Hamburger Schwimmer

Jacob Heidtmann: Über Kalifornien nach Tokio

Jacob Heidtmann (25) ist nach einem halben Jahr in den USA nach Hamburg zurückgekehrt.

Jacob Heidtmann (25) ist nach einem halben Jahr in den USA nach Hamburg zurückgekehrt.

Foto: Andreas Laible

Deutschlands aktuell schnellster Lagenschwimmer will bei Olympia eine Medaille gewinnen. Dafür trainiert er in den USA.

Hamburg.  Das Handy klingelt um kurz vor zwölf Uhr mittags. „Können wir unseren Termin vorziehen? Ich habe gerade erfahren, dass ich um 16 Uhr am Olympiastützpunkt (OSP) in den Kraftraum kann“, bittet Jacob Heidtmann um eine Vorverlegung des Gesprächs mit dem Abendblatt. Trainingszeiten am OSP in Dulsberg sind derzeit rar. Nur acht Sportler dürfen gleichzeitig maximal 90 Minuten lang Gewichte stemmen. Heidtmann steht nach seiner Rückkehr aus den USA und anschließender zweiwöchiger Quarantäne im Dachgeschoss des elterlichen Hauses in Borstel (Schleswig-Holstein) noch nicht auf der OSP-Liste, obwohl er als Kadermitglied für die Sommerspiele 2021 in Tokio als einer der Ersten ein Anrecht darauf hat.

„Das wird sich demnächst regeln, da bin ich mir sicher“, sagt Deutschlands aktuell schnellster Lagenschwimmer und Rekordhalter. Jetzt ergibt sich die Gelegenheit, weil zwei Kollegen wegen „Unpässlichkeit“ kurzfristig absagen.

Wer bei Marsh trainiert, will nicht nur zu Olympia, er will dort auch Medaillen gewinnen

Vor drei Wochen landete Heidtmann wieder in Hamburg. Im vergangenem September hat er sich dem „Eliteteam“ des renommierten US-Trainers David Marsh (61) in San Diego (Kalifornien) angeschlossen, zog mit seinem Nationalmannschaftskollegen Marius Kusch (27), 2019 Kurzbahn-Europameister über 100 Meter Schmetterling, in ein Apartment. Dritter WG-Bewohner ist Karibikmeister Dylan Carter (24), der für Trinidad und Tobago startet. Marsh hat 49 Schwimmer aus 16 Nationen zu Olympischen Spielen geführt, 2016 betreute er in Rio de Janeiro das erfolgreiche US-Frauen-Team. Zu seinen Schützlingen gehörte Ryan Lochte (35), einer der besten Schwimmer aller Zeiten.

Wer bei Marsh trainiert, will nicht nur zu Olympia, er will dort auch Medaillen gewinnen. Heidtmann jedenfalls hat sich dieses ehrgeizige Ziel gesetzt, und wenn der Coach dieses Potenzial nicht in ihm sehen würde, hätte er ihn gar nicht erst in seine Gruppe aufgenommen. Die besteht bis Mitte März aus 20 Spitzenschwimmern, bevor mit dem Lockdown auch in den USA alle Trainingsstätten schließen. Selbst im Pazifik darf die ersten Wochen weder geschwommen noch gesurft werden. In häuslichen Pools ergeben sich dennoch Trainingsmöglichkeiten, zuletzt in einem privaten, sogar beheizten 22-Meter-Becken. „So was gibt es in dieser Gegend häufiger“, erzählt Heidtmann. San Diego gehört nicht gerade zu den ärmlichen Landstrichen der Vereinigten Staaten.

