlern. Die Rollsitze sind aber alle 1,37 Meter montiert. 13 Zentimeter fehlen. „Wir können jetzt nur auf die Einsicht der Politik hoffen. Wir treiben Sport im Freien, haben uns immer an alle Regeln gehalten“, sagt Blüthmann.

Gegenüber beim RC Allemannia am anderen Alsterufer besitzen sie sogenannte Coastal-Vierer, Küstenruderboote. Bei denen beträgt der Sitzabstand 1,47 Meter. Der Club führte das Boot bei der Wasserschutzpolizei vor – und erhielt die Genehmigung. „Vielleicht sollten wir unsere Rollsitze absägen, damit wir mehr Abstand hinbekommen“, scherzt Wüstney und wird sofort wieder sehr ernst: „Es ist alles so traurig.“