Schlussfolgerungen überlässt er öffentlich lieber anderen

Warum Heidtmann (25) nach sieben Jahren am Hamburger Stützpunkt, drei deutschen Meisterschaften über 400 Meter Lagen (Schmetterling, Rücken, Brust, Kraul), nationalem Rekord, Platz fünf bei der WM 2015 im russischen Kasan und dem Gewinn der Europameisterschaft 2018 mit der 4 x 200-Meter-Freistilstaffel die Herausforderung 9150 Kilometer von zu Hause sucht, steht in seinem Facebook-Account. Unter dem Hashtag „efficiency“, Effizienz, schreibt er: „Es kommt nicht darauf an, wie viele Stunden man etwas macht, es kommt vielmehr darauf an, was man in diesen Stunden macht.“

Als Kritik am hiesigen Trainingssystem will der Athletensprecher des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) seinen Eintrag nicht verstehen. Dazu ist einer wie Heidtmann viel zu höflich, zu empathisch, auch zu solidarisch. Schlussfolgerungen überlässt er öffentlich lieber anderen. Wenn aber die deutschen Schwimmer bei zwei olympischen Spielen in Folge, 2012 in London und 2016 in Rio, keine Medaille gewinnen, dürfe man schon mal über mögliche Gründe nachdenken, sagt er.

Finanzieller und zeitlicher Zusatzaufwand

Für sich hat er die Konsequenzen gezogen. Und die sind nicht ganz billig. 800 US-Dollar (705 Euro) zahlt er Trainer March im Monat. Dazu kommen 100 Dollar (88 Euro) für eine Stunde Physiotherapie, eine ähnliche Summe für eine Einheit Krafttraining. Alle diese Leistungen genoss Heidtmann in Hamburg umsonst. Mieten und Lebenshaltungskosten sind in Kalifornien zudem fast dreimal höher als in Deutschland. Mit seinem Sold als Sportsoldat, der Förderung des Teams Schleswig-Holstein und der Stiftung Deutsche Sporthilfe kann er seine Mehrausgaben halbwegs decken. Für Extras, zum Beispiel fürs Surfen, muss er ans Ersparte, „an Geld, das ich für die Zeit nach dem Schwimmen zum Aufbau einer Existenz nutzen wollte“. Heidtmann studiert an der Uni Hamburg Sozialökonomie. Wegen der Verschiebung der Spiele in Tokio auf den Sommer 2021 plant er den Abschluss jetzt für 2022.

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Der finanzielle und zeitliche Zusatzaufwand lohnt sich. „Ich habe noch nie so viel Spaß beim Schwimmen gehabt“, sagt Heidtmann. Das Training sei nicht unbedingt umfangreicher als in Hamburg, gefühlt aber wesentlich härter, intensiver und ständig mit Wettkampfelementen angereichert. Genau darauf habe er richtig Lust: „Ich bin ein Wettkampftyp, ich will mich ständig mit anderen messen.“ In San Diego sind es mit die Besten der Welt, die fast täglich neben ihm ihre Bahnen im Wasser ziehen. Das sporne ihn an, sagt Heidtmann.

Heidtmann verzichtet auf Fleisch

Und er sieht Fortschritte. Anfang März, kurz vor der Corona-Pause, erfüllte er in Des Moines (Iowa) die DSV-Olympianorm über 400 Meter Lagen, blieb nur drei Zehntelsekunden über seinem Rekord von 4:12,08 Minuten aus dem Jahr 2015. Über 200 Meter Lagen und 200 Meter Freistil verpasste er die Richtzeiten knapp. Neben der Trainings- mag seine Ernährungsumstellung zur zurückgewonnenen Schnelligkeit beitragen. Heidtmann verzichtet nun auf Fleisch, „ich bin Pesco-Vegetarier“. Er habe jetzt das das Gefühl, „nach Belastungen viel rascher zu regenerieren“.

Das Olympia-Trauma von Rio 2016, als er als Fünftschnellster aller Vorläufe wegen eines angeblich falschen Beinschlages disqualifiziert wurde, ist abgehakt. Siegertypen blicken voraus. Zunächst aber muss er ein neues US-Visum beantragen. Das alte läuft am 17. Juni ab. Im August soll für Jacob Heidtmann in San Diego die Olympiavorbereitung für Tokio dann ein zweites Mal beginnen.